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Zuhause bei: Silvia Hofmann, Pilotin aus Dresden

Zuhause bei: Silvia Hofmann, Pilotin aus Dresden

Fein aufgereiht sind die kleinen Nussknacker. Sie zieren die Schrankwand in der elterlichen Wohnstube. Auch die Engelsfiguren neben der Holzpyramide und die süßen Plätzchen auf dem Wohnzimmertisch sorgen für heimelige, weihnachtliche Atmosphäre.

Von Stephan Klingbeil

Mitten im Raum steht der Koffer von Silvia Hofmann. Die 29-Jährige Co-Pilotin ist gerade zurück aus Leipzig, wo sie für die European Air Transport Leipzig GmbH (EAT), einer Tochter des Logistikunternehmens DHL, fliegt und im November als 3500. Mitarbeiterin am Drehkreuz vorgestellt worden war. Jetzt ist sie heimgekehrt an die Elbe, von einem Flug nach Helsinki.

Sie nimmt einen Bügel, geht in den Keller. Hängt dort ihre Uniform auf. Faltenfrei das dunkelblaue Jackett, drei goldgelbe Streifen zieren die Ärmel. Die schmucke Uniform will nicht so recht zum Rest der kleinen, eher übersichtlich eingerichteten Gästewohnung passen. Kaum zehn Quadratmeter groß ist ihr Zimmer hier unten in der Haushälfte ihrer Eltern in Dresden-Dölzschen.

Silvia Hofmann ist zufrieden mit dem Platz. Ein Bett steht darin, ein Schrank dazu, ein kleiner Fernsehapparat. An den Wänden hängen ein paar Mitbringsel von Reisen. Sie bringen einen Hauch von Exotik in den umgebauten Kellerraum mit dem schmalen Fenster. Ein Hut aus Thailand hängt da. Der australische Bumerang fällt ebenso auf. Er klemmt hinter einer Wandlampe. Die studierte Geowissenschaftlerin liebt das Reisen. Das war schon nach ihrem Abitur in Dresden-Gorbitz so. Danach zog es sie nach Australien, wo sie ein Jahr lang als Kindermädchen bei einer Familie lebte und arbeitete. "Ich wollte erst einmal möglichst weit weg, aber es sollte ein Land sein, das europäischem Standard entspricht", sagt die Sächsin. Die Zeit dort sei spannend gewesen. Später sollte sie dorthin zurückkehren.

Doch zunächst einmal suchte sie nach einem Studium. Ihr Abitur war nicht schlecht gelaufen, sie hatte die Wahl und entschied sich, in Tübingen in Baden-Württemberg Geowissenschaften zu studieren. "Das verbindet gleich mehrere Naturwissenschaften", sagt sie. Naturwissenschaften würden ihr liegen.

Im Studium spezialisierte sie sich auf luftgestützte Bodenanalysen, wertete zum Beispiel Daten aus Indonesien aus, die nach dem verheerenden Tsunami im Dezember 2004 gesammelt wurden. So wurden Süßwasserquellen ausfindig gemacht. Zu Forschungsreisen war sie außerdem in Jordanien auf Tour, am Toten Meer. Von der Reise hat sie ein Gemälde mitgebracht, es ihren Eltern geschenkt. Das Bild mit Nomaden auf Kamelen hängt nun im weihnachtlich dekorierten Wohnzimmer in Dölzschen.

Bei ihrem Spezialgebiet konnte sie im Studium und vor allem danach, als sie in Australien bei der niederländischen Firma Fugro Airborne Surveys Arbeit gefunden hatte, Beruf und Hobby verbinden. "Im Studium überlegte ich, was ich Außergewöhnliches in meiner Freizeit anfangen könnte", sagt sie. Mit Unterstützung der Eltern begann sie so Flugstunden zu nehmen. Während der Semesterferien hob sie in München ab und erwarb nach sechswöchiger Ausbildung den Privatflugschein. Seither ließ sie das Fliegen nicht mehr los.

Sie flog weiter, auch als sie erneut in Australien gearbeitet hatte, sammelte Zertifikate und bewarb sich, um als Pilotin arbeiteten zu können. Es waren und sind nur wenig Cockpit-Stellen frei, sagt sie. "Es gibt mehr Piloten als freie Stellen und die Fliegerei boomt nicht gerade." Viele Piloten arbeiten deshalb zunächst als Bodenpersonal am Airport - und warten. So wie Silvia Hofmann. Sie war zum Beispiel als "Ramp Agent" tätig, koordinierte dabei Abläufe rund um das Ein- und Ausladen von Gepäck, das Betanken von Maschinen und mehr.

Dann klappte es mit ihrem ersten Job bei einem Frachtflugunternehmen - in Rheinland-Pfalz, wo sie von 2010 bis zum Frühjahr schon durch Europa düste und sowohl ihre fliegerischen Fähigkeiten als auch Sprachkenntnisse ausbaute. Heute spricht sie Englisch, Französisch, auch etwas Portugiesisch. Ihrem Hobby zu reisen, blieb sie treu, brachte weitere Souvenirs mit. "Viele davon hängen aber in meiner Wohnung in Leipzig", sagt die Co-Pilotin. "Diese Wohnung ist übrigens 80 Quadratmeter groß." Deutlich mehr als ihr gemütliches Gästezimmer in Dölzschen.

Jedoch kann Silvia Hofmann die Tage, die sie jeden Monat in der Leipziger Wohnung verbringt, an einer Hand abzählen. Hat sie frei, besucht sie lieber ihre Freunde in Dresden und jene, die über Deutschland verteilt sind.

Verheiratet ist sie nicht. Kinder hat die große, schlanke Blondine noch keine. Bei der Arbeit, die sie macht - es ist ihr Traumjob -, brauche es einen verständnisvollen, flexiblen Partner, erklärt sie. Jemanden, der sich damit arrangiert, dass es keinen geregelten Familienalltag gibt. Drei bis sieben Tage unterwegs, dann vier, fünf Tage zu Hause: Das habe Vor- und Nachteile für das Privatleben. Dies hört die Co-Pilotin auch immer wieder bei Gesprächen mit Kollegen.

Als Frau sei sie da zwar statistisch in der Minderheit - weltweit würde ihr Anteil bei Pilotenstellen zwölf Prozent betragen. Doch Nachteile habe sie dadurch nicht. "Ich wurde nie anders behandelt", sagt sie. "Ich denke, das Bewusstsein, dass eine Frau diesen Job genauso gut kann, ist bei Unternehmen und Kollegen vorhanden." Wichtig sei, dass das Team funktioniert. Die Fracht von A nach B gelange. Ohne Probleme.

Mit den Kollegen fliegt sie jeweils zu zweit tonnenweise Fracht quer durch Europa. Nachts, wenn andere schlafen, ist Silvia Hofmann über den Wolken unterwegs. Um 20 Uhr hebt ihre Boing 757 ab. Neben dem Airbus A300-600 ist dies der Flugzeugtyp, den sie wie andere Piloten auch erst nach mehreren Monaten Spezialtraining fliegen darf. Mit einem jener Flieger bringen Kapitän und Co-Pilotin des Nachts Express-Ware von Leipzig/Halle nach ganz Europa und bis zum Abend wieder zurück.

Mit dabei hat die Co-Pilotin stets einen ihrer zwei Koffer. Je nach Reise und Aufenthalt den großen oder den kleinen. Aber egal, ob sie im Inland fliegt, nach Finnland, Slowenien oder auf die Insel Malta düst, eines darf nie fehlen: ihre Sonnenbrille. "Wir sind immer über dem Wetter unterwegs und werden zum Dienstende oft vom Sonnenaufgang begrüßt", erklärt sie.

Mulmig werde ihr im Flieger aber nie. "Ich weiß, was die Technik an Bord kann, vertraue ihr", so Silvia Hofmann. "Die Systeme im Flugzeug lassen größere Ausfälle eigentlich nicht zu." Und mit durch Wind, Eis und Wetter verursachten Problemen lerne man im Training umzugehen. Dabei würde zudem stets auf aktuelle Unglücke und ihre Ursachen eingegangen - wobei vor Crashs meist weniger die Maschine, als vielmehr der Mensch versagen würde.

Hier werde ferner deutlich, worum es bei dieser Arbeit geht: "Man muss den Instinkt unterdrücken und sich auf die Technik verlassen und bestimmte antrainierte Abläufe abrufen können." Sagt die Frau, die vor einigen Jahren während eines Aufenthalts in Spanien mit einem Privatflugzeug bei einem Trip nach Marrakesch im nahen Marokko wegen eines technischen Problems notlanden musste. "Man muss Herr seiner Sinne bleiben", erklärt sie.

Auch die Eltern hätten keine Angst um sie, sagt nicht nur Silvia Hofmann, die am Steuer der Boing 757 mehr als 170 Flugstunden absolvierte. Die jüngere Schwester Nora nickt ebenfalls. Die Vermögensberaterin wohnt derzeit im ehemaligen Zimmer von Silvia Hofmann im Obergeschoss.

Die 21-Jährige ist oft auf Tour, der Vater ebenso, er arbeitet bei Siemens in Bayern. Die Mutter ist Lehrerin, lehrt in Nossen. An Wochenenden sehen sie sich alle in Dresden. "Wir haben sonst nicht viel Zeit zusammen", sagt Silvia Hofmann. Während der Flugpausen besucht die junge Co-Pilotin ebenfalls ihre Großmutter in Radebeul und andere Familienangehörige in der Lößnitzstadt.

Obwohl sie schon als Kleinkind nach Dresden umgezogen war, hat sie im Haus ihrer Oma Elisabeth in der Heinrich-Zille-Straße viel Zeit verbracht, traf sich häufig mit ihrer gleichaltrigen Cousine. Noch immer verbindet sie viel mit Radebeul. Und zu Weihnachten kommt die ganze Familie im Haus der Großmutter zusammen.

Enkelin Silvia fehlte dieses Jahr. "Ich musste arbeiten, war in Frankfurt am Main", erklärt sie. Die Bescherung soll heute in Dresden nachgeholt werden. Viel Zeit für Besinnung bleibt trotzdem nicht. Schon zu Silvester gehe es weiter.

Dann muss Silvia Hofmann nach Israel fliegen. Nach Tel Aviv. "Da war ich noch nie", scheint sie sich irgendwie zu freuen. Keine Sicherheitsbedenken? Keine Angst? Denn der Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern rief erst jüngst wieder Gewaltexzesse hervor. Raketen schlugen ein. Bomben explodierten. "Unser Unternehmen hat das genau im Blick, lässt die Lage vor Ort einschätzen und trifft im Krisenfall Vorkehrungen", erklärt die Co-Pilotin.

An Israel will sie jetzt aber noch nicht denken, hat jedoch schon ein anderes fernes Ziel vor Augen. "Mein Traum ist es, irgendwann selbst Kapitän zu sein", sagt sie. Zwar sind die Aufgaben von Co-Piloten ähnlich. Aber das letzte Wort habe immer der Kapitän. Er trage die Verantwortung. "Wenn man einmal hinterm Steuer einer großen Maschine gesessen hat", schwärmt die Co-Pilotin, "möchte man das nie mehr missen."

Silvia Hofmann

Pilotin

Künstler, Unternehmer, Sportler, Vertreter der Kirche und weitere Persönlichkeiten öffnen den DNN wieder die Türen ihres Zuhauses. Es ist zur schönen Tradition geworden, dass wir am Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahres in einer Serie interessante Menschen privat vorstellen. Heute sind wir zu Gast bei Silvia Hofmann. Die aus Radebeul stammende Pilotin ist die 3500. Mitarbeiterin am europäischen Luftfrachtdrehkreuz Leipzig/Halle, das die Deutsche Post DHL 2008 in Betrieb nahm und seitdem kontinuierlich ausbaut. Die 29-Jährige ist viel unterwegs. In ihrer Wohnung in Leipzig ist sie selten. Wenn sie mehrere Tage frei hat, kehrt Silvia Hofmann lieber heim zu ihrer Familie in Dresden-Dölzschen. Dort erholt sich die Pilotin, bevor es sie wieder in die Ferne zieht. Zu Silvester fliegt sie Fracht nach Israel.

- Geboren 1983 in Radebeul,

- Umzug nach Dresden 1984,

- Abitur am Johann-Andreas-Schubert-Gymnasium 2001 in Dresden-Gorbitz; Au-Pair in Australien 2001,

- Studium der Geowissenschaften an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Abschluss 2007,

- Während des Studiums Prüfung für Privatflugschein absolviert

- Forschungsreisen und Tätigkeiten in Europa, Asien und Australien bis 2010, Danach Co-Pilotin beim Logistikunternehmen Arcus Air am Flughafen Zweibrücken in Rheinland-Pfalz,

- Seit Mai 2012 angestellt bei dem Flugunternehmen European Air Transport Leipzig GmbH, einer hundertprozentigen Tochterfirma des Logistikkonzerns DHL; nach mehrmonatigem Flugtraining ab Herbst am Drehkreuz Leipzig/Halle als 3500. Mitarbeiterin beschäftigt,

- Silvia Hofmann ist ledig und wohnt in Leipzig sowie in Dresden. Skl

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.12.2012

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