Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Zu Hause bei Dynamo Dresdens Keeper Benny Kirsten: Neues Domizil im alten Pferdestall

Zu Hause bei Dynamo Dresdens Keeper Benny Kirsten: Neues Domizil im alten Pferdestall

Es gibt Dynamo-Kicker, die es vorziehen, außerhalb der Großstadt zu wohnen, wo es ruhiger ist. Benjamin Kirsten gehört nicht zu ihnen. Der Schlussmann der Schwarz-Gelben ist es von Kindesbeinen an gewohnt, als Sohn eines berühmten Vaters in der Öffentlichkeit zu stehen.

Von Jochen Leimert

Er weiß zudem gern Freunde und Bekannte in der Nähe, hat auch kein Problem damit, wenn er an der Supermarkt-Kasse von Fremden auf das letzte Spiel angesprochen wird. Lange Anfahrten zum Trainingsgelände im Großen Garten sind nicht sein Ding. Wenn es auch schnell und bequem mit der Straßenbahn geht, nimmt der 25-Jährige gern mal die DVB-Linie 13. "Ich bezahle auch!", schmunzelt der gebürtige Riesaer. Seit er 2008 aus Mannheim nach Dresden zog, um sich beim Ex-Klub seines Vaters Ulf den Traum von einer Profikarriere zu erfüllen, wohnt er in dieser fußballverrückten Stadt.

Zuerst nistete sich der damalige Junggeselle in einer kleinen "Bude" in Leubnitz ein, seit gut einem Jahr lebt er mit Ehefrau Sarah, Tochter Lena und dem Chihuahua-Hündchen Mina zur Miete in einer schicken Vier-Zimmer-Wohnung in Reick. In einer Viertelstunde ist er von dort mit dem Auto am Glücksgas-Stadion, mit der Bahn dauert es auch nicht viel länger. "Ich wollte in der Stadt so nahe wie möglich am Stadion sein. Wir haben uns drei, vier Wohnungen angeguckt - und uns dann für Reick entschieden, weil uns Lage und Ausstattung am besten gefallen haben", erzählt Benjamin Kirsten, den bei Dynamo fast alle nur "Benny" nennen. In dem Haus, das vor dem aufwändigen Umbau mal ein großer Pferdestall war, wohnen die Kirstens nicht allein. Mit den meist noch recht jungen Nachbarn verstehen sie sich gut - und es ist nicht mehr so laut wie in Leubnitz. "Da wohnte nebenan eine Familie mit sieben Kindern, da ging es manchmal auch spät noch hoch her", erzählt Ehefrau Sarah.

Seit drei Jahren ist sie der Ruhepohl an der Seite des Fußballprofis, der auf Wunsch von Dynamo-Idol Ralf Minge (damals Sportdirektor) als Vertragsamateur bei Dynamo II begann und in Dresden nebenher eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann absolvierte. Viel verdient hat er anfangs nicht, die kleine Wohnung in Leubnitz war auch nur spärlich möbliert. "Mir hat es gereicht, ich brauchte nicht viel Platz, habe mich ganz auf die Ausbildung und das Training konzentriert und hatte keine Zeit, mich um die Einrichtung zu kümmern", erinnert sich Benjamin. Heute aber wohnt er mit seiner kleinen Familie weit komfortabler - und überlässt viele Entscheidungen hinsichtlich der Wohnungsgestaltung seiner Frau. Sie setzte sich auch mit ihrem Wunsch durch, das Fußball-Sammelsurium ihres Mannes größtenteils in die Garage zu verbannen. Dort stehen Kisten voller Trikots, Schals, Wimpel, Handschuhen und Töppen. Allesamt Erinnerungsstücke, die früher noch die Wände der Junggesellen-Bude oder zuvor die seines Jugendzimmers im Elternhaus in Bergisch-Gladbach schmückten. Nur ein paar Teile, die sich größtenteils seit dem Einzug angesammelt haben, finden sich im Arbeitszimmer. In einer Schublade ruhen Benjamins Torwarthandschuhe aus der Aufstiegs- und der ersten Zweitliga-Saison; das Trikot seines Kumpels Tim Kister ist erst am 27. November dazugekommen. Beim 0:0 gegen den Aufsteiger VfR Aalen traf er den früheren Dynamo-Innenverteidiger wieder, der Trikottausch war da schon Wochen zuvor abgemachte Sache.

"Ich hebe fast jeden Mist auf", muss Benjamin über sich selbst lachen, "mit allem, was ich behalte, verbinde ich etwas." Abgetragene Fußballschuhe wandern bei ihm nicht in den Müll, sie thronen mitunter schon mal auf dem obersten Regal. Auf einem anderen Board steht der Pokal, den Kirsten 2010 zur Ehrung als bester Torwart beim Super Regio Cup in Riesa überreicht bekam. Daneben stecken zwei Autogrammkarten von Pascal Zuberbühler, dem früheren Schweizer Nationaltorwart. Kirsten und er kennen sich aus Leverkusen, wo Zuberbühler kurze Zeit mit Ulf Kirsten zusammenspielte. Als Kirsten junior nach dem Aufstieg mit Dynamo verletzt ausfiel, bot sich der Schweizer an, ihm bei der Rehabili- tation zu helfen. "Er hat bei Bayer Leverkusen auch mal eine schwere Zeit durchgemacht, ist aber immer ein positiv denkender Mensch geblieben. Das hat mir imponiert, mich wie seine tröstenden Worte angespornt, mich bei Dynamo zurückzukämpfen", ist Benjamin dem 1,97 Meter großen Eidgenossen immer noch dankbar. Zuberbühler, der 51 Länderspiele bestritt und 2011 seine Karriere beim FC Fulham beendete, sei ein "Riesentyp". Der Schweizer habe ihn stetig ermutigt, während Leverkusens Torwarttrainer Rüdiger Vollborn ihm einmal prophezeite, er werde es nicht einmal ins Tor einer Oberliga-Mannschaft bringen. Dass er damit gründlich daneben lag, kann Vollborn heute beim besten Willen nicht mehr bestreiten. Kirsten ist seit der Rückrunde der vorigen Saison nicht nur die Nummer eins im Dynamo-Tor, sondern in dieser Saison auch spitze in der DNN-Rangliste und zählt laut dem Fachblatt "kicker" mit einem Notendurchschnitt von 2,81 zu den drei besten Keepern der 2. Bundesliga.

Mit Fleiß und Disziplin hat sich der Torwart nach oben gearbeitet. Aus dem Heißsporn ist ein abgeklärter Schlussmann geworden. Maßgeblichen Anteil daran, so sagt Kirsten, hat seine Frau. "Mit ihr ist Ruhe in mein Leben gekommen. Ich nehme viel mit nach Hause, doch sie hält mir den Rücken frei. Das hilft mir ungemein."

Willkommene Abwechslung vom Fußball bietet dem Ehepaar, das übrigens auf dem Standesamt in der Goetheallee heiratete, vor allem Tochter Lena. Die Kleine fegt auf allen vieren über das Laminat der Wohnung, zieht sich am Sofa hoch und erkundet alles, was ihr in die Hände fällt. Sie ist der ganze Stolz der Eltern, die ein riesiges, auf Leinwand gezogenes Babybild ihres Sonnenscheins über dem Sofa im Wohnzimmer aufgehängt haben. Darauf steht: "Sterne fallen nicht vom Himmel, sie werden geboren!" Spuren des kleinen Wirbelwinds finden sich überall in der Wohnung - ob in Form von Fotos oder als Spielzeug, mit dem die Einjährige selbstbewusst ihr Revier absteckt. Wenn Mama und Papa am Tisch sitzen und sich unterhalten, dann dudelt aus der Spielecke Musik. Winnie Puhs Kinderlieder faszinieren Lena, die aber am liebsten mit ihren Eltern spielt. Dabei hat die Kleine meist gute Laune, sie strahlt alle an, "ist ganz anders als ich", räumt der Vater ein, "ich war ein Katastrophenkind." Während es seine Eltern nicht immer einfach mit ihm hatten, macht Lena ihrem Vater nur Freude. Und er genießt das Zusammensein mit seinem Töchterchen, windelt es selbstverständlich auch: "Benny ist ein echt lieber Papa, er nimmt mir Lena sehr oft ab, albert mit ihr herum. Sie gehen auch immer zusammen baden", lacht Mutter Sarah, die dann mal in Ruhe den Haushalt schmeißen kann.

Ihr Mann hilft ihr oft dabei. Er bringt den Müll raus, kauft ein oder räumt die Spülmaschine aus, doch einen Preis für den Hausmann des Jahres würde der Profikicker ganz sicher nicht gewinnen. Während es bei Dynamo schon Spieler gab, die die halbe Mannschaft bekochten - erinnert sei da nur an Daniel Ziebig (jetzt Halle) oder Timo Röttger (jetzt RB Leipzig) -, guckt Benjamin höchstens mal interessiert in die brodelnden Töpfe. "Kochen ist nicht so sein Ding", sagt Sarah, die in der hellen Küche mit der schwarzen Marmor-Arbeitsplatte eindeutig die Regentschaft innehat. "Lasagne macht sie sehr gut, wir essen auch oft Sushi", verrät der Liebhaber exotischer Speisen. Ganz gern gehen die Kirstens auch außerhalb essen, doch auf Partys sieht man sie eher selten. "Manchmal überredet sie mich", erzählt Benjamin, der sich aber sonst in seiner neuen Bleibe sehr wohlfühlt.

Ganz gern würde er aber mal privat verreisen. Eine Nachtaufnahme der New Yorker Skyline hält das Fernweh wach. Im Big Apple ist das junge Paar noch nicht gewesen: "Wir hatten dafür keine Zeit, außerdem wollen wir Lena nicht so lange allein bei der Oma lassen. Aber vielleicht klappt es später einmal, interessieren würde uns Amerika schon", sagt Benjamin, "im Moment muss ich mich aber auf meinen Job konzentrieren." Nach dem Trainerwechsel von Ralf Loose zu Peter Pacult werden bei Dynamo die Karten neu gemischt, muss sich auch Kirsten wieder neu beweisen.

Motivation zieht er aus einem anderen Bild im Wohnzimmer - hier ist sein großes Vorbild stets präsent: Vater Ulf, 100-facher Nationalspieler und dreifacher Bundesliga-Torschützenkönig. Ein Idol in Ost und West. Der Niedersedlitzer Künstler Karsten Schubert hat den "Schwarzen" und seinen Sohn gemeinsam auf einem Bild verewigt. Vor einigen Jahren bekam es Benjamin zu Weihnachten geschenkt.

Natürlich schaut er auch ganz gern entspannt auf dem Sofa Fußball. Auf dem großen Flachbildschirm im Wohnzimmer analysiert Kirsten die Partien seiner Mannschaft, schaut, wo seine Mitspieler und er in den ersten 19 Spielen dieser Saison die Punkte liegen gelassen haben. Dass die Mannschaft auf Relegationsplatz 16 abgerutscht ist, ärgert ihn und trübt mitunter auch mal die Stimmung zu Hause. Kritisch diskutiert wird die Situation bei den Schwarz-Gelben auch oft mit einem der Nachbarn. Steffen Dörner, Sohn von Dynamo-Idol Hans-Jürgen Dörner, wohnt ein paar Türen weiter. Wenn sich beide treffen - manchmal schaut auch "Dixie" vorbei -, dann geht es aber nicht nur um taktische Fragen, Trainingsinhalte oder das nächste Spiel, sondern ganz profan um die Familie, Freunde oder darum, wann der geplante Grillplatz hinter dem Haus endlich fertig wird. Hinter dem ehemaligen Pferdestall befindet sich ein großer Garten. "Dort gab es bis vor kurzem auch Schafe, aber die sind jetzt geschlachtet worden", hat Benjamin erfahren.

Ganz ohne Tiere wächst Lena aber auch in Zukunft nicht auf, denn zur Familie gehört, wie erwähnt, auch Mina. Die Chihuahua-Hündin ist zwei Jahre alt. "Sie war unser erstes Kind", lacht Sarah. Entdeckt haben die Kirstens ihre Leidenschaft für diese mexikanische Hunderasse bei Tim Kister und dessen Freundin, dem Model Yvonne Schröder. "Sie haben uns angesteckt, und so haben wir uns Mina von einem Züchter aus Meißen geholt", erklärt Benjamin. "Sie ist reinrassig und ein ganz lieber Hund. Gern schläft sie zwischen den Füßen von Benny", lächelt Sarah. Sie musste lernen, dass nun auch zwei andere süße Mädels um die Gunst ihres Mannes buhlen.

Benjamin Kirsten

Fußballer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.12.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Boulevard