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Zu Gast in einer Dresdner Volxküche: Essen samt Ideenaustausch

Zu Gast in einer Dresdner Volxküche: Essen samt Ideenaustausch

Seetang, klebriger Reis, Avocado, frischer Lachs - wer sich selbst schon einmal mit der Herstellung von Sushi herausgefordert hat, ist beim ersten Mal sicher grandios gescheitert: Man denke gar nicht erst an die Stunden mühseligen Gemüseschnippelns, nur um die richtige Form und Größe für die kleinen Röllchen hinzubekommen.

Ebenso gefährlich: die Wasabi-Paste, die bei zu hoher Dosierung sämtliche Schleimhäute wegätzen kann. Und da ist da noch die entscheidende Zutat: Der Sushi-Reis. Der besitzt nach dem Kochvorgang und der Anreicherung mit traditionellem Reis-Essig nun die Haftfähigkeit von Sekundenkleber. Und zu guter Letzt heißt es dann "Bon Appetit und maximalen Genuss" mit ein paar labbrigen, krummen Reiswürstchen. Kaum zu glauben, dass einen dieser Spaß dann inklusive Sushi-Grundausstattung satte 30 Euro gekostet hat. In den vierzehn Youtube-Videos, die man sich als Intensivkurs für dieses Experiment im Vorhinein reingezogen hat, sah das irgendwie alles wesentlich simpler aus. Hmm...

Da kommt es einem gerade gelegen, dass die delikaten Fischröllchen auch wesentlich günstiger und professioneller zu erstehen sind. Man muss nur wissen, wann und wo. Wer einmal zum Dienstagabend Sushi-Hunger verspürt, könnte beispielsweise in die Leipziger Vorstadt radeln und bei einer sogenannten "Volxküche" aufschlagen. Auf der Petrikirchstraße zauberten auch am vergangenen Dienstag wieder Freiwillige um die 40 bis 60 Portionen vegetarische Sushiröllchen. Für einen selbstbestimmten Obolus gab es dann "Maki" und "Nigiri" auf die Hand. Naja, vielmehr in kleinen Pommes-Schälchen. Tatsächlich geht es in jeder "Vokü" ziemlich improvisiert zu, weshalb die Portionsschälchen aus Platzmangel auch mal in der Friteuse geparkt werden müssen. Am Lagerfeuer oder zu Tische im Rotlicht kredenzt sich der "Vokü"-Gänger zur japanischen Delikatesse üblicherweise ein Bierchen.

Aber woher stammen die ominösen Volxküchen eigentlich? Der Unwissende stellt sich hier zunächst eine Gulaschkanone vor, deren Inhalt ganz Sachsen speisen könnte. Oder schlechtes Mensa-Essen, gekocht in monströsen Alutöpfen mit Variationen von Spaghetti Bolognese bis Makkaroni Bolognese. Nein, nein, all das ist falsch. Volxküchen entstehen aus privaten Initiativen heraus, meist in links-alternativen Wohnumgebungen mit einem simplen und dennoch entscheidenden Ziel: Gemeinschaft zu stiften. Bei den "Voküs" geht es neben der Gaumenfreude nämlich noch um Ideenaustausch. Torsten Philipp, Medienpädagoge bei Coloradio Dresden, hat sich sogar wissenschaftlich in seiner Diplomarbeit mit dem Thema auseinandergesetzt. Als teilnehmender Beobachter hat er in verschiedenen Volxküchen gekocht, um Sinn und Zweck dieses Non-Profit-orientierten Happenings zu ergründen.

"Es ist ja schon ein ziemlich großer Aufwand, für so viele Leute Essen zuzubereiten - und das, ohne dafür bezahlt zu werden. Also müssen dahinter ja wirklich Herzblut und tiefere Überlegung stecken", sagt Torsten. "Wirklich jede "Vokü" ist anders und wird aus anderen Gründen betrieben. Oft wollen ihre Macher eine Idee vermitteln, weswegen auch oft Vorträge gehalten oder Filme gezeigt werden", fährt er fort. Ganz ohne ideologische Keule also kommt man in lockerer Runde mit den verschiedensten Leuten schnell ins Gespräch und bleibt an einem gesellschaftlich relevanten oder politischen Thema hängen.

Aber wieso lässt es sich beim Essen so gut diskutieren? Torsten sieht die Volxküchen hier in der Tradition einer Kulturtechnik, bei der Nahrung auch immer eine religiöse oder philosophische Funktion gehabt habe. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Statt Weintrauben und Efeukränzen stehen heute eher Sternburg und Dreadlocks im Vordergrund.

Termine zu einigen Voküs: montags 21 Uhr, Luther-Straße 33 (vegan); dienstags 22 Uhr, Chemiefabrik, Petrikirchstraße 5 (vegan); donnerstags 20 Uhr, alte Zahnarztpraxis Löbtau, Wernerstraße Ecke Columbusstraße, sonntags 19 Uhr, Eckladen, Rudolfstraße 7

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.04.2012

S. Erber

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