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Wiedersehen nach sieben Jahrzehnten - Ein Zufall führte zwei Dresdnerinnen wieder zusammen

Wiedersehen nach sieben Jahrzehnten - Ein Zufall führte zwei Dresdnerinnen wieder zusammen

An ihren ehemaligen Schulleiter können sich beide noch gut erinnern. "Der kam immer in Uniform zur Schule", erzählt Annemarie Flemming. "Wenn man an dem im Gang vorbei ging, musste man immer den Arm strecken, zum Hitler-Gruß.

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Annemarie Flemming (links) und Sigrid Werner trafen sich nach 70 Jahren im Schulmuseum wieder. Nun planen die beiden 84-Jährigen ein Klassentreffen.

Quelle: Christian Juppe

" Auch Sigrid Werner sind diese Szenen noch gut im Gedächtnis. "Der war da ganz streng. Wehe, man hat das einmal vergessen."

Annemarie Flemming schenkt Sigrid Werner eine Tasse Kaffee ein. Auf dem gedeckten Wohnzimmertisch thronen Bienenstich und Käsekuchen. Flemming wohnt immer noch in Löbtau, an der Grenze zu Plauen und Dölzschen. Die beiden 84-Jährigen erzählen von Zeiten, in denen die Dresdner Stadtviertel noch "Kuhlöbde", "Froschcotte" und "Mausegorbs" hießen. Dass sie sich nun gegenübersitzen, ist bereits ein kleines Wunder.

Während des Zweiten Weltkrieges besuchten beide die gleiche Klasse in der damaligen Mittelschuleinrichtung in der Luisenstraße, von 1940 bis 1944. Dann trennten sich ihre Wege: Die eine verließ die Schule, die an- dere blieb. Der Kontakt riss ab und das Leben ging unterschiedlich weiter. Als Seniorinnen haben sie sich beinahe genau 70 Jahren später wieder gefunden.

"Es fühlt sich kein bisschen so an, als ob wir uns so lange nicht gesehen hätten", sagt Annemarie Flemming. "Wir haben so viele gemeinsame Erinnerungen, da können wir heute einfach anschließen." Sigrid Werner stimmt zu: "Wir sitzen uns nicht als fremde Menschen gegenüber."

Wieder getroffen haben sich die Rentnerinnen vor einigen Wochen im Dresdner Schulmuseum. Ein großer Zufall: Die Seniorenbegegnungsstätte Trachenberge hatte zu einer "Schulreise" für Kinder und ältere Menschen eingeladen. Unabhängig und ohne voneinander zu wissen, nahmen die beiden älteren Damen an der Veranstaltung teil.

Annemarie Flemming berichtete dort in interessierter Runde aus ihrem früheren Schulalltag: Wie ihre alte Klasse am Freiberger Platz nach Geschlechtern getrennt wurde. Wie die Mädchen anschließend zusammen mit Geschlechtsgenossinnen aus der Neustadt in die Luisenstraße zogen. Das alles kam Sigrid Werner nur allzu bekannt vor. "Wie ist Ihr Mädchenname?", fragte sie. "Hamann", sagte Flemming. "Friedrich", sagte Werner. Und so trafen sie sich wieder.

Am Wohnzimmertisch in Löbtau tauschen sie nun Anekdoten aus. Etwa über die zwei Jahre ältere Jungenklasse, die damals im gleichen Gebäude unterkam wie die Mädchen. Zwischen so manchen entstand ein reger Briefverkehr. "Das waren unsere ersten Liebschaften", sagt Sigrid Werner schmunzelnd. Annemarie Flemming weiß aber noch, dass von den 24 Jungen lediglich 6 nach dem Krieg wieder heimkamen.

Noch während des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich der Lebensweg der beiden Damen in unterschiedliche Richtungen. Obwohl sie letztendlich sogar den gleichen Beruf ergriffen.

Sigrid Werner wechselte 1944 auf eine Lehrerbildungsanstalt. Sie heiratete und bekam zwei Kinder. Später studierte sie und arbeitete als Lehrerin bis 1989 am Rehabilitationszentrum für Berufsbildung in Dresden. Heute ist sie Witwe, hat drei Enkel und drei Urenkel. Und trotz Rente ist sie ständig unterwegs: "Rentner haben nie Zeit!", sagt sie und lacht.

Annemarie Flemming blieb auf der Schule in der Luisenstraße - bis zum Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945. "Danach war dort kein Unterricht mehr möglich", erzählt sie. In der Nachkriegszeit machte sie ihr Abitur, danach arbeitete sie als Grundschullehrerin. "Lehrerin sein ist eine Berufung und kein Beruf", glaubt sie. Die Freude am Unterrichten sieht man ihr noch heute an. Weil sie so gut mit den Kindern zurechtkam, wurden ihr oft die "schwierigen Fälle" zugewiesen. Heute hat sie einen Sohn, eine Enkeltochter und zwei Urenkel.

Ihr zufälliges Wiedersehen würden die beiden Seniorinnen nun gerne nutzen, um ein Klassentreffen einzuberufen. "Vielleicht ist das bereits zehn Jahre zu spät", meint Annemarie Flemming. Sigrid Werner hält noch Kontakt zu ihrer damaligen besten Freundin Karla, die heute in Berlin wohnt. Was aber aus den über 30 restlichen Klassenkameradinnen des Jahrgangs 1929 geworden ist, wissen die zwei Damen nicht.

Philipp Nowotny

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