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Von Sonneberg nach New York - die späte Karriere der Renate Müller

Von Sonneberg nach New York - die späte Karriere der Renate Müller

Renate Müller aus Sonneberg in Thüringen ist so etwas wie eine Berühmtheit. Die Zeitung "New York Times" berichtete über sie, ihre Werke werden auf der ganzen Welt gezeigt und für Tausende Euro verkauft.

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Renate Müller zwischen ihren Tieren in Sonneberg.

Quelle: Dirk Knofe

Dabei macht sie schon seit fast 50 Jahren das Gleiche: Sie stellt Tierpuppen her.

Hat sie eigentlich ein Lieblingsstück? Renate Müller schaut sich in ihrer Werkstatt um, in der es nur so wimmelt von liebevollen Stücken: Wal, Nilpferd, Robbe, Nashorn, Giraffe, Elefant, Krokodil, Teddy. Alle schauen die 68 Jahre alte Frau, ihre Schöpferin, mit großen Knopfaugen an. "Mein Lieblingsstück ist mein Mann", sagt sie dann und freut sich über diese Antwort.

Renate Müller produziert Spielzeug. Sie hat über 60 verschiedene Tierfiguren geschaffen, viele davon wurden zu Design-Klassikern. Seit einem Jahr bereitet sie eine Ausstellung in New York vor. Die renommierte Galerie R 20th Century in Manhattan stellt 2014 zum zweiten Mal ihre Werke aus. Es ist davon auszugehen, dass alle der mehr als 100 Stücke verkauft werden. Im vergangenen Jahr zeigte auch das Museum of Modern Art in New York Arbeiten der Thüringerin.

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Renate Müller stellt in Sonneberg ihre Stofftiere her und wird dafür in New York gefeiert.

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Renate Müller - ein Künstlerstar? Mit solchen Zuweisungen kann sie nichts anfangen. Sie sieht sich eher als Handwerkerin. "Erst handwerkliche Perfektion führt zu künstlerischem Erfolg", sagt sie und fügt hinzu: "Und es braucht gute Ideen." Renate Müller ist eine bodenständige Frau. Sie hat ihr ganzes Leben in Sonneberg gewohnt, und Besuchern serviert sie Brötchenkranz mit grober Wurst und Gewürzgurke.

"Die Galeristen in New York, auch meine Kunden in Japan - das sind alles nette, einfache Leute", berichtet sie. Da falle es nicht schwer, auf dem Boden zu bleiben. Schon ihr Großvater reiste viel in der Welt umher - als Spielzeughändler. Das war früher kein ungewöhnlicher Beruf in der "Weltspielwarenstadt", wie sich Sonneberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts nannte. Damals stammte jedes fünfte Spielzeug, das irgendwo verkauft wird, aus der Kleinstadt in Thüringen.

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Die Tiere entstehen nach wie vor in der heimischen Werkstatt im Thüringer Wald.

Quelle: Dirk Knofe

In dieser Tradition stehen auch die Produkte des Familienbetriebs, den nach dem Tod des Großvaters 1962 die Eltern von Renate Müller übernehmen. Das Unternehmen stellt vor allem Puppen und Plüschtiere her. 1967 kauft die Firma drei Entwürfe von Studenten der Fachschule für Spielzeug in Sonneberg auf: Nashorn, Ente und Kleine Würfel. Es ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Nach ihrem Studium für Spielzeugdesign in Sonneberg entwickelt Renate Müller die drei Entwürfe weiter und fügt der Serie neue Modelle hinzu. Schnell sorgen die Spielgeräte für Aufmerksamkeit. "Die Leute waren damals nur an Plüsch gewöhnt", sagt sie. Müllers Tiere bestehen aus Naturmaterialien; aus Holz, Leder, Holzwolle, Baumwolle und vor allem Rupfen, ein grobes Jutegewebe.

Bald erhält Müller Auszeichnungen für ihr Design. Zudem bekommen mehrere Objekte das Label "therapeutisch wertvoll". Aufgrund ihrer Beschaffenheit fördern sie eine richtige Körperhaltung und ermöglichen es geistig und körperlich behinderten Kindern, die Spielkameraden immer wieder neu zu entdecken: durch Tasten und Greifen, Aufrichten und Balancieren.

Gerade als die Kollektion in Serie produziert werden soll, wird der elterliche Betrieb 1972 verstaatlicht. Bis 1978 arbeitet Renate Müller noch als Gestalterin im VEB Therapeutisches Spielzeug (später VEB Sonni), dann schlägt sie sich bis zur Wende als freischaffende Künstlerin durch, baut unter anderem Spielplätze. Heute sagt sie über die Zeit: "Ich wurde ins kalte Wasser geworfen, aber ohne diese Herausforderung wäre ich vielleicht nie einen eigenen Weg gegangen."

Nach dem Ende der DDR kauft sie sich die Firma zurück und produziert alleine, später assistiert von ihrer Tochter Bettina, bis zu 100 Tierfiguren im Jahr, nur nach Auftrag. Kunden sind Krankenhäuser, Ärzte, Kindereinrichtungen - oder eben Galeristen und Kunstsammler. Zwei Tage braucht sie für ein mittelgroßes Nashorn. Die meiste Arbeit ist Handarbeit: Aufnähen der Lederbezüge, Einziehen der Knopfaugen. Besonders das Ausstopfen der Tiere erfordert Kraft. Renate Müller muss die Form mit Holzwolle mühselig ausmodellieren. Wie lange tut sich die 68-Jährige das noch an? "Ideen habe ich so viele, da müsste ich 100 werden. Und mein Rupfen reicht noch ein oder zwei Jahre", sagt sie. Das Material kaufte sie nach der Wende dem DDR-Betrieb VEB Sonni ab, der die Tiere bis dahin produziert hatte. Davon zehrt sie bis heute. "Ihn heute genau so wieder herzustellen, ist vielleicht nicht unmöglich, aber bestimmt sehr teuer."

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Gerade bereitet die 68-Jährige ihre zweite Ausstellung in New York vor.

Quelle: Dirk Knofe

Günstig waren auch Renate Müllers Spielzeuge noch nie. 155 DDR-Mark kosteten Nashorn oder Nilpferd zu Ostzeiten - damals eine stattliche Summe. Heute ist ein XXL-Nilpferd für 2800 Euro zu haben. Das ist der Werkstattpreis. Die Galeristen in New York oder Bern verkaufen es für ein Vielfaches.

Robert Berlin

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