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Verborgene Orte in Dresden: Zu Besuch beim Filmvorführer in der Schauburg

Verborgene Orte in Dresden: Zu Besuch beim Filmvorführer in der Schauburg

Der Weg in Wolfgang Gereckes verborgenes Reich ähnelt dem Gang hinunter in einen Maginot-Bunker oder zum feurigen Herzen eines Ozeandampfers: Links, rechts, ein paar Stufen hinunter, an einem Stapel Ersatzteile vorbei, Linksschwenk, runter, Rechtsschwenk.

Von Heiko Weckbrodt

.. Ah, da sind die ersten Kartons mit Filmrollen: "Türkisch für Anfänger" steht auf dem Pappschild, "Brand" und "Submarine" auf anderen - wie passend in diesen engen Gängen mit den verrußten Wänden. "Der Lang-Saal hier unten war früher mal ein Kohlenkeller, bevor die Schauburg umgebaut wurde", erzählt Gerecke, als er sich durch die Tür in den Vorführraum schlängelt. "Deshalb ist es hier auch alles etwas beengt."

Es riecht nach Technik und heißer Lampe hier unten und viel Platz ist wirklich nicht: Ein Drittel des Raumes, kaum größer als meine erste Studentenbude, ist mit Regalen vollgestellt und die quellen über: Ersatzlampen für Projektoren, ein Kabelnest, ein Beamer und ein Diaprojektor. "Dias bitte unbedingt zurücklegen", hat jemand mit Buntstift auf die weiße Wand geschrieben. Im Regal gegenüber stapeln sich Minifilmrollen: Filmtrailer und Werbestreifen, schön geordnet nach dem Kinosaal, in dem sie gezeigt werden sollen: "Leone", "Tarkowski", "Lang" - für jeden Meisterregisseur andere Reklame.

Ich zwänge mich am massiven Projektor vorbei - Qualitätsarbeit "Made in CSSR", die auch nach 30 Jahren noch wacker ihren Dienst verrichtet - und spähe neugierig durch das schießschartenartige Fenster, durch das sich der Lichtstrom in den Lang-Saal ergießt. Auf der Leinwand gestikuliert ein überlebensgroßer Mann. Was er sagt, kann ich nicht hören. "Es ist Schulkino, wir haben gerade eine Vorführung für eine Klasse", sagt Gerecke.

Magische Knöpfe und Riesenteller

Mein Blick fällt auf ein paar fette Knöpfe neben dem Projektor. Die Installation riecht förmlich nach "antiker" DDR-Elektrik. "Tonsignal" steht da, "Leinwand auf", "Leinwand zu" - aha, hier also wird der magische Gong zu Filmbeginn erzeugt. "Benutze ich nur noch im Notfall, das macht heute doch alles die Automatik", bremst Gerecke mein nostalgisches Sinnen.

Filmriss hat heute Seltenheitswert

Und auch ganz links sehe ich massive Technik aus vordigitalen Zeiten: Ein riesiger Plattenteller, von dem der Projektor den Schulkino-Film zieht - über mehrere Rollen, die den Streifen quer durch den halben Raum ziehen. Warum dieser Aufwand? "Wenn der Film plötzlich steckenbleibt, dann zack" - Gereke hebt kurz an einer Art Flaschenzug - "wird automatisch das Not-Aus betätigt." An seinen letzten Filmriss kann er sich gar nicht mehr genau erinnern. "Das passiert heute nur noch ganz selten, höchstens mal bei alten DEFA-Kopien, die ganz runtergespielt sind."

Während der Film weiterrattert - viel leiser übrigens, als ich mir das vorstellt hatte - mustere ich den Vorboten des Digitalzeitalters: Ein Beamer steht neben dem alten Tschechen-Projektor, damit Gerecke Filme vorführen kann, die es nur noch auf DVD gibt. Irgendwann wird wohl auch die Schauburg auf richtige Digitalprojektoren umgerüstet. Wann genau, steht aber noch nicht fest.

Ob er denn Bedenken habe, dass die neue Technik seinen Job überflüssig macht?, frage ich den Vorführ-Veteranen. "Nö", meint er lapidar und grinst. "Zu tun gibts immer genug."

Zumindest eine dieser Arbeiten könnte mit dem Siegeszug der Digitalprojektion wegfallen: Die halbzenterschweren Analogfilmrollen werden nämlich nicht im Stück, sondern in Einzelrollen von Kurieren in die Schauburg gebracht. Dort sitzt Gerecke dann im Keller und klebt sie zur Spielfilmlänge zusammen - und "entkoppelt" sie hinterher wieder, wenn die Spielzeit vorüber ist. Digitalfilme dagegen werden auf Festplatten geliefert - da gibts nichts zu schneiden.

Schon bei der NVA Filme gezeigt

In seinen 46 Dienstjahren in der Kinobranche hat Gerecke viele Techniken kommen und gehen sehen, sogar die leicht entflammbaren Nitrofilme hat er noch erlebt. Schon in seiner Armeezeit diente er in der Truppe als Filmvorführer, war später Wiedergabetechniker für die Kreisfilmstelle Pirna, für die er zwölf feste Kinos und neun "Landfilmtrupps" technisch betreute. Nach der Wende baute er eine eigene Kinokette mit acht Filmtheatern zwischen Meißen und Königstein auf, richtete in Pirna das erste Autokino ein - und ging letztlich pleite. Seitdem arbeitet er als Vorführer in der Schauburg. 64 Jahre ist er jetzt alt, aber ans Aufhören denkt er längst noch nicht. "Ich will das eigentlich gern noch ein paar Jahre machen", sagt er. "Ich mag es so, wenn die Leute im Saal lachen."

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen Millionen Kinder Türchen ihres Adventskalenders. Dahinter stecken schöne Überraschungen. Auch die DNN öffnen bis zum 24. Dezember jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Türen. Diesmal haben wir Wolfgang Gerecke in seinem Vorführraum im Dresdner Filmtheater "Schauburg" über die Schulter geschaut.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.12.2011

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