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Urban Priol war mit seinem jüngsten Programm auch in Dresden zu erleben

Urban Priol war mit seinem jüngsten Programm auch in Dresden zu erleben

Also die Rentnerwitze waren schon gewagt angesichts eines Publikums, dessen Altersdurchschnitt um die 60 lag. Den näherliegenden Bezug Dresden(-Bombardierung) und Pegida nutzte Urban Priol hingegen eher homöopathisch.

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Urban Priol

Quelle: Andre Kempner

Vermutlich präsentierte der 53 Jahre alte Kabarettist im ausverkauften großen Saal des Alten Schlachthofs schlicht sein neues Programm "Jetzt" - ohne Sonderwürste für die Dresdner. Was ja nur logisch wäre, denn alles anders hieße: wieder einmal diese Stadt zu wichtig zu nehmen, wenngleich quasi von der anderen Seite.

Nach drei Stunden - inklusive Pause - hieß es dann aber doch, er habe nach allem, was man so gehört habe, ein wenig Bedenken wegen dieses Abends gehabt, und sei nun beruhigt, dass Dresden "doch so bunt ist".

Wobei natürlich klar ist, dass, wer zu einem der Auftritte des gebürtigen Aschaffenburgers geht, nicht zu den selbsternannten Rettern des Abendlandes gehört. Zu eindeutig hat sich Priol, der "vor 32 Jahren gemeinsam mit dem Dicken angefangen" hat, stets positioniert. Helmut Kohl hat er locker - nein, nicht ausgesessen - eher intelligent abgearbeitet, mit Angela Merkel könnte er schon eher Schwierigkeiten bekommen. Schließlich stellt er selbst heraus, was es bedeutet, wenn die Rauten-Politikerin sagt, etwas würde es "zu ihren Lebzeiten" nicht geben. "Die rechnet gar nicht mehr damit, abgewählt zu werden."

Es ist die Mischung aus Politik und Alltagsgeschichten, aus Kabarett und Comedy, die die Programme besonders macht. Wobei für Priol als Nach-68er das Private eben immer auch politisch ist. So schlägt er elegant den Bogen von dem Tablet, das er samt einem Glas - alkoholfreien, wie er später grimassierend sagt - Bier auf die Bühne trägt, zu den allerorten von allen genutzten Handys zur großflächigen Überwachung durch die NSA, Amazon & Co. Und fragt nach, warum die NSA zwar Merkels Kartoffelsuppenrezepte kennt, aber nicht das Aufkommen des IS protokolliert hat. Vom Aufspüren der Trainingszentren ganz zu schweigen. Wohlverdiente Lieblingsziele nicht nur seines beißenden Spotts, sondern notwendig dazugehörig seiner schauspielerischen Darstellung: Neben der Kanzlerin Drei-Wetter-Taft-Ministerin Ursula von der Leyen und immer wieder "Freiheit!"-Gauck. Leicht abgeschlagen auf den Plätzen: Bajuwarenkönig Seehofer samt seinem Ur-Ahn Franz Josef Strauß - und wer alt genug ist, jenen "...dem soll die Hand abfallen"-Politiker noch gesehen zu haben, der hat ihn angesichts Priols Gewedel mit den Armen beim Über-die-Bühne-Watscheln sofort wieder vor Augen. Auch die SPD in Form von Sigmar Gabriel ("Dick und doof in einer Person") bekommt häufiger ihr Fett weg; die Grünen als "ehemalige Hoffnung" deutlich seltener. Die AfD wird in diesem Programm seltsamerweise bis auf ein paar präzise Haken gegen Pegida & Co komplett ausgelassen, die FDP ist ihm keine Bemerkung mehr wert und die Linken scheint er nicht wirklich ernst zu nehmen. Oder tatsächlich als aktuelle Hoffnung anzusehen. Immerhin legt er dem Publikum stellvertretend für den "Freiheit!"-Präsidenten das Regierungsprogramm Bodo Ramelows vor, um klarzustellen, wie nicht nur unangebracht und unprofessionell, sondern lächerlich Gaucks Verteufelung war.

Nahezu parallel dazu angelegt seine Griechenland-Betrachtung: großes Amüsement über die Aufregung angesichts der fehlenden Krawatten sowie der Tatsache, dass - viel schlimmer noch! - Yanis Varoufakis ein "Frauentyp" ist.

"Im Westen heißen die Oligarchen Investoren", lautet eines von Priols Bonmots, das sich anschließt an seine Betrachtung der "Märkte-Politik". Aber der Westen hat ja doch auch für Erdogans Prügel-Schergen Verständnis und für arabische Peitschenhiebe. Alles eine Frage der Bündnisse.

Natürlich dient solch ein Kabarett-Abend der Selbstbestätigung; natürlich weiß der Mann mit den abstehenden, grauen Haaren ebenso wie sein Publikum, dass man so die Welt nicht ändert. Aber gerade im Dresden dieser Tage geht man nach solch einem Programm doch etwas beruhigter nach Hause.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.02.2015

Beate Baum

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