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Striezelmarkt schon zu DDR-Zeiten zu Dresden-Marke aufgebaut

Striezelmarkt schon zu DDR-Zeiten zu Dresden-Marke aufgebaut

Seit Ende letzter Woche sind mehrere Weihnachtsmarkte auf einen Schlag in Dresden - auf dem Altmarkt zum Beispiel, auf dem Neumarkt und der Hauptstraße.

"Ein Überangebot", wie der langjährige Striezelmarkt-Organisator Horst Bärsch meint. Der frühere "Stadtrat für Handel und Versorgung" (heute würde man wohl Einzelhandelsbürgermeister sagen) leitete von 1961 bis 1990 die "Arbeitsgruppe Striezelmarkt" und bestimmte die konzeptionelle Entwicklung des Traditionsmarktes wesentlich mit. Heute plädiert er dafür, "das weihnachtliche Geschehen im Zentrum auf Altmarkt und Neumarkt zu beschränken". Man könne "mit weniger mehr Qualität" erreichen.

Ein Blick auf Bärschs Erinnerungen, die er jetzt im Hille-Verlag als Buch veröffentlicht hat, zeigt: Dass der Dresdner Striezelmarkt heute so erfolgreich ist und jährlich um die 2,5 Millionen Besucher anlockt, geht auch auf wichtige Weichenstellungen bereits zu DDR-Zeiten zurück. Denn obgleich die zeitgenössischen Dokumente, die Bärsch da abdruckt, ganz den ideologischen Zeitgeist atmen, machen sie doch deutlich, dass der damalige Rat der Stadt (die Rathausspitze also) Millionenbeträge in den Striezelmarkt hineinbutterte, um ihn zu einer Dresden-Marke mit überregionaler Ausstrahlung auszubauen.

Auch Attraktionen wie Riesenpyramide, Mega-Schwibbogen, Groß-Nussknacker, Weihnachtsmann-Postamt und Weihnachtskalender mit täglichem Kulturprogramm wurden schon zu DDR-Zeiten entwickelt. Dabei kämpfte Bärschs Arbeitsgruppe mit den üblichen Widrigkeiten einer Mangelwirtschaft. So mussten Jahr für Jahr von den Lebensmittelbetrieben Extra-Reserven für den Striezelmarkt angelegt werden, Pfefferküchler zur Teilnahme überredet werden. Erzgebirgische Schnitzereien konnte man sich zwar ansehen, aber kaum kaufen - der Staat verkaufte die Volkskunst lieber gegen harte Währung im Westen. Andererseits beschäftigte sich die AG mit ähnlichen Problemen wie die Stadtverwaltung heute: Anwohner, die sich über besinnliche Dauerbeschallung beschwerten, die Frage nach geraden oder verwinkelten Marktgassen, Experimente mit wechselnden Standorten...

Neuanfang 1945 als karge Weihnachtsmesse

War der Neuanfang 1945 als "Weihnachtsmesse" in der alten Goehle-Fabrik an der Riesaer Straße noch karg, zog diese Schau ein Jahr später in die Stadthalle am Nordplatz um, in das spätere Armeemuseum. Die Messe wurde recht rasch wieder zu einem Markt, der 1954 in die Innenstadt zog: Zuerst auf den Theaterplatz, dann auf den Altmarkt, ab 1963 wuchs er in den ganzen Altstadtkern hinein und nahm zeitweise das gesamte Areal zwischen Webergasse und Gewandhaus ein. 1971 bis 1976 hatte der Markt ein Intermezzo auf dem Fucikplatz (heute: Straßburger Platz), was bei den Dresdnern aber nicht so recht ankam.

1977 fand der Striezelmarkt dann zurück zum Standort Altmarkt - und die Umsätze verdoppelten sich auf fast sieben Millionen DDR-Mark. Wie aus einer damaligen Statistik hervorgeht, verzehrten die Striezelmarktbesucher 1977 insgesamt rund 18 Tonnen Broiler, 50 Tonnen Bock- und Bratwürste, 23 Tonnen Schaschlyk, 180 000 Pfannkuchen und kauften 23 000 Stollen. Derweil investierte die Kommune in die Traditionsveranstaltung, allein zwischen 1981 und 1985 steckte der Rat der Stadt etwa 1,2 Millionen Mark in diverse Aufhübschungen.

Als der Striezelmarkt noch Sowjet-Treue beschwor

Wie sehr sich die DDR - bei allem Propaganda-Getöse - zuletzt doch in der Praxis verbürgerlicht hatte, zeigen im Übrigen zwei Dokumente aus den Jahren 1977 und 1988 im Vergleich, beides verwaltungsinterne Striezelmarkt-Konzeptionen: Wo 1977 unter "Zielstellungen" noch steht, durch den Weihnachtsmarkt "sozialistische Verhaltensweisen zu fördern" und den "Stolz auf unsere Errungenschaften und die Freundschaft zur Sowjetunion zu vertiefen", während die Dresdner Traditionspflege erst ganz zuletzt die Rede ist, sind diese ganzen Floskeln in der Konzeption 1988 verschwunden. Hier werden unter "Zielstellungen" zum Beispiel die Kinderfreundlichkeit genannt, die Vertiefung "folkloristischer Traditionen unserer Heimat" und der "Liebe der Bürger zu ihrer Stadt". Auch die elf Jahre zuvor noch erhobene Forderung, den Weihnachtskalender auf russische Märchen auszurichten und unbedingt das russische "Väterchen Frost" samt "Snegurutschka" einzuladen, ist verschwunden.

Und unvergessen wird wohl jedem DDR-Bürger die Zeit um die Mitte der 1980er Jahre bleiben, als der Ideologiehammer noch ein letztes Mal ausholte und aus den holzgeschnitzten Weihnachtsengeln dem Namen nach plötzlich atheistisch-korrekte "Jahresendflügelfiguren" machte. "Dieser Unsinn löste damals nicht nur eine heftige und ins Lächerliche gezogene Debatte aus. Es gab auch einen richtigen Krach", erinnert sich Bärsch. Der übereifrige Vorstoß mittlerer Chargen wurde schließlich schnell wieder unterbunden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2011

Heiko Weckbrodt, Jakob Pontius

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