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Sophie im Castingfieber: Jugendfrei-Autorin stellt ihr Glück als Topmodel und Sängerin auf die Probe

Sophie im Castingfieber: Jugendfrei-Autorin stellt ihr Glück als Topmodel und Sängerin auf die Probe

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin eigentlich kein Mensch, der gern ins Rampenlicht drängt oder unbedingt zu jedem Preis berühmt werden will. Deswegen traf ich die Entscheidung, bei den Castings von "Germanys next Topmodel" und "Deutschland sucht den Superstart" (DSDS) mitzumachen, eher aus einer Laune heraus.

Um ehrlich zu sein, war mein erster Casting eine sehr spontane Idee. Ich hatte erst an dem Tag, an dem zum Casting für "Germanys next Topmodel" geladen wurde, davon gehört und mir gesagt, dass ich mein Glück ja mal versuchen kann. Eigentlich ist gerade ein guter Zeitpunkt - die Lebensetappe Schule habe ich hinter mir gelassen. Mit 1,86 gehöre ich sogar unter großen Mädchen zu den größten. Das ich aber doch anders bin, hat man schon beim Betreten des Hotels, in dem das Casting stattfand, gesehen. Nicht nur, dass die Mädchen alle richtig langes Haar haben, sie sind auch um einiges schlanker. Es ist nicht so, dass ich dick wäre, aber zwischen diesen gut 15 extrem dünnen Mädchen bekommt man schon Komplexe. Aber egal, wenn ich schon einmal da bin, kann ich ja testen, ob man auch als Mädchen mit Durchschnittsmaßen genommen wird.

Nach der Anmeldung heißt es warten. Fast eine Stunde sitzen wir in einer Sitzecke, unterhalten uns und hoffen, dass es los geht. Dann endlich kommt ein Scout, holt alle zusammen und erklärt den groben Ablauf des Castings. Im ersten Raum findet sozusagen die Grobsichtung statt. Ansehen, Gefallen finden, weiterschicken - oder eben nach Hause. Wer es bis hierhin geschafft hat, wird zum Catwalk gebeten. Zwei Läufe werden verlangt. Einmal so individuell wie möglich, das andere Mal eher neutral. Im dritten Raum werden dann persönliche Interviews geführt. Wer Glück hat und in das Format passt, kommt dann in den großen Topf, aus dem Heidi Klum die "Top 50"- Mädchen heraussucht. Soweit, so gut.

Wir warten noch kurz vor dem Castingraum und alle bekommen hohe Schuhe. Noch nie hatte ich mehr als fünf Zentimeter hohe Absätze unter den Füßen, weil ich sowieso schon so groß bin, aber ich kann erstaunlich gut damit laufen. Letzte Instruktionen für den Gang vor die Jury folgen: "Wenn ihr reinkommt, dann wirkt selbstbewusst. Ihr seht einen roten Streifen, dort stellt ihr euch auf. Den Rest werden sie euch schon sagen."

Dann geht es los. Obwohl ich mir keine Hoffnungen mache, schießt das Adrenalin durch den Körper. In dem etwa 50 Quadratmeter großen Saal sitzen an einem Tisch zwei Frauen und ein Mann, alle etwa 35 Jahre alt, keine bekannten Fernsehgesichter, aber mit sympathischer Ausstrahlung. Heidi Klum bekommt man nicht zu sehen, aber das hat auch niemand erwartet. An einer Säule ist eine Messlatte angebracht, links von der roten Linie, an der sich nun die fünf Mädchen aufstellen, sieht man eine weiße Leinwand, eine Kamera und zwei Scheinwerfer.

Es wird nach Herkunft und Alter gefragt, manche noch nach Größe. Diejenigen, welche zu klein wirken, müssen die High-Heels ausziehen und sich vermessen lassen. Dann müssen sich alle mit dem Rücken zur Jury drehen und einmal quer durch den Raum laufen. Mein Stolz sagt mir, dass ich mich jetzt nicht blamieren sollte. Also versuche ich, so ansprechend wie möglich zu laufen.

Vier werden nach dem Walk sofort wieder raus geschickt - für sie hat es nicht gereicht. Nur eine wird für ein Foto dabehalten. Von zehn Mädchen wurden nur zwei in die nächste Runde gebeten - ich leider nicht. Aber die Erfahrung, mal bei einem Casting dabei gewesen zu sein und hohe Schuhe zu tragen, war es wert.

Etwa zwei Wochen später kommt die Castingtour von "Deutschland sucht den Superstar" nach Dresden. Als ich den Schweriner Platz am Neustädter Bahnhof erreiche, sehe ich nicht mehr als sechs andere an dem DSDS-Truck stehen, welche sich bewerben wollen. Ich dachte, dass es mehr wie im Fernsehen aussehen würde, wo Menschenmassen auf den Truck zurennen. Wenigstens 50 Bewerber hätte ich erwartet. Aber mehr als die Sechs sind nicht zu sehen. Es werden auch im Verlauf der Zeit nicht viel mehr. Die ersten beiden kommen ziemlich schnell wieder aus dem Truck. Beide haben es nicht geschafft. Warum, können sie sich nicht richtig erklären und ich auch nicht, denn sie singen wirklich gut.

Seitdem ich von der Castingtour von DSDS weiß, überlegte ich, hinzugehen. Gesang und Musik drücken für mich all das aus, was man in Gesprächen nie sagen kann - einfach etwas Besonderes, Poesie. Dabei meine ich nicht die aus dem Boden gestampften Partysongs, sondern die Lieder mit tiefsinnigen Texten, die vom Kommerz der Branche weitestgehend verschont bleiben. Außerdem sagt man mir immer, dass Gesang eines der Dinge ist, welche mir gut liegen. Aber muss man das gleich ganz Deutschland unter die Nase reiben? Immerhin sind von Anfang an Kameras dabei und spätestens da werde ich vorsichtig.

Ich entscheide, kurz bevor es losgehen soll, dass ich lieber nicht teilnehme. Das liegt nicht daran, dass ich Angst hätte oder schüchtern bin, sondern hauptsächlich an dem Teilnehmervertrag von RTL. Wer ihn unterschreibt, gibt dabei ziemlich viele Rechte ab und verpflichtet sich, die Lieder zu singen und die Sachen zu tragen, welche die Produzenten aussuchen. Jedes letzte Wort und jegliche Entscheidungsgewalt wird dem Produzenten übertragen. Man selbst steckt da extrem zurück, kann ich mir vorstellen.

Jetzt weiß ich auch, wieso manchmal Kandidaten so total versagen. Es liegt mitunter daran, dass die von der Produktion ausgewählten Lieder einfach nicht zur Stimme des Kandidaten passen. Und wenn man dann noch in einem Aufzug singen muss, der einem persönlich gar nicht gefällt, wird mir klar, wieso eigentlich gute Sänger die Show verlassen müssen. Dann verzichte ich gern auf den Ruhm, wenn ich dafür am Singen weiter Spaß haben darf und mir nichts aufgedrängt wird, das ich nicht will.

Mein Ausflug in die Fernsehwelt war alles in allem lehrreich und spannend. Es ist interessant zu sehen, wie ein Casting abläuft und was alles passiert, bevor man die ausgewählten Kandidaten im Fernsehen betrachten kann. Ob ich mich irgendwann noch einmal bei einem Casting bewerbe, weiß ich nicht. Vielleicht ringe ich mich irgendwann doch noch durch, mein Glück mit dem Singen zu versuchen. Aber bis dahin bleibe ich lieber eine unter vielen, die Spaß am Singen und Modeln mit den Freunden zu Hause hat.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.10.2013

Sophie Folgmann

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