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Selbstversuch: DNN-Mitarbeiterin hilft auf dem wöchentlichen Lingnermarkt in Dresden bei der Gärtnerei Schulze aus

Selbstversuch: DNN-Mitarbeiterin hilft auf dem wöchentlichen Lingnermarkt in Dresden bei der Gärtnerei Schulze aus

Hektisches Treiben, zahlreiche Kunden und eine Vielfalt an Angeboten. Interessiert schaue ich mich von meinem Platz hinter dem Verkaufstresen der Gärtnerei Schulze auf dem Wochenmarkt an der Lingnerallee um.

"Zwischen 9 und 12 Uhr ist hier am meisten los. Da sind die Leute so langsam alle wach", erklärt mir Sylvia Beil. Doch mehr kann sie mir nicht erzählen, denn schon steht die nächste Kundin am Stand der Gärtnerei und schaut mich erwartungsvoll an. "Ich hätte gern ein Pfund Bohnen und einmal Bohnenkraut." Erschrocken seh ich die ältere Dame an und sofort steigt Panik in mir auf. Was war gleich nochmal ein Pfund? Zwei Kilo? Oder doch bloß 1,5 Kilo? Und wie zur Hölle sieht Bohnenkraut aus? Sylvia Beil sieht meine Panik und eilt mir zur Hilfe. "Zwei Euro wären das bei Ihnen", erklärt sie der Kundin, während sie fix die Tüte mit den Bohnen und dem dazugehörigen Kraut packt. "Ein Pfund ist ein halbes Kilogramm", raunt sie mir leise zu. "Und das Kilo kostet heute 2,80 Euro", so die 48-Jährige. Ok, das kann ich mir vielleicht merken, doch wie soll ich die zahlreichen anderen Preise bloß in meinen Kopf kriegen? Schließlich stehen noch Tomaten, Gurken, Paprika, Radieschen, Ingwer, Pflaumen, Kartoffeln, Blumen und vieles mehr im Angebot.

Ich fühle mich überfordert und frage mich so langsam, ob es eine gute Idee war, dieses Experiment zu wagen. Doch nun bin ich einmal hier und Aufgeben ist nichts für mich. Also fange ich an, mir die Preise sämtlicher Gemüse- und Obstsorten einzuprägen. Anschließend erklärt mir Sylvia Beil die Waage und wie ich damit problemlos den Preis ausrechnen kann. Somit ist zumindest der Grundstein für meine Karriere als Verkäuferin gelegt und ich fühle mich etwas sicherer. Die nächste Kundin kommt auf mich zu und bestellt ein Kilogramm Pflaumen. Mit einem kurzen Blick auf das Schild überprüfe ich, ob ich mir den Preis richtig gemerkt habe: Und tatsächlich, die 1,80 Euro pro Kilogramm sind richtig. Nun möchte die Frau noch einen Bund Petersilie und schon endet mein Glücksgefühl wieder. Fragend schaue ich meine Chefin auf Zeit an. "50 Cent", erklärt sie mir lächelnd und fügt hinzu: "Dill und Schnittlauch kosten aber 60 Cent." Plötzlich sieht sie eine langjährige Kundin und lässt sich in ein Gespräch verwickeln.

Dass die Mitarbeiter der Gärtnerei die meisten Einkäufer auf dem Lingnermarkt bereits kennen ist kein Wunder. Schließlich sind sie Händler der ersten Stunde, wie die ehemalige Geschäftsführerin Christine Schulze erzählt. "Seit 1989 sind wir dabei und haben hier unseren Stammplatz." Die Gärtnerei selbst hat ihren Sitz im Dresdner Stadtteil Gohlis an der Elbstraße 37. Ein Hektar Fläche steht ihnen zur Bewirtschaftung zur Verfügung. "Vor sieben Jahren haben mein Mann und ich die Gärtnerei an unseren Sohn André übergeben. Er führt den Betrieb nun in der vierten Generation weiter", erklärt mir die "Mutti", wie sie liebevoll von den anderen Mitarbeitern genannt wird.

Doch mehr Zeit zum Schwatzen bleibt nicht, denn schon bahnt sich der nächste Schwung Kunden an. "Das ist immer so. In dem einen Moment ist es ruhig und im nächsten kommen wir nicht mehr hinterher", erklärt mir Juniorchefin Sylvia Beil. Also wende auch ich mich schnell den wartenden Kunden zu, um ihre Wünsche zu erfüllen. Am beliebtesten sind heute die Einlegegurken, die einen Euro pro Kilogramm kosten. Gleich jeder zweite Marktbesucher nimmt am Stand der Gärtnerei welche mit - plus ein Bund Bohnenkraut, bei dem ich mittlerweile auch weiß, wie es aussieht. Zügig und natürlich immer mit einem Lächeln auf den Lippen betreue ich Jung und Alt und fuchse mich so langsam in das Geschäft hinein. Meine Chefin scheint zufrieden zu sein, meint sogar "Du hättest auch Verkäuferin werden können." Ein Kompliment, das natürlich runter geht wie Öl. Interessiert frage ich nun nach, wann so ein typischer Freitag auf dem Markt beginnt. "Wir reisen gegen vier Uhr morgens an, um alles aufzubauen. Acht Uhr ist dann die offizielle Markteröffnung und abends gegen sieben Uhr sitzen wir dann wieder zu Hause am Abendbrottisch", erklärt mir Sylvia Beil. Es sei ein anstrengender und langer Tag, aber einer der viel Spaß bereitet und Freude bringt.

Auch ich habe in den zweieinhalb Stunden, in denen ich meinen Schreibtisch bei den Dresdner Neuesten Nachrichten gegen den Verkauf von Obst und Gemüse getauscht habe, nicht bereut. Der persönliche Kontakt mit den Kunden, die immer nett waren und meine Unerfahrenheit toleriert haben, war ein besonders schöner Aspekt der Arbeit. Dennoch habe ich auch erfahren wie stressig und anstrengend so ein Tag auf dem Markt sein kann und bewundere alle Händler, die dies 13 Stunden am Stück durchhalten.

Übrigens: Am Freitag, den 12. September, steht das Herbstfest auf dem Lingnermarkt an. An diesem Tag begleitet Frischemoderator Harry Flint das Marktgeschehen. Ab 8.30 Uhr wartet auf alle Besucher ein buntes Rahmenprogramm aus Unterhaltung, Information und Gewinnmöglichkeiten. "Marktfrau Regine" ist in historischem Marktfrauenkostüm dabei, spielt Trompete und Akkordeon gleichzeitig und bringt mit ihren Späßen das Publikum zum Lachen und Nachdenken.

An einem Sonderstand finden zudem Verkostungen verschiedener Brotsorten statt. Passende Aufstriche, Cremes und Marmeladen gibt's gleich dazu. "In den Regalen unserer Backwarenstände finden sich jeden Freitag über 100 verschiedene Brotsorten im Angebot" weiß Frank Hadan von der Marktgilde. Jedes Brot schmeckt anders, doch eines ist allen gemein: die traditionelle handwerkliche Qualität und natürlich die Frische.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.08.2014

Nadine Steinmann

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