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Selbsttest auf dem Wakeboard: DNN-Mitarbeiter Hauke testet die Anlage in Dresden-Leuben

Selbsttest auf dem Wakeboard: DNN-Mitarbeiter Hauke testet die Anlage in Dresden-Leuben

Als ich mit zwölf Jahren zum ersten und letzten Mal den Versuch unternahm, mit einem Skateboard zu fahren, musste ich feststellen, dass ich nicht dafür geschaffen bin, lässig auf wackeligen Brettern Treppengeländer herunter zu sliden und mit meiner Körperkontrolle die Mädchen zu beeindrucken.

Stattdessen entschied ich mich, den Weg des Poeten einzuschlagen, und schrieb Kurzgeschichten. Ich hätte anfangen sollen zu rappen, denn mit Gymnasiastenlyrik ließen sich auch keine Mädels locken. Gefrustet und verzweifelt tat ich mich mit Gleichgesinnten zusammen und verschmähte die coolen Typen mit ihren melonengroßen Basecaps und offenen Turnschuhen.

Diese schweren Tage sind - Gott sei Dank - seit einigen Jahren passé und langsam wurde es Zeit, mit den Traumata der frühen Jugend abzuschließen. Eine Freundin von mir, die einen Hang zum esoterischen Seelenkitsch hat, sagte einmal, dass man sich seinen Ängsten stellen sollte, sonst fressen sie einen von innen auf. Schön und gut, aber über ein Jahrzehnt später noch einmal den Versuch zu unternehmen, auf einem Brett durch die Gegend zu rollen, kam nicht in Frage, denn das wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Eine Alternative musste her.

Nach eingehenden Internetrecherchen über Sportarten, die etwas mit Balance zu tun haben und trotzdem noch cool aussehen, stieß ich auf das Wakeboarden. Ein Motorboot oder eine feststehende Anlage ziehen dich auf einem skateboardartigen Surfbrett über den See und man kann, lässig mit der Hüfte wackelnd, die schärfsten Tricks ausführen. Vorteil der ganzen Geschichte: Fällt man hin, fällt man weich, wenn auch nass. Tief beeindruckt von den zahlreichen YouTube-Videos, worin Männer und Frauen in Neoprenanzügen Loopings schlagen, entschied ich: "Das ist dein Ding!" Ind machte mich auf, mein Glück zu versuchen.

Der passende Ort war schnell gefunden. In den Kiesgruben in Leuben gibt es eine Wakeboardanlage und Betreiber Martin Riedel war bereit, mir eine zweistündige Probefahrt auszugeben. Ich hatte mir extra frei genommen, um mich ganz meinem sportlichen Selbstversuch widmen zu können. Optimistisch und voller Tatendrang erreichte ich den Kiessee und ging den sandigen Pfad zur Wakeboardstation hinab. Herr Riedel reichte mir zur Begrüßung die Hand. Ich solle mir bitte zuerst einen Informationsfilm anschauen, der mich über die richtige Verhaltensweise und die Risiken an der Anlage aufklärt. Er führte mich auf eine überdachte Terrasse vor einen alten Röhrenfernseher, startete das Video und verschwand.

Hier saßen sie wieder, die coolen Typen und Mädels in ihren Carhartt-Klamotten. Braun gebrannt und mit allen Freestyle-Wassern gewaschen betrachteten sie mich argwöhnisch - zumindest hatte ich das Gefühl und die Angst aus Kindertagen kehrte zurück. "Die werden dich Spargeltarzan auslachen", dachte ich und war kurz davor, das Weite zu suchen. Doch Andor, der Fotograf, war überpünktlich und schraubte bereits an seinen Objektiven, um meine Glanzleistung für die Ewigkeit auf ein Bild zu bannen. Der Weg zurück war plötzlich versperrt.

Das Video ging zu Ende und mir blieb der Trost, dass, wenn ich in das Wasser falle, wenigstens keine Schwimmer über den Haufen gefahren werden. Ich ging zum Wasser und bekam ein Brett. Es war breit und besonders lang. "Für Anfänger", sagte Riedel mit einem Grinsen im Gesicht und im nächsten Moment hockte ich auf der Startrampe, das Brett an den Füßen, den Haltegriff fest umklammert, auf mein ganz persönliches Armageddon wartend. An der Umlenkrolle zehn Meter über mir machte es "klick" und das Seil zog mich mit 29 Kilometern pro Stunde nach vorne. Geschockt von der Geschwindigkeit, aber gleichzeitig hochkonzentriert, versuchte ich in die Kameralinse von Andor zu blicken, was auch gelang. Im nächsten Moment schlug das Wasser über mir ein, lief in meine Nase und raubte mir kurz die Übersicht. Der Aufschlag war wesentlich härter als erwartet und der erste Versuch missglückt. Riedel sagte mir, dass das ganz normal sei und sich niemand gleich beim ersten Anlauf auf den Brettern halten könne. Also unternahm ich einen zweiten und einen dritten Versuch. Es sollte immer wieder misslingen und während die Kinder einer Familie, die gerade einen Ferienausflug unternahm, nur so über das Wasser schossen, landete ich immer wieder im kalten Nass. Andor, der mittlerweile eine ganze Serie von Sturzbildern geschossen hatte, packte seine Ausrüstung und verabschiedete sich in der Annahme, dass ich eh nicht mehr fahren würde. Am Ende sollte er Unrecht behalten.

Nachdem ich eine Stunde damit verbracht hatte, mich vom Steg ziehen zu lassen, um postwendend Baden zu gehen, fing ich an, den Dreh herauszubekommen. Martin, ein Mitarbeiter der Wakeboardanlage, saß seelenruhig auf einem Barhocker und bediente die Seilzüge. Offenbar erfahren im Umgang mit Bewegungsidioten wie mir, gab er nach jedem Anlauf Tipps und krittelte an meiner nicht vorhandenen Technik herum. "Lass dich nicht nach hinten fallen und versuch über dem Brett zu stehen", bläute er mir immer wieder ein, was ich wann zu tun habe.

Und irgendwann blieb ich stehen. Das Wasser kräuselte sich und blubberte unter meinem Brett, der Wind pfiff mir um die Ohren. Ein nie gekanntes Gefühl der Freiheit machte sich in meinem Bauch breit. Als ob ich das Seil loslassen und wie von Zauberhand über den See gleiten könnte. Ich war der König der Welt oder zumindest der Kiesgrube in Leuben und im nächsten Moment stürzte ich wieder in das Wasser. Zurückgekehrt am Startplatz hielt Martin fast nur Lob für mich bereit. "Jetzt haste es mal, geschafft zehn Meter zu fahren", sagte er fast schon stolz auf meine Leistung und fügte hinzu: "wenn du es jetzt noch hinbekommst, nicht in der Gegend herumzugucken, könnte das noch was werden mit dir."

Angetrieben vom geweckten Ehrgeiz und von der Möglichkeit besessen, das Gefühl der grenzenlosen Freiheit noch einmal zu erleben, ließ ich mich wieder auf den See ziehen und blieb auf Anhieb stehen. Wieder war ich überwältigt von der Geschwindigkeit und der Tatsache, dass ich mich auf diese unkonventionelle Art fortbewege, doch ich blieb standhaft und legte eine große Strecke zurück. In der ersten Kurve verlor ich trotzdem das Gleichgewicht und machte einen Hechtsprung in die Wellen. Mit hochgestreckter Faust feierte ich meinen Erfolg, denn ich hatte mindestens 100 Meter zurückgelegt.

"Wenn es am schönsten ist, dann soll man gehen", dachte ich mir daraufhin, kletterte die Böschung am Strand herauf und kehrte mit einem Wakeboard unter dem Arm lässig, breitbeinig und voller Selbstbewusstsein - denn ich war jetzt auch ein cooler Typ - in die Wakeboardstation zurück, wo niemand über mich lachte. Hauke Heuer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.08.2012

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