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Schadenfreude 2.0: Jan Böhmermann gastierte in der Schauburg

Schadenfreude 2.0: Jan Böhmermann gastierte in der Schauburg

Alles nur Spaß, alles nur Satire, er sei "nicht wirklich ein Volksverhetzer", beteuert Jan Böhmermann. Fällt irgendwie schwer zu glauben, denn an sich lässt der TV-Moderator im Laufe seines Programms "Schlimmer als Jan Böhmermann", mit dem er in der Schauburg gastierte, nichts aus an Sprüchen und Beleidigungen, die vom Straftatbestand der Volksverhetzung nicht weit weg sind, würde das Ganze nicht unter Satire und künstlerischer Freiheit laufen.

Immerhin, er ist froh, Magdeburg entronnen zu sein. Dort hätten die Leute einen "kreisförmigen Stammbaum", zudem seien "Haustiere reingekreuzt". Man lacht, das schon, fragt sich aber, ob Böhmermann in Leipzig, der nächsten Station seiner Tournee, in ebensolcher Weise - weil auf billige Lacher aus - über die Dresdner herzieht.

Er stehe, versichert Böhmermann, für "typisch deutschen Humor, für den wir im Ausland so beliebt sind, mal abgesehen von unserer melodischen Sprache." Und die Formel des Abends lautet (d'accord gehend mit einer Erkenntnis des Filmemachers Woody Allen): "Tragödie + Zeit = Komödie." Und so erklärt der gebürtige Bremer den Zweiten Weltkrieg zum "selbstironischen Gag", spielt einen "Beate-Zschäpe-Muscial-Clip" ein, in dem eine hinter Gittern schmachtende Darstellerin des "Fickflittchens der beiden Uwes" in Andrew-Lloyd-Webber-Manier eine Arie trällert. Ein anderer Clip war da überzeugender. Eine bissige Parodie auf den Trailer, den Stargeiger David Garrett einmal ins Neo Magazin mitbrachte, um damit den Film "Der Teufelsgeiger" zu bewerben. Böhmermanns Persiflage trug den Titel "Der Satanstrianglist". Garrett war not amused, die Böhmermann-Fangemeinde schon.

Böhmermann, der bei Harald Schmidt gelernt hat, lässt ein "Digitales Quartett" über die Frage diskutieren, ob die Gruppe Frei.Wild rechtsradikal ist. Und Fans der Toten Hosen müssen damit klarkommen, dass er über die Altpunker, die er de facto zu einem Fall für Gunther von Hagens' "Körperwelten" erklärt, nicht minder bissig herzieht. Improvisieren kann der Entertainer: Als ein Pärchen mal eben kurz rausgeht, lässt er die versammelte Zuschauerschar wissen, dass er die ersten vierzig Minuten des Programms als "intellektuelle Firewall" gestaltet habe.

Genüsslich erklärt er gegen Ende, warum er Berlin, wo es mehr Gedenkstätten als Lidl-Filialen gibt und "jede Nutte einen Bachelor hat" (und umgekehrt), eigentlich mag, "aber irgendwie auch nicht". Durchaus verstörend, aber den Finger in die Wunde legend auch die Schote, in der Böhmermann eine Lehrerin ihre Klasse loben lässt, in der neun von 16 Schülern allerdings gerade nicht da sind - "weil sie in Syrien kämpfen".

Auf Dauer ist die Masche Böhmermanns aber ziemlich durchsichtig. Eigentlich führt er nur andere Leute vor, pflegt vorzugsweise akkurat jene Humorform, die er als typisch deutsch und nicht eben sympathisch etikettiert und abqualifiziert: die der Schadenfreude. Und ein bisschen erinnert Böhmermann an den Berufskollegen Stefan Raab, den er unlängst in einem ebenfalls Schadenfreude im Land auslösenden Video linkte. Böhmermann macht einen auf großer Aufklärer, der "selbstlos" entlarvt, wie grenzenlos bescheuert doch jene Fernseh-, Facebook- und Twitterwelt ist - und doch wird überdeutlich, dass er just von diesen Welten kommod lebt, er letztlich auch Rädchen im Getriebe des Medienbetriebs ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.04.2014

Christian Ruf

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