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Restauratorin Johanna Lang hat im Dresdner Wachskabinett einen einzigartigen Arbeitsplatz

Restauratorin Johanna Lang hat im Dresdner Wachskabinett einen einzigartigen Arbeitsplatz

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen die DNN wie bei einem Adventskalender jeden Tag ein besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Pforten.

Dieses Mal besuchten wir Johanna Lang im Dresdner Wachskabinett.

Von catrin steinbach

Auf einem Wagen hinter den Kulissen im Untergeschoss des Hygienemuseums liegt eine nackte Frau mit dunklen Haaren. Ihr rechter Arm hängt schlaff herunter, die Augen sind geschlossen, der Kopf ist überstreckt, die Haut auf Brust und Bauch aufgeschnitten und zurückgeklappt. Eine junge Frau mit Pferdeschwanz sitzt daneben, reinigt vorsichtig mit einem weichen Pinsel und einem Sauger die inneren Organe.

Die Frau auf dem Wagen - "Zerlegbare Venus" genannt - besteht aus Wachs. Sie gehört zu einer kostbaren historischen Sammlung - einem anatomischen Wachskabinett. Mit diesem besitzt das Hygienemuseum seit 2009 eine Rarität, die voraussichtlich 2015 in einer Sonderausstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Doch bis dahin gibt's noch viel zu tun für die junge Frau mit dem Pferdeschwanz.

Sie heißt Johanna Lang und ist Restauratorin und Wachsexpertin, "zählt zur Creme de la Creme des Restauratorengewerbes", weiß Christoph Wingender, Pressesprecher des Hygienemuseums. Die 34-Jährige hat einen gewöhnungsbedürftigen Arbeitsplatz. Sie sitzt zumeist allein in einem großen Raum und ist von aufgeschnittenen "Menschen" und einzelnen Körperteilen, wie zum Beispiel einem Arm mit schwersten Verbrennungen, krankhaft veränderten Nieren sowie Gesichterteilen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern wie Syphilis umgeben. Nichts für schwache Nerven.

Johanna Lang lacht. "Das stört mich nicht. Es ist doch nur Wachs. Ich konzentriere mich auf die Objekte an sich, nicht auf die Darstellungen. Mich fasziniert die Technik, mit der diese Modelle einst gefertigt wurden. Schauen Sie mal hier bei der zerlegbaren Venus zum Beispiel: Um die Adern realistisch und etwas erhaben darzustellen, wurden in das Wachs Fäden eingebettet. Erst gestaltete man die Adern farbig. Zudem trägt die Frau eine ganz fein geknüpfte Perücke. Die Haare der Augenbrauen wurden einzeln eingestochen. Die Wimpern einzeln auf Pergament geklebt und dann am Auge befestigt."

Für die Restauratorin ist es wichtig, hinter das Geheimnis der Herstellung der Wachsobjekte zu kommen. Denn ihre Aufgabe ist es nicht nur, die sehr empfindlichen Modelle mit größtmöglicher Vorsicht zu reinigen. Einige befinden sich in einem sehr schlechten Zustand, haben Brüche und Risse, so dass zum Teil umfangreiche konservatorische Maßnahmen notwendig sind. Und da kann man nicht mal eben wie zu Hause mit Kontaktkleber zu Werke gehen. "Wachs zu kleben ist sehr schwierig. Der Klebstoff muss alterungsbeständig sein und darf das Wachs nicht angreifen", erklärt Johanna Lang.

Sie erwartet in den nächsten Tagen das Ergebnis einer Materialanalyse, die die Zusammensetzung des verwendeten Materials bei der "Zerlegbaren Venus" klären soll. Denn Wachs ist nicht gleich Wachs. Zudem wurde das lebensgroße Modell der Frau geröntgt, um Aussagen zur Stabilität treffen zu können. Dadurch weiß Johanna Lang jetzt, dass eine Armierung aus Metall und Holz der hohlen Venusfigur Halt gibt.

"Wir werden nicht jeden Riss kaschieren", weiß die Restauratorin schon jetzt. "Denn jeder Bruch ist ein Teil der Geschichte." Auch x-mal überklebte kleine Schilder mit Zahlen zur Nummerierung der Objekte werden belassen. "Denn solche Details erzählen, wie die Wachsobjekte benutzt worden sind."

"Das anatomische Panoptikum haben wir im Juli 2009 erworben", so Christoph Wingender, Sprecher des Dresdner Hygienemuseums. Das war damals durch einen Artikel in den DNN auf die Sammlung aufmerksam geworden, die Esa Karttunen und Wäinö Hamari gehörte. Die beiden finnischen Zirkusartisten hatten die zum Teil sehr spektakulären Wachsmodelle 1989 von der deutschen Schaustellerfamilie Barber gekauft und waren damit noch bis 2007 durch Europa getourt. Das Panoptikum ist eine "Rarität, weil ein ähnlich vollständiges Ensemble unseres Wissens sonst nicht mehr vorhanden ist", so Wingender.

"Das Dresdner Wachskabinett besteht aus rund 250 Objekten. Es enthält zwei Ganzkörpermodelle, sieben Torsi und etwa 200 Detaildarstellungen sowie 14 Moulagen, zwölf Lehrtafeln, sieben Schaukästen und Präparate, einen Gläsernen Mann sowie einen Gipstorso", so die Auskunft aus dem Hygienemuseum. Die Modelle veranschaulichen die allgemeine Anatomie des Menschen, Krankheiten und Verletzungen, Operationen, Missbildungen und Abnormitäten wie die Darstellung eines "Schwertschluckers". Die meisten Objekte stammen aus der Werkstatt des namhaften Dresdner Wachskünstlers Rudolf Pohl (1852-1926).

Das älteste Modell der Sammlung ist eine Schwangere im neunten Monat, die vom Anthropologen und Modelleur Gustav Zeiller gefertigt wurde, der ab 1872 ebenfalls in Dresden arbeitete. Mit solchen Wachskabinetten, wie das Hygienemuseum jetzt eines besitzt, zogen Schausteller einst durch die Lande und vermittelten - natürlich auf reißerische Art und Weise - auf Jahrmärkten Wissen über den menschlichen Körper.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.12.2012

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