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Nur ein Amüsierviertel - Wie der Stadtteil Pieschen zu seinem wenig schmeichelhaften Beinamen kam

Nur ein Amüsierviertel - Wie der Stadtteil Pieschen zu seinem wenig schmeichelhaften Beinamen kam

Erzählt man heute einem Dresdner, dass man in Pieschen wohnt, schlägt einem mit ziemlicher Sicherheit prompt ein Vorurteil um die Ohren: "Pieschen? Da gibt es doch nur Bordelle und Prostitution.

Von Christin Grödel

" Ein florierendes Rotlicht-Geschäft soll diesem Viertel einst den wenig ruhmvollen Namen "Fick-Pieschen" eingebracht haben. Aber hat dieser Beiname wirklich einen realistischen Hintergrund? "Da ist viel Volksmund dabei", sagt Klaus Brendler, Vereinsvorsitzender des Dresdner Geschichtsmarktes und Leiter der Geschichtswerkstatt Dresden-Nordwest.

Die Entstehung des Beinamens hat laut Brendler Ursachen in der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung Pieschens. Und das sei nicht nur hier so gewesen. Mit Beginn des 20. Jahrhundert kam es zu Eingemeindungen und somit zur Entstehung neuer Stadtteile. "Es gibt auch die Ausdrücke Mause-Gorbitz, Kuh-Löbtau oder Frosch-Cotta. Das alles deutet die Entwicklung von der landwirtschaftlich geprägten Fläche zum Stadtviertel an", erklärt der 72-Jährige. Aber in Pieschen gab es aufgrund geringer Weideflächen nur wenig Landwirtschaft.

Vielmehr entwickelte sich der Stadtteil Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Industriebezirk. Das Nähmaschinenteilewerk, der Pieschener Hafen und andere Unternehmen zogen Arbeiter in das 1897 eingemeindete Pieschen. Auch die erste Fern- reisebahn, die die Pieschener Fluren schnitt, hatte ihren Anteil an einem enormen Zuzug. Und die Arbeiter brauchten schließlich Wohnraum. Zu den einfachen Häusern des alten Dorfkerns, die noch heute in der Straße Altpieschen von der damaligen Zeit zeugen, gesellten sich schnell mehrstöckige Bauten, in die die Arbeiterfamilien zogen. Beispiele der Industriebauten können heute unter anderem in der Mohnstraße gefunden werden.

"Außerdem gab es in Pieschen schon bald viele Kneipen und Restaurants. Auch ein Grund für den Ruf als Amüsierviertel", beschreibt Brendler. Die vielen Gastwirtschaften und vor allem der Weinbau seien für viele Dresdner damals der Grund für einen Sonntagsausflug nach Pieschen und Trachau gewesen. Rund um den alten Dorfplatz, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch mit einem Teich ausgestattet war, kann man auch gegenwärtig noch Spuren davon in Form alter Kneipen entdecken.

Ausschlaggebend für den wenig schmeichelhaften Namen Pieschens sei aber vor allem der heutige Erl- weinhof in der Straße Altpieschen gewesen. Der Dresdner Stadtrat Paul Wolf, der auch für den Bau des Sachsenbads verantwortlich zeichnete, ließ den Gebäudekomplex von 1910 bis 1912 nach Plänen Hans Erlweins errichten. Hinter einem Fachwerkhaus, das den Stil der älteren Bauernhäuschen auffing, entstanden drei Anbauten in moderner Bauweise. Anfangs bot das Haus ein Asyl für männliche Arbeiter, die sozial schlecht gestellt waren. Tageweise oder auch länger fanden sie hier Hilfe.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges jedoch entwickelte sich das Haus zu einem Asyl für sozial schwache Familien. Und diese hatten aufgrund der schwierigen sozialen Lage viele arme Kinder, die sich im Erlweinhof tummelten. "Altpieschen 9 wurde so schnell zu einem Begriff, der den schlechten Ruf Pieschens aufgriff", so der 72-Jährige. Und da die Kinder ja irgendwo herkommen mussten, entstand im Volksmund der Glaube, die Pieschener verbringen ihre Freizeit am liebsten im Bett.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2011

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