Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Nichts für Warmduscher: Die Winterschwimmer der TU Dresden

Nichts für Warmduscher: Die Winterschwimmer der TU Dresden

Minus drei Grad, reges Schneetreiben und ein eiskalter Wind. Es gibt bessere Bedingungen, um eine gemütliche Runde im Cossebauder Stausee zu drehen. Doch für die jungen Winterschwimmer der TU Dresden ist es genau das richtige Wetter.

Voriger Artikel
Gleich zwei Holi-Festivals sollen 2013 in Dresden stattfinden
Nächster Artikel
Hoch in die Lüfte – Im Dresdner Alaunpark wird am Sonntag der 3. Stadtmeister im Skispringen gekürt

"Ich lebe noch!", denkt Lisa und die Freude darüber ist nicht zu übersehen. Bei minus 3 Grad ging sie baden. (www.förstermartin.de)

Quelle: Martin Förster

Geleitet von Gunther Schneider und Anett Ungethüm, trifft sich die Gruppe jede Woche, um gemeinsam ihren inneren Schweinehund zu überwinden. Ich bin neugierig und will dieses ungewöhnliche Hobby mal ausprobieren. Es ist das Härteste, was ich in meiner kurzen Sportkarriere bislang erlebt habe.

Ein paar Stunden bevor es los geht, werde ich schon nervös. Wieso mach' ich das noch mal? Hüpfen die wirklich freiwillig ins Eiswasser? Und werde ich das überleben? Ich erhoffe mir motivierende Worte in diversen Eisbader-Foren. Bingo: "Winterschwimmen als Frischekick für Körper, Seele und Geist." Na, wenn das nicht toll klingt! Und es wird noch besser. Eisbader versprechen eine Stärkung des Immunsystems, eine straffere Haut und eine Entgiftung des gesamten Körpers. Hört, hört.

Meine Nervosität lässt nach. Zumindest bis ich die Regeln für Eisbader-Anfänger entdecke. Erstens: eine gute Gesundheit. Ja, ich glaube, die hab ich. Zweitens: körperliche Fitness. Da fangen die Defizite schon an. Und drittens: ein Abhärtungstraining, zum Beispiel täglich eine kalte Dusche. Das hat mir niemand gesagt! Jetzt habe ich erst recht Panik.

Erst schwitzen, dann frieren

Doch dann ist es soweit. Mit dem Bus geht es von Dresden zum Stauseebad Cossebaude, wo sportbegeisterte Studenten bereits seit 1990 ihren eisigen Gelüsten frönen dürfen. Im Freibad angekommen, geht es erst mal in eine kleine Baracke zum Umziehen. Denn bevor wir uns ins kalte Nass wagen, müssen wir noch richtig schwitzen. Das bedeutet offenbar, etwa 20 Minuten bei Schneeböen durch Land und Wiesen zu rennen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das Eisbaden noch schlimmer sein wird als dieser gefühlte Marathon.

Innerlich patschnass geschwitzt und äußerlich mit einer feinen Schneeschicht bedeckt, kommen wir dann an unserem Badeort an. Ohne eine Verschnaufpause geht es gleich ans Eingemachte. Alle schlüpfen in Rekordgeschwindigkeit aus ihren Sportklamotten und positionieren ihren Bademantel griffbereit am Ufer. Noch einmal zweifele ich kurz und denke nur, wie blöd ich bin, mich auf so etwas einzulassen. Doch dann sind auch schon die Ersten im Wasser und ich stehe alleine nackig am Ufer. Jetzt muss ich rein, bevor der Fotograf sich umdreht, um ein Foto von mir im Eiswasser zu schießen. Ich habe keine Zeit mehr zum Nachdenken und gehe einfach nur noch Stufe für Stufe die Treppe hinunter. "Vergiss nicht zu atmen!", sagt die Sportleiterin Anett noch zu mir. Dann spüre ich schon etwas Nasskaltes an meiner großen Zehe, meine Beinchen folgen und plötzlich, ich kann es kaum fassen, ist mein ganzer Körper im Wasser! Das Kuriose ist: Ich sehe zwar, dass ich im Wasser bin, aber ich spüre es nicht. Mein gesamter Körper ist taub. Und dann fällt mir plötzlich ein: Atmen! Ich ächze vor mich hin. Mein Körper spielt Achterbahn. Ich musste mich noch nie so konzentrieren, einen einzigen Atemzug hinzubekommen. Verrückt, einfach nur verrückt!

Und dann kommt der Punkt, an dem ich meinen Körper wieder fühle, und wie. Ein stechender Schmerz vom Hals bis in die Zehenspitzen zwingt mich zur blitzartigen Umkehr ans rettende Festland. Endlich bin ich wieder draußen. Total euphorisiert und etwas neben mir stehend, versuche ich in meine Flipflops zu schlüpfen. Doch ohne Erfolg. Die Feinmotorik meiner Füßchen ist gleich Null. Ich husche einfach nur noch in meinen Bademantel und merkte erst jetzt, wie warm die Luft ist. Zur Erinnerung: minus drei Grad.

Schokokuchen und Sauna

Ich habe es geschafft! Stolz wie Oskar tapse ich durch den Puderschnee zu unserer kleinen Baracke. Dort hüllen wir uns erst mal in Fleecejacken und Thermoleggings ein. Und dann gibt es die ersehnte Belohnung für unsere sportliche Höchstleistung: Schokoladenkuchen, Brownies und eine heiße Tasse Tee. Einfach göttlich. Und nach der kleinen Stärkung gönnen wir uns noch zweieinhalb Stündchen in der Sauna. Endlich kann ich meine Zehenspitzen wieder spüren.

Ich habe es tatsächlich überlebt! Und ich habe endlich verstanden, warum Menschen freiwillig im Winter schwimmen gehen. Es ist dieser Wille, den eigenen Schweinehund zu besiegen, eine Abhärtung, einfach eine Grenzerfahrung, die das eigene Selbstbewusstsein stärkt und die Gruppe zusammenschweißt. Und vor allem ist es ein unglaubliches Körpergefühl, das zwar auch mit einigen Schmerzen verbunden ist, aber das ich wohl niemals vergessen werde.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.02.2013

Lisa Kirsten

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Boulevard