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Neue Faultürme in Kaditz unter der Lupe

Neue Faultürme in Kaditz unter der Lupe

Der Spaziergänger auf dem Hang im Dresdner Westen stutzt. Etwas Ungewöhnliches hat er da tief unten am Elbufer erspäht: Die Kuppel eines Planetariums? Unlogisch, so etwas im Tal zu bauen.

Von Thomas Baumann-Hartwig

Das ovale Gebilde muss etwas anderes sein. Was aussieht wie das sicher gelandete Raumschiff kleiner grüner Männchen, entpuppt sich aus der Nähe als Bauwerk der Stadtentwässerung Dresden (SEDD). Es gibt sogar zwei von den putzigen, 35 Meter hohen grün-grau gestrichenen Eiern. Der Zwillingsbruder war beim Blick vom Hang ins Tal verdeckt.

Autofahrer, die im Sommer auf der Autobahn 4 am Dresdner Stadtteil Kaditz vorbeifahren, betätigen besser die Raumlufttaste ihres Fahrzeuges. Gut riecht die Luft nicht, die da über die Fahrbahn wabert, sondern ziemlich streng nach sterbender organischer Materie. Im Winter verbreiten sich die Düfte nicht ganz so rasch, da muss man schon näher heranfahren an die beiden Eier unterhalb der Autobahn, die SEDD-Sprecher Torsten Fiedler schon mal als neue Sehenswürdigkeit Dresdens bezeichnete. Neu, weil die Türme gerade erst fertig gebaut sind und so richtig im März 2012 in Betrieb gehen werden. Gegenwärtig läuft nur einer auf Probe.

Die Idee hinter den auffälligen Gebäuden ist einfach: Von nichts hat die SEDD als Betreiberin der Kläranlage in Kaditz mehr als Abwasser. Bisher jedoch fraßen die fleißigen Bakterien in den riesigen Klärbecken die größten Umweltkiller aus der braunen Brühe heraus, dann ging es ab in die Elbe. Der zurückbleibende Klärschlamm wurde getrocknet und entsorgt. Doch im Schlamm steckt enormes Potenzial, das ungenutzt blieb.

Bis zum Bau der Faultürme. In die nämlich wird die übelriechende Pampe gepumpt. 10 500 Kubikmeter Klärschlamm fasst ein Riesenei, in dem sich außerdem auch noch ein großer Mixer befindet. Der rührt den Schlamm um, damit er noch besser das tut, was er ohnehin schon perfekt kann: stinken. Der Geruch beleidigt aber nicht nur jede menschliche Nase, in ihm steckt auch jede Menge Energie. Beim Rührprozess wird aus dem Klärschlamm brennbares Biogas gewonnen. Damit betreibt die SEDD ein Blockheizkraftwerk, das ab März 2012 die Hälfte des Energiebedarfs des energieintensiven Unternehmens decken soll.

Die Eier sind Eier geworden, weil bei dieser Form im Inneren die besten Strömungsverhältnisse für den Schlamm vorherrschen. Bevor er in die Türme gepumpt wird, landet er erst einmal auf Bandeindickern im flachen Funktionsgebäude zwischen den architektonischen Hinguckern. Dort wird die Pampe, die wie ein sehr in die Jahre gekommener Camembert riecht, entfeuchtet. Die Trockenkonzentration erhöht sich laut Fiedler auf 37 Prozent - ein optimaler Wert für die Bildung von Biogas.

Das füllt aber nur die Spitze des Faulturmes aus und muss die Stationen Filter, Trockner und Verdichter passieren, ehe es seinen guten Zweck erfüllt: sich in Strom und Wärme zu wandeln. Der Klärschlamm bleibt etwa 20 Tage in dem Faulturm, bis er alles Gas von sich gegeben hat. Dann kommt er in eine Zentrifuge und wird nach dieser Behandlung in einer Kompostieranlage entsorgt. Die daraus entstehende Erde wird zum Beispiel für die Rekultivierung von Tagebaurestlöchern genutzt. Die Nase erholt sich nach 200 Metern Autofahrt und bei gedrückter Raumlufttaste...

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen Millionen Kinder Türchen ihres Adventskalenders. Dahinter stecken schöne Überraschungen. Auch die DNN öffnen bis zum 24. Dezember jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Türen. Diesmal haben wir die blauen Fauleier besucht, die von der Stadtentwässerung an die Autobahn gestellt worden sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.12.2011

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