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Nach Vorfällen in Dresden: Dr. Stefan Monecke über die Gefahr multiresistenter Keime

Nach Vorfällen in Dresden: Dr. Stefan Monecke über die Gefahr multiresistenter Keime

Stefan Monecke: Staphylococcus aureus ist eine Bakterienspezies, die im Menschen und manchen Tierarten auftritt, unauffällig die Nasenschleimhäute besiedelt und verschiedene Infektionen verursachen kann.

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Frage: Herr Monecke, was versteht man unter MRSA?

Einige Vertreter dieser Spezies, die dann MRSA genannt werden, sind resistent gegenüber Methicillin und verwandten Substanzen sowie auch oft gegenüber anderen Antibiotikaklassen.

Was macht diesen Keim so gefährlich?

Das Hauptproblem sind die eingeschränkten Handlungsoptionen. Die Antibiotika, die gegen diese Keime immer resistent sind, sind gerade die Antibiotika, die gerne zu Therapiebeginn eingesetzt werden, da sie generell gut wirksam, relativ preiswert und arm an Nebenwirkungen sind. Bis das Labor den MRSA identifiziert hat, oder man merkt, dass die Therapie versagt, kann kostbare Zeit verloren gehen und bei der Behandlung von schweren Infektionen kommt es gerade auf den frühen Beginn einer wirksamen Behandlung an.

Für wen besteht ein Risiko?

Man kann davon ausgehen, dass 20 Prozent einer gesunden Bevölkerung mit Staphylococcus aureus besiedelt sind. Das sind meistens gegenüber Antibiotika empfindliche Stämme, also keine MRSA. Ein Risiko für MRSA-Trägerschaft besteht bei Menschen mit vorhergehendem Aufenthalt in Kliniken, Rehabilitationseinrichtungen oder Pflegeheimen. Infektionen bei Diabetikern oder Dialysepatienten können von MRSA verursacht werden, genauso wie andauernde oder immer wiederkehrenden Abszesse und Furunkel.

Was unterscheidet eine "Besiedlung" von einer "Infektion"?

Die meisten Fälle sind Besiedlungen, die ohne Symptome verlaufen und erst bei Routineuntersuchungen festgestellt werden. Meistens sind MRSA auf Nasenschleimhäuten anzutreffen. Infektionen durch Staphylococcus aureus bzw. MRSA sind meistens Abszesse, Furunkel oder eitrige Wundinfektionen. Seltener sind Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen, Infektionen von Knochen, Gelenken, Gelenkprothesen und viele andere Infektionen.

Warum steigt die Zahl der Infektionen in Krankenhäusern an?

Das liegt teilweise an Hygienemängeln und der Arbeitsbelastung sowie -verdichtung in Krankenhäusern. Wenn weniger Personal vorhanden ist oder mehr Stress herrscht, passieren häufiger Fehler und es werden zum Beispiel die vorgeschriebenen Zeiten zur Händedesinfektion nicht eingehalten. Außerdem haben sich die MRSA in diesem Zeitraum verändert. Früher waren MRSA auf Krankenhäuser beschränkt. Die jetzt zirkulierenden MRSA-Stämme können auch gesunde Kontaktpersonen oder selbst Haustiere besiedeln.

Wie wird MRSA übertragen?

MRSA wird durch direkte Kontakte, durch Niesen und gelegentlich auch durch Gegenstände übertragen. Personalmangel im Krankenhaus ist ein Risikofaktor. Man kann das nicht allein den Mitarbeitern der Stationen anlasten. Dass sie sich vielleicht kürzer die Hände desinfizieren als vorgeschrieben, wenn irgendwo ein Alarm losgeht, ist verständlich. Es passieren aber auch oft vermeidbare Fehler und Mängel und da sollte jedes Krankenhaus und jeder Mitarbeiter offen für Kritik und Selbstkritik sein.

Gibt es "keimfreie Kliniken"?

"Keimfrei" sind Menschen nie und Krankenhäuser damit auch nicht. Frei von MRSA und anderen resistenten Erregern kann ein Krankenhaus vielleicht sein. Aber selbst bei guter Hygiene kann nicht ausgeschlossen werden, dass Patienten MRSA oder andere resistente Erreger schon bei Aufnahme von außen oder aus anderen Einrichtungen mitbringen.

Warum ist die Gefahr in den Niederlanden an MRSA zu erkranken wesentlich geringer als in Deutschland?

In den Niederlanden wird jeder Patient bei Aufnahme getestet und er wird isoliert, wenn er MRSA hat. Es werden Kontaktpersonen gesucht, getestet und gegebenenfalls mit behandelt. Stationäre und ambulante Einrichtungen arbeiten bei der Nachbehandlung besser zusammen, genauso wie Labor- und Klinikärzte bei der Testung und dem Einsatz von Antibiotika.

Warum scheitert die Umsetzung solcher Richtlinien in Deutschland?

Teilweise liegt es am Geld. Das Einführen einer MRSA-Politik wie in den Niederlanden würde bei unserer hohen MRSA-Rate eine gigantische Investition bedeuten, und es würde eine Weile dauern, bis dann eine Entlastung einsetzt. Andere Probleme sind knappe Personalschlüssel, aber auch vermeidbare Fehler durch Defizite bei der Ausbildung und Schulung der Mitarbeiter. Wichtig im Zusammenhang mit MRSA und anderen resistenten Bakterien ist auch der rationale Umgang mit Antibiotika.

Interview: Benjamin Winkler

Fünf der sechs Patienten, die an dem multiresistenten Keim MRSA im Krankenhaus Neustadt erkrankt sind, werden weiter medizinisch versorgt. Bei einer Untersuchung konnte bei mittlerweile zwei Personen der Keim nicht mehr nachgewiesen werden, sagte eine Kliniksprecherin. Die DNN sprachen mit Dr. Stefan Monecke vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Dresden/Alere Technologies, Jena über Probleme an Kliniken.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.09.2012

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