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Mit einem selbstgebastelten Flugzeug wollte ein Dresdner aus der DDR fliehen - und wurde verpfiffen

Mit einem selbstgebastelten Flugzeug wollte ein Dresdner aus der DDR fliehen - und wurde verpfiffen

Was brauchte man, um aus der DDR zu fliehen? Einen Trabbi-Motor, etwas Stahlprofil, Polystyrol, autodidaktisches Geschick - und Menschen, auf die man sich verlassen kann.

Was brauchte man, um aus der DDR zu fliehen? Einen Trabbi-Motor, etwas Stahlprofil, Polystyrol, autodidaktisches Geschick - und Menschen, auf die man sich verlassen kann. Anfang der 1980er Jahre hatte Michael Schlosser fast all diese Ingredienzien zusammen und die Nase voll vom SED-Staat: Er baute in einem Hühnerstall an der Gostritzer Straße ein Flugzeug, um damit die thüringisch-fränkische Grenze zu überwinden, erhielt auf bizarren Umwegen gar sowjetische Hilfe. Nur die letzte Zutat, die vertrauensvolle, die fehlte eben: Schlosser wurde von Arbeitskollegen bei der Stasi verpfiffen, verurteilt und nach 15 Monaten Haft von der Bundesregierung freigekauft. Jetzt baut der "Ikarus von Dresden" sein Selbstmach-Flugzeug von damals nach. Es soll künftig das Foyer der Dresdner Stasi-Gedenkstätte an der Bautzner Straße schmücken.

Von Heiko Weckbrodt

"Das fing alles mit einem Urlaub in der CSSR an, im Herbst '80", erinnert sich der heute 68-jährige Schlosser. "Dort hörte ich auf Radio Luxemburg eine Reklame vom Springerverlag: Die wollten dem DDR-Bürger, der auf dem Springerhochhaus mit einem Hubschrauber landet, eine Million D-Mark zahlen."

Der Gedanke zündete und was er mit dem Geld anfangen würde, wusste Schlosser sofort: "Ich hab ja seinerzeit in Thüringen Kfz-Mechaniker gelernt und später x-mal die Lizenz für eine eigene Autowerkstatt beantragt. Das haben die mir da oben aber immer abgelehnt - angeblich, weil es schon genug Kfz-Werkstätten gab." Mit der Springer-Prämie als Startkapital würde er seinen Lebenstraum im Westen endlich erfüllen können, malte sich Schlosser aus - und ging ans Werk.

Den Hubschrauber verwarf er rasch, aber ein Flugzeug - ja, das lässt sich machen, so sein Gedanke damals. "Ich habe mich schon immer für die Fliegerei interessiert", sagt er. Wie man so ein Fluggefährt baut, das eignete er sich autodidaktisch aus Büchern und der DDR-Zeitschrift "Armeerundschau" an. Die Maße für Tragflächen und Ruder gewann er, indem er Agrarflieger auf Flugplätzen aus der Ferne fotografierte. "Möglichst mit Menschen daneben, damit ich eine Größenschätzung bekam", so Schlosser.

Stahlprofile, Polystyrol, Sperrholz und Trabbimotor besorgte er sich in Läden, in seinem Betrieb und vielen anderen Quellen. "Immer nur in kleinen Mengen, damit niemand stutzig wurde." Und hinter seinem Haus an der Gostritzer Straße zimmerte er einen großen Hühnerstall. Dort feilte, bohrte und schraubte er nächtens am Fluchtflieger.

Wodka und Kühnheit erkauften Russenhilfe

Im Sommer 1983 war es soweit: Der erste Rollversuch stand an. "Ich habe damals im Dresdner Studio des DDR-Fernsehens als Hansdampf für alles gearbeitet und hatte dort einen W 50 zur Verfügung", erklärt Schlosser. Tragflächen und Rumpf waren so abgezirkelt, dass sie auf die Ladefläche des DDR-Standardlasters passten. An einem sonnigen Sommermorgen machte er sich damit in aller Herrgottsfrühe auf den Weg zum Truppenübungsplatz in Königsbrück. Gerade hatte er mit dem Ausladen begonnen, da bogen sieben sowjetische Soldaten aus dem Gebüsch. Der Ikarus schaltete schnell: In einer Mischung aus Deutsch und Schulrussisch bog er den Russen bei, dass er fürs DDR-Fernsehen eine Flugzeugaufnahme vorbereite - und ob sie ihm vielleicht helfen könnten?! Ein paar Wodka-Flaschen, die Schlosser wohlweislich eingepackt hatte, gaben nebst dem DDR-TV-Logo auf dem Laster den Ausschlag: Die Russen packten an, halfen dem Republikflüchtling in spe sogar beim Zusammenbau und Start. "Ich bin zwar nur ganz kurz und wenige Meter hoch geflogen, aber das war schon ein erhebendes Gefühl zu wissen: Mein Flieger fliegt", erinnert sich der Senior.

Kurz darauf war auch der Schlachtplan ausbaldowert: Auf welcher Wiese neben der A 9 man gen Franken starten konnte, welche Morgenzeit ideal war, damit es noch düster war, er sich aber noch an den Autobahnlichter orientieren konnte, welche Tankreserve er für eine Warterunde einplanen musste, falls die A9 auf der Westseite zu voll zum Landen sein sollte... "Am 11.11.83 wollte ich in aller Frühe starten." Doch dazu kam es nicht mehr.

Verhängnisvolle Nicht-Hühner

"Ja, die Hühner, hätte ich nur an die Hühner gedacht", seufzt Schlosser jetzt manchmal, wenn er an den verhängnisvollen Spätsommer 83 denkt. Denn über die Hühner ist er damals gestolpert, oder besser gesagt: Über Hühner, die leider nicht da waren. "Wie das damals so war: Weil die Kollegen im Fernsehstudio wussten, dass ich Kfz-Mechaniker gelernt hatte, hab ich denen für ein Trinkgeld die Privatautos repariert, bei mir daheim, auf dem Grundstück an der Gostritzer." Was er damals noch nicht wusste: Zwei dieser Kollegen waren Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Stasi. Wie Schlosser später in seiner Akte las, nutzten die beiden die Gelegenheit, als er an ihren Wagen schraubte, um das Grundstück zu durchforsten. "Denen fiel auf, dass ich einen riesengroßen Hühnerstall hatte, mit Sicherheitsschlössern dran - aber nirgendwo ein Huhn", erzählt Schlosser.

Am 28. Oktober rückte die Stasi an - zunächst noch konspirativ, zu einer verdeckten Grundstücksdurchsuchung. "Die haben natürlich das Flugzeug gefunden, alles fotografiert und dann alles wieder schön an seinen Platz zurückgelegt." Allerdings hatten die Schlapphüte nicht den alten Indianertrick bedacht, den Schlosser einsetzte: "Ich habe den Kies um den Stall jeden Tag mit dem Rechen glatt gestrichen, damit ich sah, ob jemand dort gewesen ist", erklärt der Flugzeugbauer. "Am nächsten Tag sah ich dort überall Fußspuren."

Da er damit rechnete, dass das Grundstück observiert wurde, fasste Schlosser einen Notfallplan: Erst auf Arbeit, dann um 9 Uhr, wenn die Sparkasse öffnet, sein Konto leerräumen und dann sofort über die CSSR gen Westen durchschlagen."Fünf vor neun bin ich aus dem Studio raus. Da fuhr im Hof ein Wartburg Tourist vor, drei Männer in Zivil sprangen raus und einer hielt mir seinen Klappfix unter die Nase: ,Ministerium für Staatssicherheit'!"

Ende März 1984 machte ihm das Kreisgericht Dresden-Ost den Prozess: vier Jahre und sechs Monate wegen versuchter Republikflucht. "Im Dezember hat mich die Bundesregierung freigekauft. Rechnet man die U-Haft ein, habe ich 15 Monate abgesessen."

Im Westen erfüllte sich Schlosser dann wirklich seinen Traum von einer eigenen Kfz-Werkstatt. Doch die Erinnerungen an die Ereignisse damals ließen ihn nie wieder los. 2004 kehrte er an den Ort seines Triumphes und seiner Niederlage zurück, las auch seine Stasi-Akten durch. ",Ikarus' haben die Stasi-Leute den Vorgang genannt: Nach dem Flieger aus der Sage, dem wie mir die Federn weggerupft wurden", erzählt er mit Bitterkeit in der Stimme.

An Autos schraubt Schlosser schon längst nicht mehr. Dafür engagiert er sich seit der Rückkehr nach Sachsen als Führer für Besuchergruppen in der Dresdner "Gedenkstätte Bautzner Straße", die an Stasi-Machenschaften und an die Willkür des sowjetischen Geheimdienstes an diesem Ort erinnert.

Schlosser baut Flieger für Gedenkstätte nun nach

Derzeit wird das Museum vergrößert und umgebaut. Ist das geschafft, soll Schlossers Flieger fortan die Gäste am Eingang begrüßen. Das Original wurde seinerzeit von der Stasi beschlagnahmt, daher bastelt Schlosser nun an einem Nachbau - natürlich alles mit Original-DDR-Teilen. Der Rumpf mit den Trabbimotor-Zylindern ist bereits fast fertig und ragt halb aus einer Scheune in Döbra am Müglitztal heraus, wo Schlosser inzwischen wohnt. Am Eingang warnt ein Schild vor einer "gefährlichen Kampfkatze" - aber die muss sich wohl versteckt haben. Hühner hat Schlosser immer noch nicht. Aber der Gedanke an das Federvieh lässt ihn nicht los: "An alles habe ich gedacht, ich war so vorsichtig - und dann vergesse ich, mir ein paar Hühner zu kaufen...", murmelt er.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.08.2012

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