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Lebensläufe: Die Dresdnerin Inge Keller und ihre fußballverrückten Mädels

Lebensläufe: Die Dresdnerin Inge Keller und ihre fußballverrückten Mädels

Inge, kannst du das nicht mal übernehmen? Inge, könntest du vielleicht... Inge konnte. Jedenfalls fast immer. 90 Jahre ist sie jetzt und in ihrem langen Leben hat die gebürtige Dresdnerin mit dem schlohweißen, kurz geschnittenen Haar und den freundlichen Augen vielen Leuten geholfen - einer Gräfin in Pommern, den Freien Demokraten in Dresden, vor allem aber den fußballverrückten jungen Frauen der Betriebssportgemeinschaft Pentacon.

Von Katrin Richter

Doch davon wird noch zu berichten sein.

Die Hilfsbereitschaft, sagt Inge Keller, habe sie von ihrer Mutter geerbt. "Die hat buchstäblich das letzte Hemd weggegeben." Diese Zeit liegt schon lange zurück und war alles andere als leicht. Der Großvater und später auch die Eltern hatten ein Friseurgeschäft an der Schäferstraße in der Friedrichstadt. Zwei Häuser weiter sei die Geschäftsstelle der NSDAP gewesen. Das weiß Inge Keller noch ganz genau. Weil weder Großvater noch Vater eintreten wollten in die Partei, durften sich sämtliche Nazis dort nicht die Haare schneiden lassen. "Es kamen so gut wie keine Kunden mehr, nur ein paar alte Leutchen, die man von früher her kannte", erzählt Inge Keller. Die seien dann heimlich in der Hinterstube bedient worden. Doch das nur nebenbei.

Denn eigentlich soll es nicht nur um die hilfsbereite, sondern vor allem die sportbegeisterte Inge Keller gehen. "Wir waren drei Mädels zu Hause, ich war die Älteste", berichtet sie. Die Familie besaß schon lange vor dem Krieg einen Garten an der Friedrichstraße, gar nicht weit weg vom Stadion im Ostragehege. "Wir sind ein paar Mal hingelaufen und haben bei Länderspielen des DSC zugeschaut - nachdem ich spitzgekriegt hatte, dass es da ein Loch im Zaun gab", entsinnt sich die alte Dame und lächelt spitzbübisch. Elf oder zwölf Jahre sei sie damals gewesen.

Aber erst einmal meldete der Vater seine drei Töchter zum Turnen an. "Ich bin immer wie ein Wiesel die Kletterstange hoch und habe mich oben amüsiert, wie die anderen unten klebten", weiß Inge Keller noch. Der Turnlehrer sei mit den Mädchen öfter mal rüber zum DSC gelaufen. Dort hätten sie dann Leichtathletik gemacht. Auf diese Weise habe sie auch Helmut Schön zwei, drei Mal zu Gesicht bekommen. Kurz vorm Krieg musste sie aufhören mit dem Sport. Sie hatte Diphterie bekommen. Ein ganzes Jahr lang war sie krank. Später ist sie auf die städtische Handelsschule gegangen.

Im Krieg dann hat sie wie ihre Schwester in Pommern zunächst auf einem Bauernhof, später dann bei einer Gräfin als Gutssekretärin und schließlich als rechte Hand des hiesigen Bürgermeisters gearbeitet. "Ich darf gar nicht dran denken, aber ich habe sogar ein Pärchen getraut da oben, als der Bürgermeister plötzlich krank wurde", erinnert sie sich. Als der Krieg zu Ende war, ist Inge Keller dann zunächst mit der Gräfin und den Kindern in einem Treck geflüchtet und hat sich schließlich allein zu Fuß von Wismar bis nach Lübeck durchgeschlagen. "Dort konnte ich nicht mehr und setzte mich an den Straßenrand. Die Amerikaner hatten mir alles weggenommen."

Doch Inge Keller hatte Glück: Ein alter Herr sprach sie an, ein Arzt, wie sich herausstellte. Er schnitt ihr die Schuhe von den vereiterten Füßen. Aufnehmen konnte er sie nicht mehr, denn er hatte schon die ganze Wohnung voller Flüchtlinge. Aber der Bankdirektor um die Ecke hat sich ihrer angenommen und sie bei sich in der Villa arbeiten lassen. Im November 1945 kam eine Karte aus Dresden von der Mutter, zuvor hatte Inge schon viele Male vergeblich Post in die Heimat geschickt. Schließlich ist sie mit dem Personenzug schwarz über die Grenze, später kauernderweise in einer offenen Güterlore bis Leipzig und dann zurück nach Dresden gelangt.

Nach dem Krieg hat sie ihren späteren Mann kennengelernt. Gerhard Keller arbeitete bei der Drewag wie Inge auch. Sie war dort Sachbearbeiterin. Nicht lange danach verlor sie kurz hintereinander Vater und Schwester, 1949 folgte eine Totgeburt. Zwölf Jahre später kam dann doch noch ein Kind - Uwe. Auch er ist begeisterter Fußballer und seit 35 Jahren Schiedsrichter. Heute lebt Inge Keller mit ihrem Sohn in der Laubegaster Wohnung zusammen. Er arbeitet auswärts, kommt nur alle 14 Tage übers Wochenende nach Hause und ist außerdem "mit dem Fußball verheiratet". Behauptet jedenfalls Inge Keller.

Auf dem Sofa in der guten Stube hat es sich ein großer Teddy im alten Mannschafts-Trikot von Pentacon bequem gemacht. "Den hat mir meine Mannschaft vor fünf Jahren zum ,85.' mitgebracht", sagt die rüstige Dame. 16 ihrer "Mädels" seien damals bei ihr aufgekreuzt. Schließlich hat Inge Keller seit 1984 die Frauenfußballmannschaft der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Pentacon geleitet. Sie hat den ganzen Schriftkram gemacht, die Spielberichtsbogen ausgefüllt. Und nicht nur das. Wenn die Sportlerinnen Kinder bekamen, hat Mannschaftsleiterin Keller während des Spiels auch immer mit ein Auge auf die Kinderwagen geworfen und später dann auf die kleinen Kinder, die am Spielfeldrand herumwuselten. Gespielt wurde in Laubegast und alle 14 Tage außerhalb in ganz Sachsen - auch im Winter und ausschließlich im Freien. Und Inge Keller war nicht nur bei jedem Spiel dabei, sondern oft auch beim Training. Da musste man schon abgehärtet sein.

Eine ganze Reihe Ehrungen hat Inge Keller im Laufe der Jahre bekommen: die Ehrenurkunde des DFB zum Beispiel. Sonderlich geschätzt haben die Funktionäre von Pentacon den Frauenfußball allerdings nicht und deshalb auch kaum Geld locker gemacht. "Erst als ich acht Tage lang die durcheinander geratenen Karteikarten der Mitglieder aller Sportvereine bei Pentacon wieder schön in Ordnung gebracht hatte, bekam ich eine neue grüne Garnitur mit langen Ärmeln für meine Spielerinnen umsonst", weiß Inge Keller noch. Das sei dann schon kurz vor der Wende gewesen.

Die DDR-Zeit überlebt hat Inge Kellers Frauenfußballmannschaft nicht. 1991 hat sie dann den wieder gegründeten "FV Dresden 06 Laubegast" mit aufgebaut und zehn Jahre lang die Geschäftsstelle geführt. Zudem war sie bei den Turnieren des Fußball-Stadtverbandes aktiv. Frauenfußballerinnen gab es bei den Laubegastern allerdings nicht mehr. Und der Vorstand habe auch nicht so gearbeitet, wie sie sich das vorstellte, kritisiert sie.

In der SED ist Inge Keller nie gewesen, dafür in der LDPD. Sie hatte sich überreden lassen, die Geschäftsstelle für den gesamten Stadtbezirk Ost zu übernehmen - bis sie 60 und damit Rentnerin wurde. 46 Jahre war sie in der Partei, nach der Wende in der FDP. "Aber als mein Mann dann 1991 starb und ich Hilfe gebraucht hätte, hat sich keiner von dieser Partei blicken lassen", erinnert sich Inge Keller. Und also ist sie wieder ausgetreten.

Wie es ihr heute gesundheitlich geht? "Hier in der Wohnung kann ich gut laufen, für draußen nehme ich den Rollator", sagt Inge Keller. Bis vor drei Jahren hat sie noch Gymnastik getrieben. Der Kreislauf macht ihr zu schaffen. Wenn es sich einrichten lässt, würde Inge Keller noch einmal eine Reise machen. Den Norden liebt sie. Vielleicht hängt das noch mit ihrem frühen Abstecher nach Pommern zusammen. "Ich bin mit Uwe schon am Nordkap gewesen, die Mitternachtssonne hat geschienen", berichtet sie. Auch Irland und Schweden hat sie schon gesehen. "Es muss ja nicht so weit sein, 'ne Schiffsreise auf der Elbe würde mir schon reichen", meint sie.

Woran sie glaubt? "Ach, ich hab' fast den Glauben verloren", räumt sie ein. Ist aus der Kirche ausgetreten. Auf der anderen Seite sage sie sich, da müsse es doch etwas geben. "Es sind gewisse Sachen vorgekommen, wo ich mir sage: du hattest jetzt einen Schutzengel." Kein Wunder, möchte man hinzufügen. Schutzengel helfen nun mal gern hilfsbereiten und mutigen Menschen.

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit. Heute geht es um die 90-jährige Inge Keller. Im Krieg hatte es sie nach Pommern verschlagen, zu DDR-Zeiten hat sie die Frauenfußballerinnen der BSG Pentacon geleitet und nach der Wende den "FV Dresden 06 Laubegast" mit aufgebaut.

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in Ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstra- ße 21, 01097 Dresden, z.Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.01.2012

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