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Kult ums Klo - wenn die Notdurft zum Erlebnis wird

Kult ums Klo - wenn die Notdurft zum Erlebnis wird

Toilette als Wohnung und WCs mit Köpfchen - was muss sich das Klo noch einfallen lassen, um ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu gelangen? Trotz der weit über 4000 Stunden, die Mensch während seines Lebens auf dem Toilettchen verbringt, schweigt dieser lieber, anstatt sich mal voll und ganz den Fähigkeiten seines "stillen Örtchens" zu widmen.

Denn diese werden in der heutigen Zeit nicht selten stark unterschätzt!

Der 74-jährige Koreaner Sim Jae-Duck war es, der das Rampenlicht vor knapp vier Jahren mit auf seine Toilette in der Nähe von Seoul nahm - wobei diese allerdings 400 Quadratmeter groß und 1,6 Millionen Dollar schwer ist. Doch bei Mr. Sims Klosett handelt es sich nicht etwa um irgendeine Pinkelgelegenheit: Das moderne Gebilde mit überdimensionaler Glasfassade und großem Terrassenbereich auf dem "Deckel" ist bewohnbar und kann für schlappe 50 000 Dollar gemietet werden - pro Tag natürlich. Die Einnahmen fließen zu einem guten Teil in Entwicklungsprojekte, die in Ländern der Dritten Welt hygienische Sanitäranlagen errichten. Man mag es fast nicht glauben, doch noch immer steht 2,6 Milliarden Menschen auf dieser Welt kein zumutbarer Sanitärbereich zur Verfügung, was die hohen Zahlen an oft tödlich endenden Durchfallerkrankungen erklärt. Doch mehr und mehr machen sich internationale Hilfeorganisationen wie Unicef zum Ziel, auch in "toilettenreichen" Ländern über diesen Zustand zu informieren und gegen diese Situation anzukämpfen. Mit Erfolg, wie man an Sim Jae-Ducks Engagement sieht.

In den meisten modernen Haushalten dient das WC jedoch immer noch in erster Linie der Befriedigung dringender menschlicher Bedürfnisse und nicht als Wohnung. Auch muss das Klo nicht gleich ein 400 Quadratmeter großer Glaskasten sein, um einiges bieten zu können! Das dachten sich auch japanische Toilettenspezialisten. Während sich Computerexperten der "normalen" Art mit der Verbesserung von Prozessoren, Festplatten oder Bildschirmen des PCs auseinandersetzen, widmeten Erstere sich voll und ganz Massageoptionen, Wasserstrahleinstellungen, Sitzheizungen und allen möglichen anderen Schikanen, mit denen dann Kloschüsseln ausgestattet werden. Der Notdürftige hat es am Ende mit einem denkenden High-Tech-WC zu tun. Tatsächlich gibt es Spezialisten, die extra für dieses Gebiet ausgebildet werden und sich Tag und Nacht mit Fragen rund um das perfekte Örtchen quälen. Mit welchem Winkel muss der Strahl auf das menschliche Hinterteil treffen, um mit großer Wahrscheinlichkeit das Klopapier ersetzen zu können? Wie warm hat es der Durchschnittsmensch am liebsten auf der Klobrille, und reichen 15 verschiedene Spüloptionen tatsächlich aus? Auch wenn Otto Normalverbraucher aus Deutschland dem modernen Ungetüm vorerst mit Zweifel entgegenblickt und den Tumult rund um das interaktive Örtchen der Japaner nicht ganz nachvollziehen kann, erwarten Forscher schon in geraumer Zeit einen weltweiten High-Tech-Toiletten-Boom, denn diese Entwicklung, die sich noch vor allem auf den Osten Asiens beschränkt, ist schon eine ganze Weile keine sinnlose Spielerei mehr, sondern entwickelt sich zu einem vollkommen neuen Marktsegment.

Wem der Weg bis nach Japan allerdings ein paar Meter zu weit ist, und wer trotzdem nicht auf die Benutzung einer sich selbst reinigenden, modernen Toilette verzichten möchte, sollte der Dresdner Innenstadt einmal einen Besuch abstatten. In der Prager Straße versteckt sich seit 2008 das sogenannte "WC Tronic 402". Neben den drei Design-Preisen, die dieses Klo bereits abgestaubt hat, zählt das von der deutschen Firma Ströer entwickelte Super-WC zu den modernsten öffentlichen Toiletten weltweit! Grund dafür ist vor allem die vollautomatische Reinigung: Kaum hat Mann oder Frau das WC verlassen, klappt sich die Toilette wie von Geisterhand ein und taucht in einem für den Benutzer unsichtbaren Raum wieder auf, wo sie gründlichst gereinigt wird. In der Zeit muss natürlich keiner warten, denn Toilette Nummer zwei hat sich bereits ausgeklappt und steht nun zur Benutzung bereit. War jedes der beiden hochmodernen "Klappklos" fünf Mal an der Reihe, wird der Toilettenboden eingezogen und ebenfalls von unschönen Hinterlassenschaften gereinigt. Nach zwei Minuten Dauerdusche darf er dann blitzblank wieder dorthin zurück, wo ein Boden normalerweise hingehört.

Wer von dem Schmuckstück allerdings nichts weiß, übersieht das vollautomatische WC gerne - zwar ist es nicht unbedingt klein, aber innerhalb großer, grauer Kästen im Fußgängerbereich erwartet wohl kaum einer ein hygienisches Klosett ohne den allseits bekannten und nicht gerne gerochenen Toiletten-"Duft". Aber natürlich lässt uns die Technik auch hier nicht im Regen stehen - vorausgesetzt Mann oder Frau hat das iPhone dabei. Denn die Apple-App "Toiletten-Finder" verspricht dem Anwender, ihn auch in der größten Pinkelnot zum nächstgelegenen Häuschen zu führen und ihn so vor der wahrscheinlich größten Blamage seines Lebens zu bewahren.

Hat man die Toilette, das Klo(-sett), die Latrine oder auch das WC, ob groß, klein, bunt, mit Glitzersteinen bedeckt oder sogar als Aquarium, nach qualvollen Warten aber erstmal gefunden, so sollte doch einem Jeden klar werden: Egal wie sie sich verändert hat, ein Gefühl von Erleichterung übermittelt sie heute noch genauso wie vor 100 oder mehr Jahren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.11.2011

Tanja Adam

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