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Komödie "Familie Bernd Seifert" am Boulevardtheater hat in Sachen Spaßfaktor einiges zu bieten

Komödie "Familie Bernd Seifert" am Boulevardtheater hat in Sachen Spaßfaktor einiges zu bieten

"Ich bin Klempner und kein Clown", grantelt Bernd Seifert, aber es hilft nichts. Seine Schwiegereltern feiern Goldene Hochzeit und er und seine Familie sind dazu verdonnert, ein adäquates Kulturprogramm beizusteuern.

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Die Seiferts, das sind vor allem Bernd (tatsächlich gespielt von Bernd Seifert) und seine Frau Marion (Kathleen Gaube).

Quelle: Robert Jentzsch

Was das sein wird, klärt sich kurz vor der Pause des Stücks "Familie Bernd Seifert": eine ABBA-Show- und Gesangseinlage mit entsprechenden Perücken, Plateauschuhen und Glitzerkostümen, bei der die Lieder "Dancing Queen" und "Mama Mia" umgereimt wurden. Ob die schwedische Popgruppe Regressansprüche stellen wird, wird sich erweisen, das Publikum riss es jedenfalls vor Begeisterung ob der Darbietung fast von den Sitzen.

"Helden" dieser Komödie, die jetzt im Boulevardtheater ihre Uraufführung erlebte (Regie führte Olaf Becker), sind einige der fischelanten Einheimischen, wobei schon vorab angemerkt wird, dass der Urdresdner auch bloß ein Mensch sei. Die "schrecklich nette Familie" (Al Bundy & Co lassen zumindest musikalisch grüßen) Seifert, die justament ihr neues 80-Quadratmeter-Heim (inklusive Fernwärmeheizung und Kabelanschluss) bezieht, besteht aus Bernd, Klempner mit eigenem Meisterbetrieb (Bernd Seifert spielt sich selbst), seiner Frau Marion, Grundschullehrerin für Mathematik (Kathleen Gaube) sowie der 17-jährigen Tochter Linda (Lena Heimannsberg), Gymnasiastin mit Kernkompetenzen in den Lebensfächern Mode, Männer, Musik und Facebook. Bernd liebt seine Tochter, lässt sie aber auch wissen: "Weißt Du, wie man den verschwommenen Rand um das Display nennt? Leben!"

Mehr oder minder Familienanschluss haben Sonja Lehmann (Henriette Fee Grützner), eine hemdsärmlige Kumpeline Bernds, die amerikanische Stahl- und britische Dockarbeiter vergleichsweise feminin aussehen lässt. Oder da wäre der seit 15 Jahren leider arbeits- und frauenlose Heiko Horn (Philipp Richter), der gern schon mal schweinigelt, dies aber vorzugsweise in gereimter Form, wobei Verse der besseren Art wie "Ich bin Elend ja gewöhnt, doch der Anblick der Tochter verwöhnt" dieses "Goethes für Arme" durchaus einen gewissen Charme besitzen. Gelegentlich taucht noch - stets ungebeten - Frau Scholz auf, eine schon ältere Dame, deren Mundwerk derart auf Dauerfeuer geschaltet ist, dass Bernd seine bessere Hälfte wissen lässt: "Wenn Du mal jemand zum Reden brauchst. Erdgeschoss. Scholz!" Auch die Rolle der Frau Scholz wird von Richter gespielt - und zwar derart mit Verve, dass er am Ende zu Recht neben Bernd Seifert den größten Schlussapplaus vom Publikum bekommt. Auch Henriette Fee Grützner hat noch - dies sei der Vollständigkeit halber nicht unterschlagen - die eine oder andere Nebenrolle, ist mal Bankangestellte, mal Barfrau.

Es braucht ein bisschen, bis sich abzeichnet, wohin die Handlung - das (Dreh-) Buch schrieb "das Leben selbst", wie dem Programmheft zu entnehmen ist - steuern könnte. Endgültig geht in dieser Produktion der TW.O GmbH die Post ab, als klar ist, nur zunächst Bernd und seiner Frau nicht, warum dem lieben, noch minderjährigen Töchterlein ständig schlecht ist. Es ist schwanger. Nicht von seinem ollen Kumpel Heiko, wie Bernd erst mal annimmt, sondern von seinem jungen Lehrling Marko (Fabian Baecker). Der Blick, wie Seifert langsam begreift, was Sache ist, ist allein schon das Eintrittsgeld wert. Aber mag die Tochter auch ein süßes kleines Geheimnis tragen, Bernd hat noch ein viel größeres, was das Bankkonto seiner Tochter angeht...

Birgt die Handlung bis zum sich erwartungsgemäß einstellenden Happy End für alle wenig Überraschungen, so sind die Sprüche, die einem von Bernd & Co um die Ohren geschlagen werden, recht flott, bei einigen Kommentaren zu Dresden im Allgemeinen und die Medienlandschaft im Besonderen ("Essen und Dresden-Fernsehen schließt sich aus ästhetischen Gründen aus") sogar rotzfrech. Bernd teilt durchaus einige Ansichten der Ton und Takt oft vorgebenden Allwissenden im Tal der Ahnungslosen, in anderen Dingen liegt er hingegen auch konträr zu gängigen Meinungen und (Lebens-)Einstellungen. Helene Berg oder auch Roland Kaiser sind nicht so sein Ding, gallig jammert er, dass "der Silbereisen" diese und andere Volksmusik-Barden "doch früher alle schön in Chemnitz festgehalten" habe, was jetzt aber nicht mehr der Fall sei. 60 000 wollen zusammengerechnet Helene Fischer bei zwei Konzerten im Dynamo-Station sehen? Droht die Gefahr, dass man zur Randgruppe in der eigenen Stadt wird? Auch wenn er ein "Bild-Abo" hat, Seiferts Blick auf Dresden und den Rest der Welt offenbart, dass er bei aller Heimatliebe letztlich doch mehr zu sein gedenkt, als ein typischer goldener Reiter der Gemütlichkeit oder einer dieser Walzerkönige des SemperOpenairballs. Auffallend: Es wird gern und oft was getrunken im Hause Seifert. Eine Aufführung dieser schrägen Komödie in einem der arabischen Golf-Scheichtum wäre also nur unter rigorosen Streichungen möglich, aber dort nutzt man ja ohnehin eher die Dresdner Philharmonie als Feigenblättchen in Sachen Weltoffenheit.

nächste Vorstellungen: Heute, 19.30 Uhr, 25. & 28.3., 15 Uhr und 19.30 Uhr, Karten unter: (0351) 26 35 35 26

www.boulevardtheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.03.2015

Christian Ruf

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