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Kaltstart mit Klampfe - Straßenmusik in Dresden: Ein Selbstversuch

Kaltstart mit Klampfe - Straßenmusik in Dresden: Ein Selbstversuch

Eigentlich wollte ich nur die Hardcorekünstler unter den Straßenmusikern interviewen, die sich weder von Schneesturm, Minusgraden noch Blitzeis daran hindern lassen, die Straße zu rocken.

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Versunkener Blick und steife Finger - Straßenmusik und Winter gehen nicht so recht zusammen.

Quelle: Martin Förster

Doch Fehlanzeige. Nach einer einwöchigen Suchaktion durch ganz Dresden musste ich feststellen, dass sich bei diesen Witterungsverhältnissen kein einziger junger Spund raus traut. Schlussfolgerung: Selbst ist die Hobbymusikerin. Ich zögerte nicht lange und stürzte mich in das Abenteuer Straßenmusik!

Schnell war die Gitarre aus der Versenkung gefischt, denn vor meinem großen Auftritt musste ich vor allem eines noch tun: üben. Ich merkte bald, dass ich meine Klampfe lange nicht mehr in der Hand hatte. Nicht nur an der dicken Staubschicht. Drei Liedchen bekam ich nach etwa zwei Stunden Intensivtraining wieder hin. Das musste reichen. Also Thermoleggings an und ab auf die Straße.

Bitte lächeln!

Und dann kam er, der Tag der Tage, und meine Euphorie hatte sich urplötzlich in Luft aufgelöst. Zu wissen, dass ich in ein paar Stunden nicht nur in meinem stillen Kämmerchen, sondern vor wildfremden Leuten spielen würde, machte mich kirre. Mir wurde flau im Magen, mir war heiß und kalt zugleich und ich zitterte an meinem ganzen kleinen Körper. Und Schock! Dann kam mir auch noch meine ehemalige Musiklehrerin entgegen. Kann das Zufall sein?

Nachdem ich mich vor ihr versteckt hatte, suchte ich mir etwas widerwillig ein passendes Plätzl für meinen Auftritt. Meine Wahl fiel auf eine Holzbank mitten auf der rege belaufenen Prager Straße. Wenn dann richtig, dachte ich mir. Zögerlich entpuppte ich meine Gitarre und nahm meine Startposition ein: die Haltung gerade, die Finger gespannt und das Köpfchen in die Höh'. "Und lächeln nicht vergessen!", rief mir eine Frau beim Vorbeigehen mit einem kleinen Augenzwinkern zu.

Just do it!

Dann spielte ich den ersten Akkord, danach den zweiten und den dritten. Aber irgendwas stimmte nicht. Es klang einfach schrecklich schief! Ich hatte vergessen, die Gitarre noch einmal zu stimmen. Aufgrund der Minusgrade hatten sich die Saiten selbstständig gemacht und stark verzogen. Und nun hatte ich den Notensalat. Der Klang wurde immer grässlicher, so grässlich, dass mich mein eigenes Gitarrenspiel irritierte und ich vor Schreck falsche Akkorde griff, obwohl der Song nur vier verschiedene hatte. Ich stoppte und zückte mein elektronisches Stimmgerät. Spätestens da war mein absoluter Tiefpunkt erreicht - nach gerade mal zehn Minuten.

Da kam plötzlich Jimmy, ein Urgestein von Straßenmusiker, der seit seiner Jugend durch Europa reist und sein Geld mit Straßenmusik verdient. Vier Stunden hatte er an diesem Tag schon in der Kälte gespielt und nun wollte er seinen Tagesverdienst von zwölf Euro feierlich ausgeben. Ob er mir Tipps geben könne? "Just do it", erklärte er mir. Weise Worte aus einem Mund mit nur einem Zahn.

Ich nahm mir seinen Rat zu Herzen und spulte noch mal auf Anfang. Ich spielte den ersten Akkord, den zweiten und dritten. Es klang überraschend gut! Ich mischte mein junges Stimmchen noch hinzu und siehe da, die ersten gestressten Shoppingleute warfen mir einen flüchtigen Blick zu. Ich vergaß immer mehr die Hektik um mich herum und hörte schließlich nur noch mich. Ich war plötzlich die Ruhe selbst und hatte weder Hitzewallungen, noch Zitteranfälle. Ich fühlte mich richtig wohl in meiner Haut als junge Straßenmusikerin. Ich spielte und spielte und stellte fest, dass schon ein halbes Stündchen vergangen war. Das bedeutet für jeden Dresdner Straßenmusiker, dass er den Platz wechseln muss. Eine von zahlreichen Verordnungen der Stadtverwaltung. Doch um einen zweiten Auftritt an einem anderen Ort hinzulegen, fehlten mir die Finger meiner rechten Hand, die ich vor Eiseskälte nicht mehr spürte.

Am Ende vom Lied hatte ich zwar kaum einen Cent verdient. Noch hatte mich ein stinkreicher Produzent als zukünftiges Popsternchen entdeckt. Doch es hat mir überraschend viel Spaß gemacht. So viel Spaß, dass ich im Frühling vielleicht noch mal die Straßen von Dresden rocken und der Welt beweisen werde, dass meine musikalischen Hobbykünste locker ein paar Münzen wert sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.01.2013

Alekowa, Ines

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