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Jean-Claude Juncker wird mit einem St. Georgs Orden ausgezeichnet - vorab äußert sich "Mister Euro" im DNN-Interview

Jean-Claude Juncker wird mit einem St. Georgs Orden ausgezeichnet - vorab äußert sich "Mister Euro" im DNN-Interview

Wer an unsere Währung, den Euro denkt, hat meistens auch sein Gesicht vor Augen: Denn Jean-Claude Juncker hatte als langjähriger Vorsitzender der so genannten Euro-Gruppe entscheidenden Anteil am Funktionieren der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.

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Jean-Claude Juncker wird mit einem St. Georgs Orden geehrt.

Quelle: dpa

Heute Abend ist der luxemburgische Premierminister zu Gast in Dresden. Beim Semperopernball wird er in der Kategorie "Politik" mit einem St. Georgs Orden ausgezeichnet. Die DNN hatten vorab Gelegenheit zu einem Gespräch mit Jean-Claude Juncker.

Frage: Sehr geehrter Herr Premierminister, Sie haben bereits unzählige Auszeichnungen bekommen. Die Liste der verliehenen Orden, Preise und Ehrendoktorwürden ist lang. Auf welche Auszeichnung oder welchen Preis sind Sie besonders stolz und warum?

Jean-Claude Juncker: Jede Auszeichnung erfreut mich. Es ist immer wieder eine Anerkennung für politische Arbeit. Vielleicht darf ich den Karlspreis 2006 besonders hervorheben. Ein wenig Stolz ist immer auch dabei. Aber Stolz ist eine Kategorie, mit der ich sehr maßvoll umgehe.

Waren Sie schon einmal in Dresden?

Ja, ich habe 1999 an einem informellen Treffen der EU-Finanzminister in Dresden teilgenommen. Und mir wurde 2009 die Ehre zuteil, in der Frauenkirche sprechen zu dürfen. Es war ein bewegender Moment. Ich erlebe in Dresden immer das mahnende Leid der europäischen Geschichte. Ich sehe aber auch die gegenwärtige neue deutsche Dynamik in einer Stadt der ehemaligen DDR. Und ich spüre bei Ihnen auch die Zukunftsfreude eines gemeinsamen Europas in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Leider werde ich auch diesmal nur sehr kurz im schönen Elbflorenz sein. Sightseeing ist nur am Rande möglich. Zeit ist ein knappes Gut für Politiker. Ich hoffe dennoch, dass ich mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch kommen werde.

Wer wird Sie beim Semperopernball begleiten und sind Sie ein Tänzer aus Leidenschaft?

Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich werde lediglich von Mitarbeitern begleitet. Für mich ist der Semperopernball in erster Linie eine politische Preisüberreichung mit Hintergrundgesprächen. Dies fällt mir aber nicht sonderlich schwer, da ich ein notorischer Nicht-Tänzer bin. Allerdings bin ich ein Liebhaber klassischer Musik. Auf das Eröffnungskonzert im grandiosen Rahmen der Semperoper freue ich mich deshalb außerordentlich.

Was gibt Ihnen Kraft und Optimismus? Und wie hält sich ein viel beschäftigter Politiker eigentlich fit?

Ich rede eigentlich nie über meinen privaten Alltag. Kraft und Optimismus hingegen geben mir meine Begegnungen auf Augenhöhe mit einfachen und auch mit komplizierten Menschen. Kraft gibt mir aber auch das Schöne, Wahre und Gute in der Lyrik. Nicht zuletzt in der klassischen deutschen. Darüber hinaus bin ich wohl öfter im Fernseh- als im Fitnessstudio.

Sie werden als "Mister Euro" bezeichnet, weil Sie sich wie kaum ein zweiter Europa-Politiker für die Einführung des Euro eingesetzt haben. Jürgen Rüttgers nannte Sie "Mister Soziales Europa", würdigte Ihre "herausragenden Verdienste als Anwalt für eine sozial gerechte marktwirtschaftliche Ordnung". Viele sehen Sie als "heimlichen Präsidenten der EU". Wie sehen Sie sich selbst?

Ich sehe mich als einen politischen Arbeiter Europas. Europa gehört zu meinem politischen Fundament. Weil Europa Frieden schafft und bewahrt. Der Euro erfüllt diesen Frieden im europäischen Haus mit Leben. Er ist Friedenspolitik mit anderen Mitteln. Neben Frieden steht Europa aber auch für Freiheit und Gerechtigkeit. Jürgen Rüttgers hat Recht: auch der auf Gerechtigkeit aufbauende soziale Frieden spielt immer eine zentrale Rolle in meinem politischen Denken und Handeln. Richtschnur ist für mich die Christliche Soziallehre, sind Prinzipien wie Personalität, Subsidiarität, Solidarität, Gemeinwohl. Dies verheimliche ich eigentlich nie. Ein heimlicher EU-Präsident indes bin ich nicht. Ich bin nur ein altgedienter europäischer Regierungschef und ein erfahrener Europapolitiker, der seine menschliche und gesellschaftliche Bodenhaftung - so glaube ich zumindest - nicht verloren hat.

In Duisburg zur Verleihung des Preises Soziale Marktwirtschaft nannten Sie "Gerechtigkeitslücken" als eine Ursache für die gegenwärtige Krise. Wie meinen Sie das? In einem Interview sagten Sie kürzlich "Man wird Europa nicht gegen die Menschen machen können." Logisch. Aber wie kann man die Menschen Ihrer Meinung nach wieder für Europa gewinnen?

So logisch, wie Sie das sagen, ist das nicht. Europa ist eine Erfolgsgeschichte. Keine Frage! Aber es war auch oft zu sehr ein politisches und wirtschaftliches Elitenprojekt. Mit Gerechtigkeitslücken meine ich, dass Freiheit von der Wirtschafts- und Finanzwelt, aber auch von vielen Politikern in Europa zumeist nur wirtschaftlich interpretiert wird. Aber Gerechtigkeit bedeutet eigentlich auch Freiheit und also Wohlstand für alle. Nicht nur für Vorstände oder Politiker. Der wachsende Wohlstand wächst heute zumeist nur in eine Richtung: nach oben. Ich würde mir deshalb ein breiteres horizontales Wohlstandswachstum wünschen. Dann hat man auch die Menschen mit im europäischen Boot. Denn die meisten Globalisierungs- und EU-Gegner sind eigentlich nur Kritiker des vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftsmodells. Sie wollen nicht nur einen Binnenmarkt. Sie wollen einen fairen Binnenmarkt, eine gerechte Wirtschaft im Dienste des Gemeinwohls. Und ein Europa, das der globalisierten Gier Grenzen aufzeigt und auch setzt. Nicht zuletzt auf den Finanzmärkten.

Ist der Euro aus heutiger Sicht zu zeitig eingeführt worden? Hätte man die Haushalte der einzelnen Mitgliedsländer besser prüfen müssen?

Ja, man hätte die Haushalte einzelner Mitgliedsländer besser prüfen müssen. Dennoch bin ich kein Freund nordwesteuropäischer Schulmeisterei. Und nein: der Euro ist nicht zu früh eingeführt worden. Hätten wir den Euro 1992 nicht beschlossen, wäre er womöglich nie eingeführt worden. Wir haben in Maastricht die Gunst der historischen Stunde genutzt. Solche Schicksalsstunden sind eher selten im politischen Alltag. Ohne Helmut Kohl wäre dies im Übrigen nicht möglich gewesen.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Nicht nur Politik. Auch wenn Politik den größten Teil meiner Zeit in Anspruch nimmt. Wichtig sind mir dabei immer die Menschen. Im privaten, aber auch im politischen Leben. Es sind also Familie, Freunde und Weggefährten.

Es fragte: Catrin Steinbach

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.02.2013

Catrin Steinbach

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