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Inge Poppitz: "Mannequins tragen einen Sack wie eine Robe"

Inge Poppitz: "Mannequins tragen einen Sack wie eine Robe"

Die 87 Jahre, die nimmt man Inge Poppitz nicht ab. Aber dass sie zu DDR-Zeiten Mannequin war - ja, zu der Zeit gab es noch nicht die superschlanken "Models" in der Modebranche -, das glaubt man ihr sofort.

Von Katrin Richter

Wie damals wendet sie dem Fotografen ihre "Schokoladenseite" zu, lächelt bezaubernd... Doch bevor wir auf ihre Zeit auf dem Laufsteg, als Moderatorin und schließlich Werbetexterin für die Hutindustrie zu sprechen kommen, sollte es eigentlich um die Kindheit gehen.

Darüber jedoch mag Inge Poppitz nicht gern sprechen. "Die ist einfach zu schlimm gewesen", sagt sie. Dann deutet sie doch kurz an: Scheidung der Eltern, als Inge drei Jahre war. Das Kind wächst bei den Großeltern auf, bis es zwölf ist. Die Mutter findet einen neuen Mann, mit dem die Tochter aber nicht klar kommt. Sie will fort. Nur fort. Nach der Schule beginnt Inge eine Ausbildung als Verwaltungskaufmann. Mit 17 - mitten im Krieg - bekommt sie Diphterie, wäre fast gestorben dran. Mit 18 lernt sie Rolf, ihren späteren Mann, kennen.

Er muss nach Kempten im Allgäu, arbeitet dort als Dentist. Inge lebt noch in Dresden an der Rabener Straße in der Südvorstadt. Dann kommt der Angriff. Die Südvorstadt wird im Februar '45 fast komplett zerstört. Inge und ihre Mutter flüchten nach Kleinnaundorf, lesen unterwegs noch eine Frau mit ihrem neunjährigen Sohn auf und kommen schließlich bei einer fünfköpfigen Familie in einem "winzigen Hexenhäusschen" unter, erinnert sich Inge. Ihr späterer Mann sucht sie, zunächst vergeblich. Dann klappt es. Er will sie mitnehmen. "Na gut, aber nicht ohne Trauschein", entgegnet die Mutter. Ordnung muss sein. Also heiraten die beiden im Luftschutzkeller. "Ich in einem schwarzen Kleid mit Brandflecken", berichtet Inge Poppitz. Zwischendurch gibt es zweimal Fliegeralarm.

Nach zwei Jahren in Kempten will Inge nur eins - zurück nach Dresden. Ihr Mann findet Arbeit als Technischer Assistent in einer Zahnarztpraxis gleich gegenüber der Schauburg. Weil das Geld knapp ist in der Nachkriegszeit, fertigt er aus Silber- und Goldresten Damenschmuck und verkauft ihn. "Er war sehr geschickt und hatte 1000 Ideen", sagt Inge Poppitz.

Dann kommt das Jahr 1949. Über den Bruder ihres Mannes erfährt Inge von der Messe-Modenschau in Leipzig. Zuvor ist sie schon hin und wieder in den Tannensälen in Pirna als Mannequin aufgetreten. "Wir haben damals Kleider aus Gardinenstoffen und Fallschirmseide vorgeführt", weiß Inge noch. Wer zuschauen wollte, habe eine Kohle und eine Kartoffel mitbringen müssen. "Die Kartoffeln haben wir anschließend gekocht und mit den Kohlen wurde der Saal geheizt", erklärt sie. Doch nun Leipzig, die Pelzstadt. Weil Inge dem damaligen Schönheitsideal - viel Oberweite, schlanke Taille - perfekt entspricht, wird sie vom Fleck weg engagiert. "Dabei wussten die noch gar nicht, ob ich auf dem Laufsteg zurecht komme", schmunzelt die alte Dame. "Papa Patina", ein Modemacher aus Paris, gibt ihr den Tipp, sich durchs Schlüsselloch eine bestimmte Frau anzuschauen. "Sie sah alt aus, so wie sie da mit ihren Lockenwicklern in der Garderobe saß und strickte, aber auf dem Laufsteg hatte sie eine unglaubliche Ausstrahlung", erinnert sich Inge Poppitz. Von ihr lernt Inge das Laufen.

Es dauert nicht lange, da wird Inge Poppitz in Leipzig so bekannt und so hoch gehandelt, dass sich alle für sie interessieren - selbst das Atelier, das die Kleidung für die Ufa macht. Sie läuft in Sachsen und Berlin. Bis zum Mauerbau führt sie auch in Westberlin auf dem Kudamm teure Pelze vor - oft nicht ganz legal freilich. Heinz Bormann, der Modemacher der DDR, möchte sie mitnehmen auf große Tourneen ins Ausland. Das aber will Inge Poppitz nicht. Das gibt auch ihre Gesundheit nicht her.

Dann stehen eines Tages drei Herren vor der Tür - Hutfabrikanten. Ob sie nicht Hüte vorführen wolle. Inge will. Schließlich läuft sie für die gesamte Hutbranche im Osten Modell. "Ich habe damals an einem Tag verdient, was andere im ganzen Monat bekamen", weiß sie noch. Ihr ganzes Leben lang bleibt sie Autodidakt. Was ihr Mann dazu gesagt hat, wenn sie auf Tournee war? "Er musste leiden, viel Geduld und Verständnis aufbringen." Am Wochenende nimmt sie ihn oft mit. "Er war mein bester Kritiker", sagt sie.

Außerdem gibt Inge Poppitz selber Kurse für Mädchen, die Mannequins werden möchten. Von der HO und vom Konsum aus. Hunderte bewerben sich. Die Mädchen sucht sie sich selber aus. Die Figur muss stimmen. Selbst einen Sack sollten sie wie eine Robe tragen können. Und zu forsch dürfen sie auch nicht auftreten. Immer schön auf dem Teppich bleiben, das ist Inge Poppitz' Lebensmotto.

Selbst DDR-Filmregisseur Kurt Mätzig will einen Film mit ihr machen. Dazu kommt es dann doch nicht. Das ist nicht ihre Welt. Sie lässt stattdessen ihre Stimme ausbilden und wird Sprecherin bei Modenschauen. 20 Jahre macht sie das. Die nötige Lockerheit bekommt sie erst im Laufe der Jahre.

Noch später entwirft sie selbst Werbetexte für die Frühjahrs- und die Herbstmodenschau. Geht damit zu den Sächsischen Neuesten Nachrichten, einem der Vorläufer der heutigen DNN. "Die waren neugierig und ich hatte überhaupt keine Schwierigkeiten, meine Texte unterzubringen", entsinnt sie sich. Inge Poppitz macht Hutwerbung zunächst in Dresden, dann in ganz Sachsen und schließlich für die gesamte DDR. Wird Werbeleiterin für die Hutindustrie im Osten. Die Journalisten von der Modezeitschrift "Sibylle", der "Wochenpost" und selbst vom "Neuen Deutschland" seien angekommen, ob Frau Poppitz nicht für die Leser Modeartikel schreiben könne. Ihre Beiträge werden sogar ins Russische übersetzt. In eine Partei tritt Inge Poppitz nie ein. Nur im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) wird sie Mitglied.

Einmal beordert man sie zum Mode- institut nach Berlin. Wie sie es verantworten wolle, für die sozialistische Frau auf dem Titelbild solch einen Hut abzubilden, wird sie gefragt. Und sie weist auf ein Foto von einem Mannequin, das eine etwas ungewöhnliche flauschige Kopfbedeckung trägt.

Inge Poppitz arbeitet nur mit dem sogenannten Hutpfennig: "Ein Pfennig von jedem verkauften Hut wird in die Werbung gesteckt", erläutert sie. Die Hutwerbung macht sie bis 1976. "Dann setzte kein Mensch mehr einen Hut auf." In der Werbebranche arbeitet Inge Poppitz, bis sie 61 wird. Tritt in Fabriken, Krankenhäusern, Gaststätten und Hotels auf. Spricht im Rundfunk, moderiert Modenschauen für den Dresdner Klub der Intelligenz im Lingnerschloss, wirbt im Steinsaal des Hygiene-Museums für die neue Mode. Auch der Dresdner Conférencier O.F. Weidling macht ihr Komplimente.

Das Moderieren hängt sie schließlich schweren Herzens 1985 an den Nagel - ihrer Mutter und ihrem Mann zuliebe, die beide schwer krank sind.

Seit 1948 wohnt Inge Poppitz in einer kleinen Siedlung im Neuen Hecht unweit der Hansastraße. Kinder sind dem Ehepaar nicht vergönnt gewesen. Eine Tochter aber hat Inge Poppitz heute trotzdem. Eine Frau aus der Nachbarschaft. Beamtin mit Sohn. Genau genommen ist sie vor 13 Jahren in die Wohnung über ihr gezogen. "Das ist eine wunderbare Verbindung", schwärmt Inge Poppitz. Sie sei dem Schicksal unendlich dankbar, dass sie diese Frau habe. Überhaupt ist sie zufrieden mit sich und der Welt: "Es war ein buntes, schönes Leben", meint sie rückblickend. Vielleicht ein wenig mehr Selbstbewusstsein hätte sie gebraucht früher. "Das habe ich mir erst hart erarbeiten müssen." Ob sie heute wieder modeln würde, wenn sie noch einmal jung wäre? "Ich glaub's nicht, denn das wäre mit noch mehr Ellenbogen, Kampf und Missgunst verbunden", meint sie.

Welchen Modemacher von heute mag Inge Poppitz? "Ich würde zu Karl Lagerfeld gehen wollen", sagt sie sofort. Das ist für sie

Mann. "Der ist zwar 'ne komische Type, aber immer seriös", meint sie. In der Mode lerne man sowieso vorwiegend verrückte Leute kennen. Das jedoch seien meist fantastische Menschen. Von Topmodel-Mutter Heidi Klum hält sie nicht viel. "Aber Claudia Schiffer, die kann laufen", ist sie überzeugt. Und wer soll es wissen, wenn nicht Inge Poppitz.

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit. Heute geht es um die 87-jährige Dresdnerin Inge Poppitz. Nach dem Krieg hat sie Kleider aus Gardinenstoff und Fallschirmseide auf dem Laufsteg gezeigt. Und die Zuschauer mussten Kartoffeln und Kohlen mitbringen als Gage. Später hat Inge Poppitz dann Hüte präsentiert und schließlich Werbung für die DDR-Hutindustrie gemacht. "Immer auf dem Teppich bleiben", ist ihre Devise.

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in Ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstraße 21, 01097 Dresden, z.Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.02.2012

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