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In den Haftzellen der Dresdner Polizei: Wo die Zeit viel zu langsam vergeht

In den Haftzellen der Dresdner Polizei: Wo die Zeit viel zu langsam vergeht

Die Tür ist zu, das Gitter auch. Fliesen reichen ringsum bis an die Decke, das milchig weiße Fenster erlaubt keinen Blick nach draußen. Ich stehe in Socken auf dem beheizten Kachelfußboden, Schuhe, Gürtel, Jacke und meine Tasche musste ich abgeben.

Von Christoph Springer

Das alles wurde auf einem Zettel erfasst, dem so genannten Effektenprotokoll. Dann stand ich an der Wand, breitbeinig, mit den Händen abgestützt und wurde abgetastet. Meine Habseligkeiten liegen nun in einem kleinen Schließfach und ich bekomme sie erst zurück, wenn ich meine Zelle wieder verlassen darf. Fast zwei Tage könnten bis dahin vergehen. So lange darf man laut Gesetz im Polizeigewahrsam festgehalten werden. "Kein Kontakt zur Außenwelt", erklärt mir Hauptkommissar Volker Huhle den Zweck der Maßnahme und natürlich bin ich auch Handy und Uhr los.

Ich sitze hinter Gittern, blicke unschlüssig auf ein Edelstahlquadrat im Fußboden - meine Toilette. Randalefest und verletzungssicher. Das Stehklo wirkt sauber, man sieht jedoch, dass hier schon andere Menschen vor mir waren, die es benutzten. Soll ich vielleicht lieber barfuß...? Schließlich stelle ich mich in Socken darauf, die Füße platziere ich auf den dafür vorgesehenen Profilflächen, der Blick geht zur vergitterten Zellentrennwand. Eine unangenehme Position. Ich beschließe, mir das zu verkneifen, wofür dieses Edelstahlquadrat gedacht ist. Zu allem Überfluss müsste ich danach per Rufknopf einen Beamten rufen, der außerhalb meiner Zelle die Spülung auslöst. Er könnte auch die Zellenlüftung einschalten. "Die muss manchmal stundenlang laufen", beschreibt Huhle diplomatisch den Zustand, in dem manche Inhaftierte ihre Zelle hinterlassen haben und erzählt mit knappen Worten von der Reinigung mittels Feuerwehrschlauch.

Gleich neben dem Stehklo steht mein Bett. Es ist eine gemauerte Liege, lang und breit genug auch für größere Menschen als mich. Sie hat eine harte Holzauflage und Huhle hat darauf drei Veloursdecken für mich bereitgelegt. Davon könne ich noch mehr haben, sagte der Chef des Polizeigewahrsams in der Direktion an der Schießgasse. 400 hat er im Lager, allemal genug für die rund 50 Personen, die in den Haftzellen Platz haben. Reichlich zwei Dutzend kann er in Einzelzellen unterbringen. Kommen binnen kurzer Zeit viele Personen in Gewahrsam, etwa bei Fußballrandale, werden sie in Sammelzellen untergebracht. Die haben keine Liegen, sondern u-förmige Bänke. Mindestens zehn Personen finden darauf Platz und werden sie handgreiflich, gibt es dafür ein Edelstahlprofil, das wie eine Haltestange aussieht und an der Sitzfläche montiert ist. Dort werden die Hände der Unruhestifter fixiert, heißt es in der Polizeisprache. Im Klartext - mittels Handschellen können diese Personen daran angekettet und so zur Ruhe gezwungen werden.

Reichlich elf Quadratmeter groß ist meine Zelle, fast ein Drittel größer, als per EU-Verordnung vorgeschrieben. Zwischen dem Gitter und der Zellentür zum Flur befindet sich ein Edelstahlwaschbecken. Darüber an der Wand hängt ein Spiegel, nicht aus Glas, sondern aus poliertem Metall. Auch dorthin komme ich nur, wenn ich einen Beamten rufe.

Immerhin sind Huhle und seine Kollegen in der Nähe. Man hört sie durch den Flur laufen. Gelegentlich vernimmt man außerdem Motorengeräusche aus dem Hof der Polizeidirektion. Das ist die einzige Abwechslung. Die Zeit verrinnt quälend langsam und eine Unterbrechung versprechen tatsächlich nur die üblichen menschlichen Bedürfnisse und die Mahlzeiten, von denen Huhle erzählt hat. Die gibt es aber nur, wenn tatsächlich die Essenszeit ran ist. Dann servieren der Chef und seine Kollegen morgens zwei Brote mit Marmelade und Tee oder Wasser. Mittags gibt's Dosensuppe im Plasteteller, aufgewärmt in der Mikrowelle und abends wieder Brote, dieses Mal mit Streichwurst. Dazu Tee oder Wasser.

Es ist aber noch nicht Essenszeit. Huhle befreit mich schon vorher aus meiner Zelle. Wäre ich in Gewahrsam gewesen, weil die Polizei mich zum Beispiel irgendwo volltrunken eingesammelt hat, müsste ich nun noch zum Portmonee greifen und für den Aufenthalt zahlen. 94 Euro kosten angefangene 24 Stunden. Dafür bekommt man ohne Probleme auch ein Hotelzimmer im Stadtzentrum. Ich muss nicht zahlen und als mich Hauptkommissar Volker Huhle verabschiedet, kann ich das "Auf Wiedersehen" gerade noch herunterschlucken. Ich komme lieber nicht wieder!

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen Millionen Kinder Türchen ihres Adventskalenders. Dahinter stecken schöne Überraschungen. Auch die DNN öffnen bis zum 24. Dezember jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Türen. Diesmal geht es um Türen, hinter die man eigentlich lieber nicht will, die zu den Haftzellen der Polizei.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2011

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