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Heiligabend auf Achse - Interview mit einem Dresdner Truck-Fahrer

Heiligabend auf Achse - Interview mit einem Dresdner Truck-Fahrer

Sie sind Stunden auf Achse, schrubben Tausende Kilometer auf verstopften Autobahnen und einsamen Landstraßen - oft nachts und oft weit weg von der Familie.

Sie sind Stunden auf Achse, schrubben Tausende Kilometer auf verstopften Autobahnen und einsamen Landstraßen - oft nachts und oft weit weg von der Familie. Fernfahrer müssen flexibel sein und schlafen in den vorgeschriebenen Ruhezeiten meist fern von zu Hause auf engstem Raum hinter ihrem Fahrersitz. Aber wie sieht so eine Schlafkoje eigentlich aus? Für unsere DNN-Serie "Wir öffnen Türchen" ist DNN-Redakteurin Madeleine Arndt bei einem Truckfahrer zugestiegen. Danilo Britsche fährt seit 17 Jahren mit seinem 40-Tonner Schwerlasttransporte für das Dresdner Unternehmen Detmers durch ganz Europa - auch Heiligabend ist er unterwegs.

Von Madeleine Arndt

Tief in der Nacht, wenn seine beiden Jungs bereits von der Bescherung träumen, sitzt Danilo Britsche hinterm Steuer seines 40-Tonners. Sein letzter Auftrag Heiligabend ist, zwei Verkaufsbuden vom Erfurter Weihnachtsmarkt abzutransportieren. Um vier Uhr morgens muss der Fahrer des Dresdner Unternehmens Detmer-Transporte in der thüringischen Landeshauptstadt sein, damit die Hütten bis acht Uhr verladen werden können. Dann geht es wieder zurück nach Dresden, die Verkaufsstände werden über die Feiertage auf dem Firmengelände zwischengeparkt und schließlich in Heidenau abgeliefert.

Bei dieser für ihn kurzen Tour übernachtet Britsche nicht in seinem Truck - ein Schwerlasttransporter des schwedischen Herstellers Scania. Aber auf weiteren Strecken hat der Familienvater schon oft genug das Bettzeug in der schmalen Schlafkoje hinter Fahrer- und Beifahrersitz aufgeschüttelt, die Standheizung programmiert und den kleinen Fernseher zu seinen Füßen angeschaltet. Wenn sich der Fernfahrer dann mit seinen 1,92 Metern Körpergröße auf der Bettstatt ausstreckt, bleiben gerademal neun Zentimeter an Kopf- und Fußende Luft bis zur Karosserie. 80 Zentimeter misst die Schlafkoje in der Breite. Das klingt nicht sehr gemütlich, aber der Fernfahrer sieht das locker.

Im Truck am Strand gewohnt

"Lkw-Fahren war mein Kindheitstraum", verrät Britsche. So ist er als Kind mit Begeisterung bei seinem Vater, der damals im Tagebau Nochten arbeitete, im Grubendumper mitgefahren. Nach seiner Lehre arbeitete der gebürtige Bautzner im Tiefbau. Als die Firma Mitte der 90er Jahre pleite ging, erledigte Britsche als Urlaubsvertretung Fahrten bei Detmers-Transporte. Schnell wurde ihm ein fester Vertrag anboten und aus einem vorübergehenden Job sind mittlerweile 17 Jahre am Dresdner Standort des Unternehmens geworden.

Mit seinem 19 Meter langen Truck, der mit einem Schwerlastkran bestückt ist, fährt Britsche vor allem Container und Transformatorentechnik durch Europa - transportiert zum Beispiel Siemens-Transformatoren für Wasserkraftwerke nach Norwegen. Seinen Geburtstag hat er so im April diesen Jahres im norwegischen Lillehammer verbracht. Britsche ist gern in Skandinavien: "Da fahren die Leute ruhiger, nicht so hektisch wie die Deutschen." Sein schönster Auftrag aber war bisher eine Fahrt zur Insel Jersey im Ärmelkanal. Drei Wochen hat Britsche bei 35 Grad Sommerwetter in seinem Truck direkt am Strand gewohnt, während auf dem Flughafen der britischen Insel eine riesige Trafostation aufgebaut wurde.

Gefährlich wurde dagegen mal eine Übernachtung vor drei Jahren im Lkw an der deutsch-polnischen Grenze bei Frankfurt/Oder. Es war einer der kältesten Winter mit Temperaturen von minus 20 Grad. Mitten in der Nacht fiel plötzlich die Standheizung aus. Glücklicherweise hat es Britsche noch rechtzeitig gemerkt. "Ich bin nachts um 3 vor Eiseskälte munter geworden", berichtet er. Schnell machte er den Motor an und setzte die Kaffeemaschine in Gang, um sich mit einem heißen Kaffee wieder aufzuwärmen. Schlafen konnte er in dieser Nacht nicht mehr. Doch im Normalfall ist die Standheizung sehr komfortabel. Sie lässt sich bis auf vier Stunden vorprogrammieren und heizt den Truck bis auf 30 Grad hoch.

Wie alle Berufskraftfahrer muss Britsche peinlich genau auf die Lenkzeiten achten. Länger als neun Stunden am Tag darf er nicht hinterm Steuer sitzen und nach 4,5 Stunden muss er eine Dreiviertelstunde Pause einlegen. "Die Angst fährt mit, dass man wirklich mal Sekundenschlaf hat", sagt der Berufskraftfahrer. Er mache dann lieber kurz Pause, als auf Teufel komm raus Strecke zu schaffen. Denn auch wenn die Trucks groß und wuchtig wirken - sollte er mit 90 km/h irgendwo auffahren, schütze ihn kein Airbag. Und letztlich sei das Fahrerhaus nur Blech.

Böses Erwachen in Winternacht

Für die Pausen biegt Britsche auf die Autohöfe ab. Pro Nacht wird hier eine Standgebühr zwischen acht und zwölf Euro verlangt. Meistens geht Britsche in den Rasthof oder die Trucker-Lounge "zum Quatschen". "Du sitzt ja den ganzen Tag allein in der Kiste", erklärt er. Auch der CB-Funk macht seine Fahrten weniger einsam. Britsche nutzt den Funk, um zu wissen, ob die Strecke frei ist und manchmal kommt er so mit anderen Fahrern ins Gespräch.

Je länger man sich in dem Führerhaus des Lkws aufhält, um so wohnlicher wirken die vier Quadratmeter, auf denen sich Britsches Arbeitsleben abspielt. Vier Wunderbäumchen der Duftnote Vanille baumeln an der Decke. Über dem Armaturenbrett schwebt eine schwarze Holzablage, Marke Eigenbau, umrandet mit weißen Fransen und mit zwei Saugnäpfen von innen an der Windschutzscheibe befestigt. Auf der Ablage steht die Minikaffeemaschine, die genau für einen großen Pott Kaffee kocht. In einer Ausbuchtung über der Beifahrertür klemmt ein Fotorahmen, darauf strahlen Britsches Jungs, der neunjährige Steve und der dreijährige Marlon, um die Wette.

Über dem schmalen Bett ist noch eine weitere Pritsche hochgebunden. Der Truckfahrer löst die Gurte und plötzlich hat das Fahrerhaus ein Doppelstockbett. Über die Rückenlehne eines Fahrersitzes klettert der Kraftfahrer in das zweite Bett hinein. Fast scheint seine Nasenspitze an das Dach zu stoßen, so eng ist es hier. "Da ich alleine fahre, nutze ich es meist als Ablage", erklärt Britsche. Doch ab und zu nimmt er in den Ferien "den Kleenen" mit, der dann im oberen Bett schläft. "Steve ist da Feuer und Flamme, er will auch Truckfahrer werden", erzählt Britsche. Langeweile kommt bei den Vater-Sohn-Fahrten nicht auf. Da werden Nummernschilder erraten, Steve spielt mit seinem Nintendo und der Vater übt mit ihm Mathe - auch das muss sein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.12.2012

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