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Ganz oder gar nicht - die Dresdner Isabelle und Marcelo lernten sich in Brasilien kennen und lieben

Ganz oder gar nicht - die Dresdner Isabelle und Marcelo lernten sich in Brasilien kennen und lieben

Flexibel, mobil und weltoffenen. So sollen wir in der heutige Gesellschaft sein, damit sie funktioniert. Millionen Menschen pendeln zwischen Arbeitsplatz und Wohnort - und dabei nicht selten ihrer Liebe hinterher.

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Liebe über 10 000 Kilometer hinweg: Zwei Jahre führten die Dresdnerin Isabelle und der Brasilianer Marcelo eine Fernbeziehung. Inzwischen leben sie gemeinsam in Dresden. Der Weg dahin war lang und steinig - und führte das Paar auch zum Standesamt.

Quelle: Christian Juppe

Fast drei Millionen Menschen leben derzeit in einer Fernbeziehung, jeder Neunte bekommt seinen Partner nur am Wochenende zu Gesicht. Vor allem die Anfang-20-Jährigen lernen sich in den Metropolen der Welt kennen. Sie studieren, machen Praktika. Und sie verlieben sich.

Genauso erging es auch der Dresdnerin Isabelle Kloppert. Die heute 24-Jährige studierte in Dresden International Business und ging 2011 für ein Auslandsjahr ins brasilianische Belo Horizonte. Dass sie dort ihren heutigen Ehemann kennenlernen würde, damit hätte sie niemals gerechnet. Bei einem Picknick mit anderen Austauschstudenten traf sie eher zufällig auf Marcelo. "Er trat dort mit seiner Tanzgruppe auf", erzählt Isabelle. Über einen Bekannten kamen sie schließlich ins Gespräch. Ein paar Treffen und Wochen darauf waren sie ein Paar. Nach einem Jahr dann der Abschied: Isabelle musste nach Dresden zurück, um ihr Studium zu beenden; Marcelo wollte sich in den kommenden Monaten einen Flug nach Deutschland erarbeiten. "Wir wollten unbedingt zusammenbleiben. Wie schwierig das werden würde, konnten wir damals noch gar nicht ahnen", berichtet die Dresdnerin.

Viele Monate sah sich das junge Paar überhaupt nicht. Sie schrieben und telefonierten viel - oft via Skype, ein Programm, das schon viele Fernbeziehungen über eine lange Zeit am Leben gehalten hat. Denn Skype hat die Liebe auf Distanz revolutioniert: Im Januar 2006 konnte sich plötzlich jeder die Software kostenlos auf die Festplatte kopieren. Sie machte es möglich, über den Computer zu telefonieren und sich dabei live zu sehen. Vorausgesetzt, man schaffte sich eine Webcam an. Auf einmal war das Bildtelefon, eine Idee so alt wie das Fernsehen, Wirklichkeit geworden. Fernbeziehungen sind seitdem nicht mehr das, was sie einmal waren.

So überdauerte auch die Liebe von Marcelo und Isabelle, trotz fast 10 000 Kilometern Entfernung. Im Dezember 2012 kam der heute 29-jährige Brasilianer dann zum ersten Mal nach Deutschland. Schnee hatte er zuvor noch nie gesehen; und auch die deutsche Sprache war ihm völlig fremd. "Kalt und komisch", habe er den Schnee damals empfunden, meint Marcelo heute. Drei Monate probten die beiden das Zusammenleben in Dresden. Dann der erneute Abschied.

Marcelo musste zurück in seine alte Heimat, da er nur ein Touristenvisum hatte. Denn Brasilianer wie er dürfen sich visafrei maximal drei Monate in Deutschland aufhalten. Arbeiten in Deutschland - davon konnte der Capoeira-Tänzer bis dahin nur träumen. Ein längerfristiges Arbeitsvisum hatte der 29-Jährige umständlich und mit den entsprechenden Nachweisen vom Arbeitgeber in Brasilien beantragen müssen. Die letzte Möglichkeit für Marcelo wäre ein Sprachvisum gewesen. Damit können Ausländer bis zu zwölf Monate in Deutschland bleiben, vorausgesetzt, sie nehmen an einem Intensiv-Sprachkurs teil. "Marcelo hätte dafür aber ein Sperrkonto vorweisen müssen, von dem der Höchst-Bafögsatz abbuchbar ist. Wir hätten also 10 000 Euro auf einmal locker machen müssen - zusätzlich zu den Kosten für den vorgeschriebenen Intensiv-Sprachkurs", erzählt Isabelle.

Kurzum - ein zaghaftes Kennenlernen und Annähern, so wie bei anderen modernen Paaren, war für die beiden einfach nicht möglich. "Für uns gab es nur die Entscheidung: ganz oder gar nicht. Zusammenbleiben und einen großen Schritt wagen oder aufgeben und sich trennen", sagt Isabelle heute. Aufgrund der Steine, die den beiden von Seiten der Behörden in den Weg gelegt wurden, entschied sich das Paar dann etwas schneller für den endgültigen Schritt: Sie fassten den Entschluss zu heiraten.

Natürlich stießen sie damit nicht nur auf Begeisterung. "Meine Familie in Brasilien hat gedacht, ich bin verrückt", erzählt Marcelo. ",Kind, du bist doch noch so jung!' - das konnten sich auch meine Eltern nicht verkneifen", fügt Isabelle hinzu. Doch nach ein wenig Überzeugungsarbeit und unzähligen Behördengängen ließen sie sich im September im Standesamt auf der Goetheallee trauen. Anschließend gab es ein kleines Fest im Kreis von Verwandten und Freunden. Marcelos Familie konnte dieses Ereignis zwar nicht mit den beiden teilen. "Wir holen die Hochzeit vielleicht in Brasilien irgendwann nach", sagt Isabelle.

Seit kurzem hat Marcelo endlich eine Arbeitserlaubnis und lernt fleißig Deutsch. In der Wohnung des jungen Paares schmücken unzählige Verbtabellen und Post-its mit deutschen Vokabeln die Wände. Ab April beginnt er einen Integrations- und Sprachkurs. Dem aktuellen Stand zufolge darf Marcelo so maximal drei Jahre in Deutschland bleiben. Mit dem Kurs arbeitet er eine von vielen Hürden ab, die ihn noch von einer unbegrenzten Aufenthaltsgenehmigung und einem Leben mit Isabelle trennen. "Das Spiel geht also noch eine Weile weiter", meint die frischgebackene Ehefrau. Die Entscheidung, für ihre Liebe schon in so jungen Jahren geheiratet zu haben, hat das Paar dennoch nicht bereut. "Wir wollten zusammen sein, das haben wir geschafft", sagt Isabelle.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.02.2014

Susann Schädlich

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