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Flaschenpost: In Dresden in die Elbe geworfen, von einem Chinesen gefunden

Flaschenpost: In Dresden in die Elbe geworfen, von einem Chinesen gefunden

September 1956 wirft der Neurologe Fritz Fischer in Dresden-Blasewitz eine Flasche in die Elbe, in der sich eine Nachricht befindet. Viel Hoffnung hat er zwar nicht, dass die Flaschenpost auf der mehr als 600 Kilometer langen Strecke nach Hamburg die vielen Flusswindungen, Stromschnellen, Untiefen, Brückenpfeiler und auch die damals schon bestehenden Sperranlagen an der innerdeutschen Grenze unbeschadet überstehen wird, aber vielleicht gelingt es ja doch.

Am 2.

Von matthias Gretzschel

Die Flasche befördert keine geheime Botschaft und auch keinen Hilferuf, sondern vielmehr den Gruß eines liebevollen Onkels aus Dresden an seinen sechs Jahre alten Neffen Eckart Frey in Hamburg.

Sechs Wochen später ist dieser in den Ferien mit seiner Mutter Ilse zu Gast bei den Fischers. Im Jahr zuvor hatte Ilses Schwester Erna den Dresdner Mediziner geheiratet und war zu ihm in die DDR gezogen. Nun zeigt Onkel Fritz seinem kleinen Neffen die Stelle oberhalb des "Blauen Wunders", wo er einen Monat zuvor die Flasche in den Fluss geworfen hat.

Ungefähr zur selben Zeit entdeckt der chinesische Seemann Stephan Mao Kung im Hamburger Hafen vor dem Schuppen 69 eine verkorkte Flasche im Wasser treiben. Neugierig fischt er sie an Land, entfernt den Korken und entdeckt die Botschaft. Wahrscheinlich lässt er sich den Text übersetzen und die Adresse erklären. An Bord seines Schiffes "SS Chittagong" reißt er einen Zettel vom Block, datiert ihn auf den 14. Oktober 1956 und teilt darauf mit, dass er die Flaschenpost im Hafen gefunden habe und sie hiermit dem Adressaten aushändige. Dann macht er sich auf den Weg, fährt mit der Straßenbahnlinie 2 bis zur Horner Rennbahn und fragt sich zu der Adresse "Bei den Zelten 1" durch. Dort klingelt er bei den Freys, da aber niemand zu Hause ist, steckt er den Flaschenpostbrief und die Nachricht einfach in den Briefkasten und kehrt zum Hafen zurück.

Völlig überrascht findet Werner Frey, der Vater des Adressaten, am Abend die beiden Schriftstücke vor. Er schreibt einen Dankbrief an den chinesischen Matrosen, adressiert an "Stephan Mao Kung an Bord des Dampfers "Chittagong". Wenig später kommt die Sendung ungeöffnet mit dem Vermerk zurück: "Dampfer liegt nicht mehr am Schuppen 69. Aufenthalt unbekannt".

Als Eckart Frey mit seiner Mutter ein paar Tage später wieder in Hamburg Horn eintrifft, wartet dort ein Brief mit dem folgenden Wortlaut auf ihn: "Diese Flasche wurde am Sonntag, 2. September 1956, kurz nach 12 Uhr, oberhalb der Elbbrücke in Dresden-Blasewitz in die Elbe geworfen mit dem Wunsche, daß der Strom sie nach Hamburg tragen und dort einem kleinen Jungen eine Freude bereiten möchte. Derjenige, der die Flasche findet, wird herzlich gebeten, sie oder wenigstens den Zettel weiterzuleiten an den kleinen Eckart Frey in Hamburg 34, bei den Zelten 1-"

Der kleine Eckart Frey ist heute 61 Jahre alt, arbeitet als Lehrer in Hamburg-Bergedorf und hat den Flaschenpostbrief bis heute sorgfältig aufbewahrt. "Ich war so traurig, dass Stephan Mao Kung niemand angetroffen hat. Zu gern hätte ich ihn kennengelernt und vielleicht sogar auf seinem Schiff im Hafen besucht", sagt Frey heute. Für ihn besitzt die Geschichte der Flaschenpost auch eine tiefe Symbolik. "Die Elbe hat Dresden und Hamburg, Ost und West immer verbunden und mein Onkel Fritz hat der Teilung ein Schnippchen geschlagen", sagt der Lehrer, und fügt hinzu: "Manchmal ist die Realität eben tatsächlich fantastischer als die real existierende Wirklichkeit." Diese holte Eckart Frey und seinen Dresdner Onkel fünf Jahre später ein: In August 1961 soll die ostdeutsche Arztfamilie eigentlich zum Verwandtenbesuch nach Hamburg kommen. Stattdessen trifft dort am Tag des Mauerbaus ein Telegramm aus Dresden ein: "Können nicht kommen, sind verhindert." Dr. med Friedrich Fischer hat den Fall der Mauer nicht mehr miterlebt. Sein Hamburger Neffe ist schon bald nach der Grenzöffnung nach Dresden gefahren, um jene Stelle am Elbufer aufzusuchen, wo sein Onkel einst die Flaschenpost auf ihre Reise nach Hamburg geschickt hat.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.09.2011

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