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Faszination Neustadt: Fotograf Günter Starke über das Leben in Dresdens Szeneviertel

Faszination Neustadt: Fotograf Günter Starke über das Leben in Dresdens Szeneviertel

Undichte Dächer, baufällige Fassaden, Tristesse. So sah die Dresdner Neustadt noch in den 1980er Jahren aus. Vom trendigen Viertel für alternativ angehauchte Gutverdiener, wie es sich heute mehr und mehr darstellt, war es meilenweit entfernt.

Von Stephan Hönigschmid

Trotz des äußerlichen Verfalls zog es manche Menschen dennoch magisch an, weil das Leben hier plötzlich farbig wurde, inmitten des Grau in Grau des real existierenden Sozialismus.

Viele Außenseiter der Gesellschaft lebten in dieser Zeit in dem Stadtteil. Einer von ihnen war der Fotograf Günter Starke. Seine Arbeit als Starkstromingenieur hatte ihn nicht ausgefüllt. Deshalb engagierte er sich im "Stadtkabinett für Kulturarbeit", unterstützte die Arbeit von Volkskunstgruppen. Starke genoss es, in die Welt der Kultur einzutauchen. Doch mit den ideologischen Vorgaben kam er nicht zurecht, fühlte sich eingeengt. Aus diesem Grund wollte er auch nicht länger Mitglied in der SED sein und trat aus. In der Folge musste er seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter verdienen, bis er 1982 schließlich eine Fotografenausbildung an der TU Dresden absolvierte.

Dieser Einschnitt in seinem Leben ist eng mit der Änderung des Wohnsitzes verbunden, denn sein Austritt aus der Partei markiert gleichzeitig den Eintritt in den Mikrokosmos der Neustadt. Seit 1980 wohnt er hier aus Überzeugung: "Ich habe noch 1978 in der Johannstadt gelebt, bin aber schon damals immer wieder in die Neustadt gegangen, weil sie mich einfach fasziniert hat", erzählt Starke. Begeistert haben ihn vor allem die Gegensätze.

Denn hier gab es einfach Dinge, die es sonst nirgendwo gab. Alles sei so lebendig gewesen, erinnert sich der 67-Jährige. Grund dafür war nicht zuletzt die bunte soziale Mischung. Ob Opernsängerin, Psychologe oder der ständig besoffene Asoziale, alle lebten Tür an Tür. "Es war einfach immer etwas los. Ganz egal ob Bierflaschenweitwurf, Schlägereien oder Hoffeste, langweilig wurde es nie."

Dennoch war das Leben nicht leicht. In seiner Wohnung am Martin-Luther-Platz bekam er das deutlich zu spüren: "Zunächst habe ich im Dachgeschoss gelebt, bin dann aber eine Etage runter gezogen, weil es reingeregnet hat." Wegziehen wollte Günter Starke deshalb aber keinesfalls. Außerdem war es ihm wichtig, Miete zu bezahlen. Doch die zuständigen Behörden lehnten dies ab. Sie wollten das illegale Wohnen nicht legalisieren.

Vielleicht hätten sich die Verantwortlichen gewünscht, dass die Bewohner kapitulieren und eine Neubauwohnung beantragen. Doch viele blieben standhaft. Gleichwohl mussten sie um ihre geliebte Neustadt bangen. Denn 1986 kamen Pläne für einen flächenhaften Abriss der Gründerzeithäuser auf. Für Günter Starke war dies ein Grund, alles mit dem Fotoapparat festzuhalten. In dieser Zeit entstanden viele Bilder seines bekannten Buches "starkes VIERTEL: Dresdens Äußere Neustadt 1979 bis 1990". Auch nach der Wende waren die Häuser bedroht. Diesmal von Investoren aus dem Westen. Damals stand Günter Starke in engem Kontakt mit der Interessengemeinschaft (IG) Äußere Neustadt. "Die IG Äußere Neustadt hat sich bei der Stadt für eine Sanierung des Stadtteils eingesetzt. Das vom Stadtrat beschlossene Sanierungsprogramm war wichtig, weil private Investoren die Häuser ohne diese Auflagen einfach weggerissen hätten", ist sich Starke sicher.

Heute freut sich der 67-Jährige, dass die Neustadt wieder in altem Glanz erstrahlt. Dennoch gibt es auch Wermutstropfen. Durch die gestiegenen Mieten ist der Stadtteil bei weitem nicht mehr so bunt, wie er einmal war. Zahlreiche Künstler hätten sich Ateliers im Dresdner Umland gesucht, so Starke. Jammern möchte er darüber aber nicht, weil es nach wie vor auch sehr viele positive Dinge gebe. Vor allem das zwischenmenschliche Miteinander sei immer noch etwas ganz Besonders: "In der Neustadt lebt man niemals einfach so nebeneinander her, sondern immer zusammen", fasst Günter Starke das Lebensgefühl des Stadtteils zusammen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.01.2012

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