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Ein Tag als: "Ein getaktetes Zusammenspiel" bei den Filmnächten am Elbufer

Ein Tag als: "Ein getaktetes Zusammenspiel" bei den Filmnächten am Elbufer

Ich wohne seit mittlerweile sieben Jahren in Dresden und ich muss gestehen: Nicht ein einziges Mal habe ich mir einen Film bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer angeschaut.

Mein "erstes Mal" hat mich direkt hinter die Kulissen des hiesigen Open-Air-Kinos an den Elbwiesen geführt. Gemeinsam mit Veranstaltungsleiter Daniel Stuß durfte ich mich als Mitarbeiterin für einen Abend lang in den verschiedensten Bereichen der Filmnächte probieren.

"Egal ob wir 300 oder 3000 Gäste am Abend haben - wir müssen jeden Tag die gleichen Standards bringen." Daniel Stuß steht mit mir im Lounge-Bereich der Filmnächte. Es ist 18 Uhr. Schon bevor ich das Gelände betrete, waren die ersten Einsatzkräfte schon dabei, die Besucherbereiche zu putzen. Langsam trudeln auch die restlichen Mitarbeiter ein. Die Sitzbereiche werden mit Decken, Kissen und allem, was Besucher-Herzen höher schlagen lässt, ausgestattet und im Food-Bereich laufen die Vorbereitungen für den Abend auf Hochtouren. Ich bekomme als erstes den Mitarbeiter-Kompass in die Hände gedrückt. Darin steht, wie ich mich als Mitarbeiterin korrekt zu verhalten habe. "Solange du die Arbeitskleidung trägst, musst du dich dementsprechend verhalten", erklärt mir der Veranstaltungsleiter. Keinen Alkohol oder Drogen während der Schicht: logisch. Ein gepflegtes Äußeres und Auftreten ist ein Muss.

Um 19 Uhr wird das Team-Meeting eingeläutet. Dort wird vom Teamleiter noch einmal erklärt, worauf es an dem Abend ankommt oder welche Besonderheiten am Einlass erforderlich sind. Stichprobenartig wird außerdem Wissen abgeprüft: Welcher Film läuft am Abend? Worum geht es im Film? Wie lange geht er und wie ist die Altersbegrenzung? Auf dem Programm stand Mad Max - Fury Road. Während sich an einem normalen Kinoabend zwischen 80 und 150 Mitarbeiter auf dem Gelände tummeln, müssen zu Veranstaltungen wie der Kaisermania rund 200 fleißige Arbeiter zugange sein. "Jeder Abend erfordert ein getaktetes Zusammenspiel der Leute", betont Daniel Stuß. "Probleme gibt es nicht, nur Lösungsansätze." Stuß ist seit fünf Jahren Veranstaltungsleiter bei den Filmnächten. Während der Vorbereitung, Einlassphase und der Filmvorführung ist er permanent auf dem Gelände unterwegs und prüft die Abläufe. "Ich bin sozusagen das Mädchen für alles" sagt er und lacht.

Meine erste Schicht führt mich an den Einlass. Ungefähr 23 Mitarbeiter stehen an einem Abend an den Einlässen. Kann ja nicht so schwer sein, ein paar Karten abzureißen. War es auch nicht - aber wie so oft in Jobs, die den unmittelbaren Kontakt mit Gästen erfordern, können dich einige Menschen bis an den Rande des Wahnsinns treiben. "Ruhe bewahren und freundlich lächeln", bete ich mein inneres Mantra herunter, das ich mir schon aus Zeiten als Aushilfskellnerin in mein Gedächtnis gebrannt habe. Der Satz, den ich wohl gefühlte 20 Mal in etwa 30 Minuten beim Kartenabreißen höre, lautet: "Jetzt haben Sie das Ticket kaputt gemacht." Das war schon beim ersten Mal nicht lustig. Nett lächeln und viel Spaß wünschen.

Nächster Halt: Die Bar - dort bin ich in meinem Element. In Studienzeiten habe ich mehrere Jahre gekellnert. Bierzapfen kann ich also. Nichts desto trotz bin ich froh, keinen Abend mit 3000 Besuchern abzugreifen, denn dann wäre der Bardienst sicherlich nicht halb so entspannt verlaufen. Kurz nach 21 Uhr wird dann die Leinwand hochgezogen. "Bis zu Windstärke 6 kann die Leinwand aushalten", sagt Daniel Stuß. "Alles was darüber hinaus geht, wäre zu gefährlich." Die Lichter an der Bar werden gedämpft und nun beginnt die heiße Phase. Auch wenn der Film läuft und den Kellnern an der Bar eine kleine Verschnaufpause gegönnt wird, wird hier weitergearbeitet - meine Konzentration geht allerdings kurz flöten, als Tom Hardy alias Max Rockantansky auf der Leinwand mit seiner getunten Karre durch die postapokalyptische Wüstenlandschaft heizt und mein Herz ein klein wenig schneller schlagen lässt. Aber weiter im Programm, ab an den Zapfhahn.

Das Herzstück der Filmnächte ist ein kleines Kämmerchen oberhalb des Lounge-Bereiches. Das ist der Arbeitsbereich von Kinotechniker Lutz Pfüller. In der Vorführkabine, von der man ganz nebenbei gesagt den wohl besten Blick auf die Filmnächte genießen kann, wird alles geregelt, was mit Film, Ton, Licht, dem Sound und der Leinwand zu tun hat. Die kritischste Phase sind die 20 Minuten vor Filmbeginn, denn dort muss Lutz Pfüller die Lautstärkeverhältnisse für jeden einzelnen Werbespot regeln. "Die schlimmsten Panne, die hier passieren könnte wäre, wenn das Leinwandsystem nicht funktioniert", erklärt Pfüller. Einen Stromausfall habe es bei den Filmnächten bisher noch nie gegeben. "Sollte der Fall dennoch eintreten, haben wir ein Notstromaggregat, das soviel Strom liefert, um wenigstens Durchsagen zu machen."

Meine Schicht bei den Filmnächten neigt sich dem Ende zu. Ich sitze bei einem Feierabendbier und gönne mir die letzten Minuten von Mad Max. Und während ich meinen Heimweg antrete, fängt die Arbeit erst richtig an - denn bis in die frühen Morgenstunden haben Arbeiter das Gelände in eine Open-Air-Konzertfläche für die erste Kaisermania 2015 zu verwandeln.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.08.2015

Juliane Weigt

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