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Ein Fetzen Berghain in Dresden - Anfang September hat im Industriegelände die PAULA aufgemacht

Ein Fetzen Berghain in Dresden - Anfang September hat im Industriegelände die PAULA aufgemacht

Der kleine Eingang, eine stinknormale Metalltür, würde niemandem auffallen, wären nicht die tiefen Bässe der Minimal- und Electrobeats zu hören, die aus ihm heraus in die Dresdner Nacht im Industriegelände greifen.

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PAULA-Betreiber Steffen Gläser zeigt stolz seinen neuen Club auf der Meschwitzstraße. Hier soll "mal etwas anders" gefeiert werden - eine Dresdner Partyalternative hat geöffnet.

Quelle: Dietrich Flechtner

Entert man die PAULA auf der Meschwitzstraße 14 unweit der uns allen bekannten und, zugegeben, etwas aus der Mode geratenen Straße E durch eben diese Tür, merkt man gleich: Ich bin hier in keinem Schicki-micki-Jedermanns-Klub. Dunkelrot strahlt das Licht aus den Ecken des schmalen Eingangsbereichs, der Weg ist zunächst zu verwinkelt, um die Tanzfläche erspähen zu können. Symbole, deren Bedeutung oder Unbedeutung sich nicht gleich begreifen lässt und die deswegen besonders mystisch wirken, prangen von den Seitenwänden, während man von der Menge ins Innere des Klubs geschoben wird.

Und schon ist man auf der Tanzfläche. Klein aber fein passte selten so gut. Eine barbusige Frau aus weißem PVC sitzt über der Bar, Buntes schimmert in der düster-roten Atmosphäre schelmisch-trashy von oben, rechts und links. Auf 95 Quadratmeter (der ganze Klub passt in eine große 5er WG und misst 150 Quadratmeter) wird "dafür aber richtig gut gefeiert", wie Steffen Gläser sagt. Ihm gehört der Klub seit diesem Jahr, Partys veranstaltet er darin allerdings schon länger.

Begonnen hat der gebürtige Bautzner als Lokführer mit Anfang zwanzig. Was hat das mit Musik zu tun, wird sich manch einer fragen. Zu Recht - nämlich gar nichts. "Für viele war es ein Traum, Lokführer zu werden; ich war Lokführer und mein Traum war, das hier zu machen", erzählt Gläser mit Grinsen im Gesicht. Mit "das hier" meint er Feste organisieren, Partys feiern, und das nach seinem Geschmack. Und ganz offenbar nach dem Geschmack vieler, denn Gläsers Feten wurden schnell bekannt. Fünf Jahre lang war er neben seinem Job als Lokführer auch als Organisator und Eventmanager in München tätig und knüpfte wichtige Kontakte, ehe es ihn 1995 nach Dresden zog. Hier betrieb er zunächst das Base im Panzerhof - und holte gleich echte Größen der Techno- und Trance-Szene zum ersten Mal nach Elbflorenz: Paul van Dyk, Richie Hawtin, Laurent Garnier et cetera legten hier auf und begeisterten das Publikum. Spätestens dann hatte der früher unter dem Pseudonym D-Vital bekannte Bautzner einen Namen in der Partyszene der Landeshauptstadt, und das Base war "der Topladen Dresdens", ist sich Gläser sicher. Ab 2001 betrieb er vier Jahre lang den Blauen Salon, veranstaltete die Partyreihen Boundless und Erdbeerdisco. Steffen Gläser: "In dieser Zeit habe ich Sven Väth hierher geholt; vor allem deswegen bin ich vielen in Dresdens Partygemeinde ein Begriff. Doch Blauer Salon und Co. wurden mir irgendwann zu massenhaft, zu mainstream." Deswegen mietete er 2004 gemeinsam mit seinem damaligen Kumpel Mario Hofmann den Klub an der Meschwitzstraße. "Das ehemalige Whatever bedeutete für mich gewissermaßen 'back to the roots' - es war genauso ein kleiner, dunkler, schmutziger Laden wie das Base."

2007 schließlich gab es ein Zerwürfnis zwischen Hofmann und Gläser, der ehemalige D-Vital stieg aus. "Von diesem Moment an ist es nicht mehr so gelaufen im Whatever, 2009 war ein halbes Jahr komplett tote Hose." 2010 konnte Gläser dem Charme des alten Industriegebäudes nicht weiter widerstehen und startete eine Partyreihe namens, ach, schau her: Paula in dem verwaisten Klub.

"Mit dieser Veranstaltung sollte eine bestimmte Gruppe angesprochen werden - wir wollten kein Laufpublikum, sondern die Leute, die wegen den DJs und aus Liebhaberei zur Musik hierherkommen."

In diesem Jahr hat Steffen Gläser die Anrechte auf die Location nun vollständig erworben, jetzt vermietet er sie selbst - und benannte sie nach der Partyreihe. Nur einmal im Monat veranstaltet er seine eigene Party in der PAULA, die er für weitere zweieinhalb Jahre gemietet hat. "Und dann soll es richtig abgehen, die zweieinhalb Jahre wollen wir die Bude noch mal richtig abrocken hier", freut sich der Clubbesitzer schon mal vor, und stellt klar: "Leute, die zu meinen Veranstaltungen in die PAULA kommen, können davon ausgehen, dass es so bleibt wie bei der Paula-Partyreihe - feiner Minimal, Electro und ein bisschen House."

Am ersten Wochenende dieses Septembers wurde die PAULA dann ohne großes Tuten und Blasen, aber mit feiner Musik des Residents Boris aus dem Berliner Kultklub Berghain eingeweiht. Wird die Paula vermietet, wird diese klare musikalische Spur schnell verlassen, wie Gläser sagt. "Mir ist es eigentlich ganz Recht, wenn hier an den anderen Wochenenden etwas ganz anderes stattfindet - wir wollen uns schon abgrenzen."

Gläsers nächste PAULA-Originalparty findet am 6. Oktober ab 22 Uhr statt. Dann können Liebhaber im 300-Mann(-und Frau)-Club PAULA zu feinem Deep Minimal von den Tables von David Mayer, Rezmik und dem "Keinemusik-Label" abtanzen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.09.2012

Göran Kügler

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