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Ein Dresdner Original wird 75: Drehorgelmann Jochen Schalk-Gravenreuth ist auf Oldtimer umgestiegen

Ein Dresdner Original wird 75: Drehorgelmann Jochen Schalk-Gravenreuth ist auf Oldtimer umgestiegen

Der "Barockengel" bringt Menschen zum Lächeln. Ein Engel auf vier Rädern, der ganz langsam durch die City rollt und wenn er stehenbleibt, die Kameras klicken lässt.

Der schöne Weiße mit den blauen Ledersitzen ist ein BMW V8, Baujahr 1956 und noch sehr verkehrstüchtig. Nimmt man in ihm Platz, färbt das Renommee gleich auf die Beifahrerin ab. Und natürlich auf den Mann am Steuer. Er findet, sein "Barockengel" habe ein erotisches Design. "Ich sehe eine Nixe liegen oder die junge Bardot", meint Jochen Schalk.

Doch nur von der Begeisterung kann er sein Leben nicht bestreiten. Das hat etliche Brüche, Auf- und Abschwünge für ihn bereitgehalten und tut es noch immer. Heute wird der Mann, der vor allem an der Drehorgel zu einer Dresdner Berühmtheit geworden ist und zwischen Kempinski Taschenbergpalais, Hofkirche und Semperoper als Original galt, 75 Jahre alt. Am 13. Juli 2012 - das weiß er noch sehr genau - hat er die Kurbel seiner "Katharina" endgültig aus der Hand gelegt. Die "Dame" teilt jetzt auf Ruheposition sein Schlafzimmer.

Seit diesem letzten Ton hat sich einiges geändert. Zuerst der Name: Jochen Schalk ist jetzt offiziell auch Freiherr von Gravenreuth. Er hat den Namen seiner zweiten Frau Silvia Freifrau von Gravenreuth angenommen. Eigentlich sind sie ja schon seit 1991 verheiratet und pflegen seit Jahren, getrennt lebend, freundschaftliche Kontakte. Der adelige Name aber kam für Jochen Schalk-Gravenreuth (so seine bevorzugte Variante) erst vor zwei Jahren ins Spiel.

Damals gab es den endgültigen Bruch mit seiner eigenen Familie. Nach dem Tod des Vaters war es zwischen der Stiefmutter und drei Geschwistern zu Erbstreitigkeiten gekommen, die bis in die Gegenwart reichen. Ursprünglich sollte Jochen, der Jüngste, den Familien-Bauernhof in Nordrhein-Westfalen bewirtschaften. Er war als ausgebildeter Agraringenieur auch 25 Jahre in der Landwirtschaft tätig, konnte den überschuldeten Hof aber nicht retten und suchte sich als Antiquitätenhändler und schließlich als Straßenmusiker neue Perspektiven. Als "schwarzes Schaf der Familie", so Schalk-Gravenreuth, bekam er ordentlich Ärger zu spüren. Mit dem Verkauf des Hofes wurde ihm schließlich sein Erbteil ausgezahlt. "Eine 550-jährige Tradition war damit weg", bedauert der Ex-Drehorgelmann.

Mit dem Geld (dringend benötigt, denn die guten Drehorgel-Zeiten waren inzwischen vorüber) half er unter anderem auch Bedürftigen und er kaufte gepflegte Oldtimer. "Zuerst den ,Barockengel' nur für mich", erzählt der Jubilar. "Dann habe ich an einen Chauffeur-Dienst gedacht und es kam der ,Adenauer', ein Mercedes 300, Baujahr 1961 hinzu und danach wurde ich gierig", lacht er. Wieder begann eine neue Phase. Es folgten der Kauf der "Staatskarosse", eines stolzen Mercedes 600 von 1966 und des rundlichen Fiat-Topolino von 1953. Letzterer hat inzwischen neue Besitzer. Die anderen Fahrzeuge stehen seit vergangenem Jahr allen Interessierten für besondere Anlässe zur Verfügung. Der Dresdner "Oldtimer-Salon" bietet die Nobel-Limousinen zum Selberfahren mit Chauffeur an. Übrigens haben sie sich auch schon bei Rallyes bewährt.

Die Garde der Promis, die sich einst an einem georgelten Ständchen erfreute, hat zwar noch nicht im Oldtimer Platz genommen mit Ausnahme des Ehepaars Biedenkopf, das sich zum Opernball chauffieren ließ. Aber Hochzeitspaare und andere Glückliche lieben die Oldies schon. Der Mann mit Baskenmütze, Schal und Weste könnte sich zudem am Lächeln der Leute freuen, wenn da nicht die Sorge um die Gesundheit wäre. Bypass-Operationen hat er glücklich überstanden, nun kämpft er gegen den Lungenkrebs. Jochen Schalk-Gravenreuth spricht offen über seine Krankheit, um sich selbst zu motivieren. Jede Information, jeden kleinen Fortschritt nimmt er dankbar an und sucht nach alternativen Heilmethoden. Der 75. Geburtstag soll im Sommer richtig gefeiert werden, wenn das Wetter schöner ist und es ihm besser geht.

www.oldtimer-salon.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.01.2015

Genia Bleier

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