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Dresdner Unternehmer befriedigt seine Landlust und saniert alten Bauernhof in der Lausitz

Dresdner Unternehmer befriedigt seine Landlust und saniert alten Bauernhof in der Lausitz

Aus einem Bauernhof mit zwei Ortsschildern wird durch eine Internet-Auktion Liebon, das Ebay-Dorf. Ein Unternehmer hat den Ort in der Oberlausitz gekauft, um gemeinsam mit anderen nachhaltig und energieautark zu leben.

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Andreas Reitmann am Ortseingang seines Dorfes Liebon, das nur ein Bauernhof ist.

Quelle: Andreas Friedrich

Das mediale Etikett kommt ihm dabei gelegen.

Herr Reitmann kauft ein Dorf. Ein Notar hat's besiegelt. Wie jetzt? Ein einziger Mann kauft ein ganzes Dorf? Das kann doch nur so einer sein von der Sorte: "Hier Schatz, sieh mal: Mein Ferrari! Meine Yacht! Meine Insel! Mein Dorf!" Und sie schmilzt dahin. Nein, es war anders, als der Dresdner Unternehmer Andreas Reitmann und seine Partnerin zur Besichtigung in die Oberlausitz nach Liebon fuhren. Sie schmolz nicht dahin. Sie war ganz still. Ziemlich lange sogar. Denn was sie sah, als sie auf die Häuser zufuhren, war vor allem alt und kaputt. Und ein Dorf ist es auch nicht. Es gibt Wohnhaus, Scheune, Stallgebäude, Garagen, Brunnen, Teich und zwei Kruzifixe. Wie viele Häuser muss eigentlich ein Dorf haben, damit es sich Dorf nennen kann? Reitmann grinst. "Vor dem Hof steht ein Ortseingangsschild und hinter dem Hof ein Ortsausgangsschild. Deshalb gilt Liebon wohl als Dorf." 1332 wurde es erstmals erwähnt. Es war sogar mal eigenständig. Heute gehört es zur Gemeinde Göda.

Andreas Reitmann hat sich das mit dem Dorf nicht ausgedacht. Die vorherige Besitzerfamilie musste sich davon trennen. Sie bot ihr Eigentum bei Ebay an. Jemand wunderte sich, dass man beim Internetauktionshaus nicht nur getragene Schuhe und geklaute Fernseher, sondern einen ganzen Ort ersteigern kann. Eine Zeitung schrieb darüber. Liebon hatte seinen Titel weg: Das Ebay-Dorf. Bei der Auktion fand sich zwar kein Käufer. Doch dann vertrieb ein Versteigerungshaus das Anwesen bei Bautzen. Vier Interessenten schickten Angebote, besserten nach, überboten sich. Drei stiegen aus. Reitmann blieb. Für 62000 Euro wurde er Eigentümer von Liebon. Er ist nun weniger Dorfvorsteher als Hofherr. Doch das ist ihm egal. Und seiner Partnerin auch.

Das Etikett "Dorf" beschert ihm nun großes Interesse. Das kann er gut gebrauchen. "Wir wollen mit dem Hof kein Geschäft machen. Wir wollen hier leben", sagt der 46-Jährige. Er kommt nicht daher wie ein typischer Investor. Reitmann trägt derbe Stiefel, Jeans, Lederjacke, Sonnenbrille, einen Knopf im Ohr und Metallschmuck an den Fingern. "Ich bin Harley-Fahrer", sagt er. Am liebsten würde er mit seinem Maschinchen direkt in sein Loft fahren. Mann wird ja noch mal träumen dürfen. "Dort hinten", sagt er und zeigt mit langem Arm auf eine Seite des über hundert Jahre alten Südbaus. Dort will er einziehen. In Wohnhaus, Scheune und Ställe lässt er Wohnungen und Lofts bauen. Auf 2000 Quadratmetern. Der Charme des Alten soll erhalten bleiben. Ein Architekt will die modernen Räume in die alten Granitwände hineinsetzen. "Haus in Haus" nennt sich das Prinzip.

Weil Reitmann sein Geld mit Photovoltaik-Projekten verdient, soll die Energie auf seinem Hof eine besondere Rolle spielen. Er meint erneuerbare Energie. Hausdächer und -wände werden mit besonderen Solarmodulen Strom erzeugen. Einen Netzanschluss braucht er nur zur Abgabe des zu viel erzeugten Stroms. Die Wärme wird aus der Erde kommen, das Brauchwasser aus dem Brunnen. Reitmann sucht schon Mitbewohner. Die können gerne auch Miteigentümer werden. Er ist schließlich nicht der Mann mit dem Scheckbuch. Mindestens zwei Millionen Euro wird das Projekt kosten.

Bis zu 50 Menschen kann der Hof fassen. So war es auch vor zweihundert Jahren. "Ich träume schon länger von nachhaltigem Leben in einer größeren Gemeinschaft", sagt er. Kein Selbstversorgerhof. Aber einer, der eigenes Obst anbaut und Kleintiere hält. Für Reitmann der Inbegriff der Idylle.

Es geht in der Geschichte weniger um die Versteigerung eines ganzen Ortes. Herr Reitmann kaufte kein Dorf. Es ist eine Geschichte der Landlust, die viele Städter raustreibt. Reitmann wohnt mitten im Dresdner Kneipen-Viertel Neustadt. Dort fühlt er sich wohl. Doch er spürt, dass eine andere Zeit kommt. Er will aufs Land, aber er will nicht in einem Kaff vereinsamen. Er gönnt sich den Luxus und organisiert sein Umfeld selbst. Das Leben als Projekt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.04.2013

Andreas Friedrich

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