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Dresdner Modedesign-Studenten werfen sächsische Häftlinge in neue Schale

Dresdner Modedesign-Studenten werfen sächsische Häftlinge in neue Schale

Feinste Stoffe, extravagante Schnitte und die Laufstege dieser Welt: Spätestens seitdem Heidi Klum jedes Jahr im TV fleißig Fotos an schlaksige Nachwuchsmodels in den ach so alltagstauglichen Kleidern verteilt, hat sich das Bild vom glamourösen und exklusivem Modegeschäft tief in die Gehirnrinde der Gesellschaft gebohrt.

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Die Modedesign-Studentinnen Anett Krause, Xenia Sehling und Ariane Königshof (v.l.) haben für die JVA Torgau Häftlingskleidung entworfen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dass Mode aber auch ganz anders sein kann, hatten die Design-Studenten der Fachhochschule Dresden spätestens Anfang Mai verinnerlicht. Die Justizvollzugsanstalt Torgau erteilte den künftigen Modedesignern damals den Auftrag, einen neuen Fummel für die Häftlinge zu entwerfen. Der "Chique" stand dabei an zweiter Stelle. Praktisch, widerstandsfähig und bequem sollte die Kittchen-Klamotte werden. Inzwischen gibt es einen ersten Prototyp. Bald könnten Häftlinge aus ganz Sachsen in den neuen Zwirn aus studentischer Hand schlüpfen.

"Das war mal eine sehr reale Aufgabe, die ganz vielen Menschen etwas nützt", meint Modedesignstudentin Ariane Königshof. Oft schneiderten sie und ihre Kommilitonen sehr exklusive Stücke, die ausschließlich der Präsentation vorbehalten seien. Doch "es ist eben nicht immer alles nur Lagerfeld", bestätigt auch Mitstudentin Anett Krause. Ganz im Gegenteil: Etwa 3 000 junge Kreative machen im Deutschland je- des Jahr ihren Abschluss im Fach Modedesign. Nur ein Bruchteil davon steigt ins Haute-Couture-Geschäft ein. "Es gibt so unglaublich viele Sparten im Modebereich. Das Projekt hat uns das einmal mehr gezeigt", schwärmt Anett Krause.

Von der Idee bis zum fertigen Anzug war es ein langer Weg. Mehrere Monate schwitzten die Dresdner Studenten aus zwei Semestern über ihren Entwürfen, diskutierten über Ideen, bis sie einen Prototyp entwickelt hatten. Denn anders als bei der sexy Abendgarderobe bestimmten hier Arbeitsschutz und Sicherheit die spätere Couture. Reißverschlüsse waren Tabu, da sie zur Waffe umfunktioniert werden könnten. Klettverschlüsse galten als unpraktisch, denn die bergen die Gefahr, dass die Häftlinge irgendwo hängen blieben. Über einen Gürtel nachzudenken, wagten die Nachwuchsdesigner gar nicht - denn der Riemen bietet eine Steilvorlage für einen Selbstmord. Besonders wichtig: Die Kleidung muss kinderleicht nachzunähen sein. Denn damit die Häftlinge sich bald in den neuen Fummel wer- fen können, sollen sie selbst Hand anlegen. "Die JVA-Insassen nähen ihre Arbeitskleidung vor Ort. Die meisten von ihnen sind dabei aber ungelernt. Komplizierte Handgriffe würden sie vielleicht überfordern", weiß Studentin Xenia Sehling.

Das Ergebnis erinnert zunächst ein bisschen an einen Jackie-Chan-Film: Ein schlichter Zweiteiler aus hellem Nesselstoff, Bündchen, Knie- und Brustpartie schwarz abgesetzt. Dem ersten Testhäftling, der Anfang Mai bei der Anprobe in der JVA Torgau in die neue Arbeitsuniform schlüpfen durfte, überzeugte das Stöffchen. "Mir gefällt's. Es muss ordentlich passen", sagte der 47-Jährige damals. Dass Häftlinge in Designer-Kleider gehüllt werden, ist übrigens eine Premiere. Noch im 19. Jahrhundert steckten die Amerikaner ihre Gefangenen in quer gestreifte Anzüge, damit sie bei einer Flucht leicht zuerkennen waren. Heute sind die Streifen obsolet. In Sachsen tragen die Häftlinge ihre Privatkleidung, nur bei der Arbeit heißt es rein in den blauen Overall.

Wann die Gefangenen sich schließlich in ihre neue, eigens für sie designte Schale werfen dürfen, ist noch nicht klar. Im Herbst wird der endgültige Entwurf dem Justizministerium präsentiert. Noch stehen Entscheidungen über Farbe und Material an. "Seide wird es wohl nicht werden", erklärt Olaf Stolze, der Beauftragte für Qualitätsmanagement der JVA-Torgau. Das nächste Arbeits-Couture-Projekt haben die Dresdner Designer in spe übrigens bereits auf dem Schirm. Die Dresdner Verkehrsbetriebe benötigen ein neues Gewand für ihre Mitarbeiter.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.06.2014

Susann Schädlich

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