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Dresdner Lebensläufe: Helga Wachs brachte den Wettinern einst die Brötchen

Dresdner Lebensläufe: Helga Wachs brachte den Wettinern einst die Brötchen

Den Knicks kann Helga Wachs heute noch. Und auch die Adelstitel beherrscht die 89-Jährige perfekt. Friedrich Christian, Prinz von Sachsen, Sohn des letzten Königs, ist für sie der "Markgraf" oder "Königliche Hoheit" und auf jeden Fall jemand, den man in der dritten Person ansprach.

Von Katrin Richter

Ihn und seine Familie hat Helga Wachs als junges Mädchen kennengelernt. Immerhin hat sie vorm und während des Krieges die Brötchen per Fahrrad ins königliche Schloss Wachwitz bugsiert. Es waren Kaiserbrötchen - was sonst. Und bei Walther von Brauchitsch, im Krieg Oberbefehlshaber des Heeres, war sie zum Kaffee eingeladen, als der sich 1941 im Sanatorium Weidner in Oberloschwitz erholte. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...

Helga Tanner, so ihr Mädchenname, wird im April 1924 in Dresden geboren. Der erste Mann der Mutter fällt im Ersten Weltkrieg. 1919 heiratet sie ein zweites Mal. Aus dieser Ehe gehen Helga und ihre Schwester Christa hervor. Und Elfriede ist aus der ersten Ehe.

Die drei Mädchen entstammen ei- ner alteingesessenen Bäckersfamilie. "Schon mein Großvater belieferte König Friedrich August III", berichtet Helga Wachs mit einigem Stolz. Er sei ein stattlicher Mann gewesen. "Ich weiß noch", erzählt die rüstige Rentnerin, "dass er manchmal seinen silbernen Stock nahm, den braunen Velourshut aufsetzte, mit uns spazieren ging und jedes Mal fragte: Bin ich nicht ein schöner Großvater?"

Helgas Eltern haben zunächst an der Eilenburger Straße eine Bäckerei, eröffnen 1928 die Bäckerei und Konditorei William Tanner an der Oppelstraße 31 (heute Rudolf-Leonhard-Straße) im Hechtviertel und beliefern die Kasernen dort. 1934 ziehen die Tanners nach Loschwitz an die Grundstraße 22 und führen die dortige Bäckerei weiter. Und ab 1937 beliefert Helga den Markgrafen Friedrich Christian - jeden Tag. Wie ihre beiden Schwestern arbeitet auch sie im elterlichen Geschäft mit.

Bei Wind und Wetter fährt sie mit dem Fahrrad von der Grundstraße zu des Königs Weinberg, wo sich die ehemalige königliche Sommerresidenz befand. Links und rechts am Lenker hat sie die Beutel mit Kaiserbrötchen und Kastenweißbrot hängen. Die Calberlastraße hinauf muss sie schieben. Und im Winter hat sie oft klamme Finger. Des Königs Weinberg ist schon damals eine begehrte Wohngegend. "Ich erinnere mich noch an die Pferdeställe, die zu Wohnungen ausgebaut waren", sagt Helga Wachs. Sie verfügten schon über Bäder - eine Seltenheit damals.

Einmal darf das junge Mädchen einen Blick in die königlichen Gemächer im Schloss Wachwitz werfen. Der Markgraf, ein fröhlicher Mensch sei er gewesen, führt die Überraschte eines schönen Tages mit den Worten: "Sag mal, Helga, kennst du eigentlich schon unser Schloss?" durch sämtliche Räume inklusive des Schlafzimmers. In der Mitte des Anwesens befindet sich der rote Salon. Das Parkett, das nach Helgas Erinnerungen aus zwölf verschiedenen Hölzern besteht und wie ein Teppich wirkt, stammt aus Schloss Sybillenort in Schlesien, in dem Friedrich August III. nach seinem Thronverzicht gewohnt hatte. "Und außer dem roten Salon gab es auch einen grünen und, wenn ich mich nicht irre, einen gelben Salon", fügt sie hinzu. Besser als die Salons lernt Bäckerstochter Helga die Küche im Haus Wachwitz kennen. Dort liefert sie die Brötchen ab. "In der Mitte gab es einen runden Pilz, einen Herd mit zwölf Kochstellen", erinnert sie sich. Und auch über einen Aufzug verfügt das Haus bereits.

Die Tanners sind mehr als nur die Brötchenlieferanten der königlichen Nachfahren: "Zur Silberhochzeit meiner Eltern 1944 haben der Markgraf, seine Frau und ihre beiden Töchter Maria Anna und Maria Josepha bei uns an der Grundstraße Kaffee getrunken", erinnert sich die Seniorin. Der jetzt verstorbene Albert als viertes Kind hingegen sei nicht in Dresden, wie immer behauptet werde, sondern in Bregenz im österreichischen Vorarlberg aufgewachsen und von einer katholischen Kinderschwester erzogen worden. Er und die jüngste Schwester Mathilde kommen nur zu Festlichkeiten nach Dresden.

Eine Begebenheit wird Helga Wachs mit Sicherheit nie vergessen: Im März 1945, in der schweren schlechten Zeit nach dem Bombenangriff, stehen die Leute nach Brot an, bilden lange Schlangen auch bei den Tanners vor der Bäckerei. "Es klingelt und am Gartentor stehen der Markgraf und der Prinz zur Lippe", berichtet Helga Wachs. "Kinder, wir haben solchen Hunger und gar nichts zu essen", habe Friedrich Christian gesagt. "Königliche Hoheit, es ist nicht möglich, mit einem Brot an den Wartenden vorbeizugehen", habe die Mutter entgegnet. Und Helga Wachs sieht die beiden Männer noch im Wohnzimmer, wie sie den Gürtel öffnen, jeder ein eingepacktes halbes Brot verstauen und sich wieder davonmachen. Dieses Brot sei eigentlich für die Tanners selbst gewesen. Überhaupt gibt die Mutter jedem gleich viel Brot, auch den Flüchtlingen, die keine Marke vorweisen können. Im März 1945 verlassen der Markgraf und seine Familie Dresden für immer.

An eine ganz andere Begegnung entsinnt sich die betagte Seniorin eher mit gemischten Gefühlen: 1941 wird sie von Walther von Brauchitsch, Generalfeldmarschall und in der Nazizeit von 1938 bis 1941 Oberbefehlshaber des Heeres, zum Kaffee eingeladen. Wie es der Zufall will, weilt von Brauchitsch nebst Ehefrau zur Kur in Weidners Sanatorium in Oberloschwitz. Sein Leibchauffeur hingegen wird im Gesellenzimmer der Tanners einquartiert, denn die Bäckergesellen sind alle an der Front. Anfangs wissen die Bäckersleute nicht, mit wem sie es zu tun haben. Doch eines Tages soll Helga Eierschecke ins Sanatorium liefern. "Ich weiß noch, dass ich meine Visitenkarte auf einem Silbertablett abgeben musste und dass von Brauchitschs Frau eine rote Weste an hatte und er selbst Kamelhaar-Filzschühchen trug."

Dann ist der Krieg vorbei. 1947 heiratet die junge Frau Rudi Wachs. Ihr Mann schlägt als Tischler etwas aus der Art, der Schwiegervater jedoch ist - wie kann es anders sein - Bäckermeister. Die Tatsache veranlasst den Standesbeamten dazu, Helga nach der Trauung zu fragen: "So viele Bäcker in der Familie, habt ihr denn nicht mal 'ne Brotmarke für mich?" Helga hat. Für 1000 Gramm Brot.

Drei Kinder bekommen die jungen Wachsens: Gottfried wird 1949 geboren, 1953 die Zwillinge Franziska und Gabriele. Acht Enkel hat die betagte Dame und zehn Urenkel. "Und das elfte kommt im April", verrät sie. Ihr ältester Enkel heißt im Übrigen Emanuel - nach Maria Emanuel, dem im Juli verstorbenen ältesten Sohn Friedrich Christians, mit dem Helga Wachs ihr ganzes Leben lang Kontakt hatte. "Emanuel und ich, wir haben oft stundenlang miteinander telefoniert."

Auch Schicksalsschläge muss Helga Wachs verkraften im Laufe ihres Lebens: Tochter Gabriele kommt 1992 bei einem Autounfall ums Leben. Mit einem Chirurgen aus Kenia war sie verheiratet, hinterlässt vier Kinder. Eines davon, Helgas Enkeltochter Peggy, heiratet nach Amerika und unterrichtet in Detroit Spanisch, Englisch und Deutsch am Gymnasium. Auch Ehemann Steve ist dort Kunsterzieher. Und just diese Schule beehrt US-Präsident Barack Obama mit seinem Besuch, so dass ein Foto von Peggy mit Obama auf Helga Wachsens Bücherregal steht.

Doch zurück in die Nachkriegszeit: Die alte Bäckerei an der Grundstraße existiert noch bis 1947, wird dann verpachtet. Ehemann Rudi arbeitet in der Waldschlößchenbrauerei als Tischler, Helga zieht die drei Kinder groß. 1970 dann übernehmen die Wachsens das Haus an der Grundstraße, bauen daran bis 1980. Dann entscheiden sie sich, einen Ausreiseantrag zu stellen. "Wir wollten in die Nähe unserer Tochter Gabi ziehen, die damals mit den vier Kindern in Baden-Württemberg lebte", begründet Helga Wachs die schwere Entscheidung. Anderthalb Jahre dauert es, bis der Antrag genehmigt wird. Während ihr Mann bereits Rentner ist und damit problemlos übersiedeln kann, ist sie selbst erst 56 Jahre. "Ich wurde jeden Monat einmal ins Blasewitzer Rathaus, Abteilung Inneres, bestellt", weiß sie noch. Dann kommt der Tag der Ausreise: "Am Montag um 11 Uhr bekamen wir die Papiere, bis 24 Uhr mussten wir Dresden verlassen haben", erinnert sich die Seniorin. Zunächst übersiedeln sie nach Baden-Württemberg zur Tochter. 1985 ziehen Helga und Rudi Wachs ein weiteres Mal um - nach Bayern, genauer gesagt nach Hof. Helga arbeitet dort noch fünf Jahre ehrenamtlich in der Bahnhofsmission, kümmert sich um Ausreisewillige, die mit dem Zug aus Dresden kommen. Und manchmal nimmt sie auch Leute mit zu sich nach Hause.

Den Kontakt zu den Wettinern lässt Helga Wachs auch in Hof nicht abreißen. Sie bäckt Stollen und schickt ihn an Emanuel in die Schweiz. Zur Verleihung des St. Heinrichs-Ordens, des sächsisch-wettinischen Ritterordens, werden die Wachsens regelmäßig nach Bamberg eingeladen. Zu Anastasia, Emanuels Witwe, hat Helga noch heute Kontakt. Wenn sie ein Buch niemals weggeben würde, dann das "Schicksalsbuch des sächsischen und thüringischen Adels". Eine Empfehlung von Emanuel. "Hochinteressant", findet sie.

Im Dezember 1996 wechseln Helga und Rudi Wachs ein letztes Mal den Wohnort. Sie kehren zurück in die Heimat, in die Nähe der verbliebenen beiden Kinder. Vier Jahre später stirbt Rudi. Seitdem lebt Helga Wachs allein in ihrer Wohnung in Blasewitz. "Ich bin glücklich, mir fehlt es an nichts", sagt sie. Die Leute würden immer nur jammern, statt zufrieden zu sein mit dem, was sie haben. Ihr Vorbild ist "unser Herrgott, der mich so gesund erhält".

Mozart liebt sie sehr und auch die Volksmusik. Letztere Vorliebe hat mit ihrer Jugendzeit zu tun. Zweimal ist sie in Tirol gewesen - 1942 und 1943, jeweils im Frühling. "Und wenn jetzt Hansi Hinterseer im Fernsehen singt mit den Alpen im Hintergrund, komme ich unweigerlich ins Schwärmen." Am lebendigsten fühlt sie sich abends. "Da bin ich mobil."

Genuss ist für sie, wenn sie sich einen schönen Kaffee machen kann. "Als ich letztes Jahr drei Wochen bei einer Freundin in München war, habe ich mir eine ganz hübsche kleine Kaffeemaschine mitgebracht", erzählt sie. Und heute hat sie für die Männer, die den Hausflur reinigen und den Garten säubern, einen Topf mit Kaffee gemacht - mit Zucker und Sahne, wie sich das gehört. "Und die haben sich gefreut."

1893 : Prinz Friedrich Christian von Sachsen geboren; er ist der Sohn von Friedrich August III. König von Sachsen (1865-1932) und Luise von Toscana (1870-1947); seine Geschwister sind Georg, Kronprinz von Sachsen, Ernst Heinrich, Margarethe, Maria Alix und Anna Monica Pia

1923 : Vermählung des Prinzen Friedrich Christian von Sachsen mit Prinzessin Elisabeth Helene von Thurn und Taxis

1926 : Sohn Prinz Maria Emanuel geboren

1928 : Tochter Maria Josepha geboren

1929 : Tochter Maria Anna geboren

1932 : König Friedrich August III. gestorben; danach nahm Prinz Friedrich Christian den alten wettinischen Titel Markgraf von Meißen an

1934 : Sohn Albert geboren

1935/36 : Schloss Wachwitz erbaut

1936 : Tochter Mathilde geboren

1943 : Kronprinz / Pater Georg (ältester Bruder Friedrich Christians) im Großglienicker See ertrunken

1944 : Maria Emanuel in Wachwitz von der Gestapo festgenommen

1945 : Flucht des Markgrafenpaares mit den beiden ältesten Töchtern von Dresden nach Regensburg, dann nach Bregenz; Schloss Wachwitz wurde von der sowjetischen Besatzungsmacht genutzt, 1947 an die Landesverwaltung Sachsen übergeben und hatte bis in die 1990er Jahre hinein mehrere Nutzer

1968 : Markgraf Friedrich Christian in Graubünden gestorben

2012 : Emanuel und Albert gestorben

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in Ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstraße 21, 01097 Dresden, z.Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.11.2012

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