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Dresdner Lebensläufe: Ernst Ulich ist Pädagoge, Ehrenhäuptling und Tierschützer

Dresdner Lebensläufe: Ernst Ulich ist Pädagoge, Ehrenhäuptling und Tierschützer

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit.

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit. Heute geht es um Ernst Ulich. Der 90-Jährige hat ein paar Mal unerhörtes Glück gehabt im Leben. Im Krieg zum Beispiel. Da ist er nicht an die Ostfront gekommen wie so viele Soldaten, die nicht wiedergekehrt sind, sondern nach Frankreich. Und er ist nicht in russische Gefangenschaft geraten, sondern in amerikanische. Und mit dem größten Passagierschiff "Queen Mary Nr. 1" in die USA geschippert. Nach dem Krieg hat er als Neulehrer in Hellerau eine Klasse mit 46 Mädchen unterrichtet, ist später nach Westberlin übergesiedelt, war zwölf Jahre Lehrer an Deutschen Schulen in Äthiopien und im Iran, ist vehementer Tierschützer.

Von Katrin Richter

Geboren wird Ernst Ulich am 16. September 1922 in Strehlen an der Doro-theenstraße 2. 1928 im Frühjahr, er ist inzwischen fünf Jahre alt, beziehen die Eltern in Hellerau eines der von den Deutschen Werkstätten errichteten Holzhäuser. Es steht an der Straße Auf dem Sand. Von 1929 bis 33 besucht der Junge die damals sehr bekannte, neben dem Festspielhaus gelegene weltliche Reformschule. Ernst hat zwei Geschwister. Seine fast drei Jahre ältere Schwester Franziska bewohnt ihr Leben lang eben jenes Holzhaus, in dem Ernst groß geworden ist. Der sechs Jahre jüngere Bruder Hermann lebt in Berlin. Der Vater der drei Geschwister, genannt "Atta", ist Jurist, Ministerialrat am Justizministerium und seit jeher SPD-Mitglied. 1933 fliegt er wegen "politischer Unzuverlässigkeit", ist arbeitslos bis 1945. Nach dem Krieg wird er Ministerialdirektor bei der Landesregierung Sachsen, bis er 1952 in den Ruhestand geht. Die Mutter kümmert sich derweil um die Kinder. "Unsere Muttel hat uns großgezogen und sich damit auch selbst verwirklicht", betont Ernst Ulich.

Nach der Grundschule kommt Ernst aufs Staatsgymnasium an der Holzhofgasse - ein humanistisches und zugleich konservatives Gymnasium, das Gebäude gibt es heute nicht mehr. 1941 macht er das Abi. Dann wird der junge Ernst gemustert. "Ich war lang, aber ein bisschen schwächlich und wurde deshalb zunächst zurückgestellt vom Wehrdienst", berichtet der Senior. Also beginnt er, an der Technischen Hochschule Bauingenieurwesen zu studieren. Nach anderthalb Semestern ist Schluss. Als es im Dezember 1941 kritisch wird an der Ostfront, mustert man ihn als wehrtauglich und zieht ihn im Januar 1942 ein. Ernst kommt zur leichten Flak nach Wien und wird nach drei Monaten Ausbildung mit seiner Batterie nach Frankreich geschickt - ein Riesenglück. Knapp zwei Jahre bis Frühjahr 1944 dient er an der Kanalküste bei Cherbourg in der Normandie.

Dann kommt die Invasion. Die Amerikaner und Engländer landen an der Küste, besetzen nach und nach Frankreich und Ernst mittendrin. Der junge Deutsche wird gefangen genommen. Und wieder hat er großes Glück, denn er gerät in amerikanische Gefangenschaft, wird zunächst nach Schottland transportiert und dann im Juli 1944 mit dem Schiff nach Amerika. "Ich bin mit der ,Queen Mary Nr. 1' gefahren. Das war der luxuriöseste Dampfer, den es damals gab", erklärt Ulich. Die "Queen Mary Nr. 1" und ihr Schwesterschiff "Queen Elizabeth" sind die beiden größten Passagierschiffe. Sie werden für Truppentransporte eingesetzt. Hinzu nach Europa nehmen die Amerikaner ihre Truppen mit. Und auf dem Rückweg in die USA befördern sie ihre Kriegsgefangenen. "Ich war in North Carolina, arbeitete acht Stunden pro Tag mal in der Tabakfabrik, mal in der Erdnussernte oder im Steinbruch und bekam am Tag einen US-Dollar" erzählt der alte Herr. Ein Dollar entspricht damals umgerechnet vier Mark. Das ist nicht wenig. "Wir hatten eine Kantine, konnten uns Zigaretten, Zeitungen und Kuchen kaufen und über den Versandkatalog Schallplatten bestellen", berichtet der Senior. Es sei sogar noch Geld übriggeblieben. Als Ernst Ulich entlassen wird, bekommt er einen Scheck mit, den er einlösen kann.

Trotzdem gibt es Gefangene, die sich das Leben nehmen, weil sie Heimweh haben. "Ich war ein ganz anderer Typ, ich hatte kein Heimweh, wir konnten ja Briefe schreiben übers Rote Kreuz, und ich hatte einen Onkel in Amerika, der war Professor an der Harvard-Universität und hat mich einmal sogar besucht", erinnert sich Ernst Ulich.

1946 wird der junge Mann mit einem kleinen Frachtschiff - "diesmal hatten sie nicht die ,Queen Mary' für mich ausgesucht, muss ich mit Empörung feststellen" - bis nach Le Havre in Frankreich transportiert, weiter mit dem Zug nach Marburg und von dort über Leipzig in die Heimat. Als er ankommt im April 1946, liegt Dresden in Schutt und Asche, die Familie aber hat den Krieg unbeschadet überstanden.

Fast fünf Jahre hat Ernst Ulich durch den Krieg verloren. 22 ist er nun und will weiter studieren. Meldet sich an der Technischen Hochschule wieder an fürs zweite Semester. Nein, sagt der russische Offizier, geht nicht, man fange ganz von unten an mit dem ersten Semester. Also macht der verhinderte Student erst mal ein Praktikum. Und baut die Albertbrücke wieder mit auf.

Dann trifft der junge Ernst einen ehemaligen Lehrer aus seiner alten Hellerauer Volksschule. Werde doch Neulehrer, sagt der zu ihm. So kommt es, dass Ernst Ulich im Januar 1947 an der Mittelschule in Klotzsche als Lehrer anfängt. Er wird in eine 5. Klasse mit 46 Mädchen gesteckt und unterrichtet sämtliche Fächer, ohne je einen Kurs besucht zu haben. Eine Kollegin übernimmt die Parallelklasse mit ebenso vielen Jungs. Es ist ein sehr kalter Winter damals. Und es sind "Kohleferien", weil die Schule nicht geheizt werden kann. Die Kinder kommen jeden Tag nur kurz in die Schule, geben die daheim gelösten Hausaufgaben ab und nehmen neue in Empfang.

Dann wird es Sommer und Ernst beginnt ein Studium an der Pädagogischen Fakultät der Technischen Hochschule. Er ist zu dieser Zeit in der SED, denn er war wie sein Vater als SPD-Mitglied von der Einheitspartei übernommen worden. "Wir waren nicht im Geringsten Kommunisten, aber ich habe damals gedacht, je mehr von der SPD da drin sind, umso besser", erinnert sich Ernst Ulich. Das habe sich allerdings schnell als Irrtum herausgestellt. "Ich war noch aus Interesse auf der Kreisparteischule, habe allerhand über Marxismus-Leninismus gelernt, und dann bin ich ausgetreten", fährt er fort. Es habe auch keiner gefragt damals.

Und dann macht Ernst Ulich etwas, was das unwiderrufliche Ende seiner Dresdner Zeit einleitet: Er meldet sich an der Humboldt-Universität in Ostberlin an, studiert dort zwei Semester Geografie und Englisch, setzt sich anschließend nach Westberlin ab und studiert an der Pädagogischen Hochschule zu Ende. Dann wird er - unterbrochen von zwei mehrjährigen Aufenthalten im Ausland - für die nächsten 35 Jahre Lehrer in Westberlin. Er zieht nach Dahlem im Bezirk Zehlendorf, unterrichtet zunächst vier Jahre an einer Grundschule, später an der Realschule. Dabei bleibt es.

Die Geschichte seiner Ehe hat eine kleine Vorgeschichte: Im Krieg lernt man ja unter seinen Kameraden viele Leute kennen, die aus allen möglichen Gegenden Deutschlands kommen und die verschiedensten Dialekte sprechen. Mit Dialekten kennt sich Ulich aus. Eine Begebenheit ist ihm, der im Übrigen noch immer ein gepflegtes Sächsisch spricht, im Gedächtnis haften geblieben: "Einmal fragte ich einen Kameraden: Na, wo kommst du denn her, rate doch mal, hat der gesagt. Ich dachte, das klingt ein bisschen schwäbisch und auch ein bisschen bayrisch, kommst du vielleicht aus Augsburg? Da war der baff, woher ich das wüsste, hat er gefragt." Am besten aber hat ihm der Mecklenburger Dialekt gefallen. Wenn ich mal heirate, hat er sich gesagt, dann eine Mecklenburgerin. Und so ist es gekommen. Als Student lernt Ernst in den Sommerferien auf dem Darß die Erika kennen. Eine echte Mecklenburgerin. Sie wird seine Frau, mit ihr hat er drei Mädchen. Elli wird 1954 geboren, ein Jahr später Karin und 1962 dann Heide. Elli wird sich 1981 das Leben nehmen. Karin ist bis heute Tierärztin in Lindau und Heide Lehrerin in Berlin. Und die Ehe mit Erika, sie wird nicht halten.

Doch zunächst gehen die fünf Ulichs 1964 gemeinsam ins Ausland. Die Fremde reizt die Eheleute. Der Vater unterrichtet erst fünf Jahre an einer Deutschen Schule in Addis Abeba in Äthiopien und dann noch einmal sieben Jahre in Teheran im Iran, zuletzt als Leiter der von ihm gegründeten Iranisch-Deutschen Schule. Unterrichtssprache ist Deutsch. An die Deutsche Schule in Äthiopien gehen 800 Schüler, in Teheran sind es doppelt so viele. "Es gab so viele iranisch-deutsche Ehen damals. Die Männer waren Iraner, die Frauen stammten aus Deutschland. Und die Kinder aus diesen Mischehen wurden alle an die Deutsche Schule geschickt", erklärt Ernst Ulich. Deutsche Schulen sind sehr beliebt. Da herrsche wenigstens Ordnung und Disziplin, heißt es allgemein. Die Hälfte der Schüler sind einheimische, der Rest irgendwelche Europäer - Deutsche, Schweizer, Österreicher, ein paar Polen, ein paar Tschechen, ein paar Italiener. Ähnlich ist es auch in Teheran. Deutsche Schulen mit hohem Ausländeranteil sind sogenannte Begegnungsschulen. Im Iran lernt Ernst Helga Salehi kennen, ein Temperamentbündel. "Sie war dort unsere Musiklehrerin, kann Orgel, Klavier, Flöte und Keyboard spielen", berichtet er. 1978 kommen die beiden zurück nach Deutschland. Erika und Ernst Ulich haben sich inzwischen getrennt.

Eigentlich will Ernst Ulich noch einmal im Ausland unterrichten. Kabul in Afghanistan interessiert ihn. "Damals war alles ganz friedlich dort", sagt er. Dass es dazu nicht mehr kommt, bedauert er. Die letzten Jahre arbeitet der Pädagoge wieder in Berlin, lässt sich 1984 mit 62 Jahren pensionieren. "Das war damals möglich, weil es einen Überhang an Lehrern gab."

Bis heute reist Ernst Ulich mit seiner Partnerin jedes Jahr einmal nach Äthiopien. "Wir sind zwar nur Touristen, aber wir kennen das Land inzwischen besser als die Äthiopier selbst", sagt er mit einem Augenzwinkern. Meist ist das Paar beim Stamme der Konso, einem kleinen äthiopischen Volk, zu Gast. Es zählt inzwischen zum Weltkulturerbe. Zu Äthiopien, muss man wissen, gehören 70 unterschiedliche Völkerschaften, die auch alle unterschiedliche Sprachen sprechen. Beim letzten Besuch im Januar verleihen ihm die Konso eine Urkunde - als Ehrenhäuptling gewissermaßen.

Abgesehen davon engagieren sich die beiden für die "German Church School" in Addis Abeba, ein Sozialprojekt der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien. Die Schule, die blinde und sehende Kinder gemeinsam besuchen, ist ausschließlich äthiopischen Kindern der ärmsten Familien aus den Slums vorbehalten. 23 Patenkinder haben Helga Salehi und Ernst Ulich dort inzwischen weiter vermittelt. Sie selbst bezahlen das Schulgeld für drei Kinder.

Außerdem ist Ulich energischer Tierschützer, seit ihn seine große Tochter, die Tierärztin, vor vielen Jahren auf die Massentierhaltung aufmerksam machte. "Ich hab mich da rein verbiestert, vor zehn Jahren extra den Verein ,Tier und Mensch' gegründet und inzwischen Tausende von Heftchen und Flugblättern verteilt", berichtet er.

Wenn das rastlose Paar nicht gerade in Äthiopien unterwegs ist oder Flugblätter verteilt, könnte es sein, dass die beiden auch in Dresden anzutreffen sind. Vier bis fünf Mal im Jahr kommen sie für ein paar Tage her, steigen immer im Hotel Fliegerhorst ab, das unweit vom Hellerauer Festspielhaus liegt.

Immerhin hat Ulichs Schwester ihr ganzes Leben lang bis zu ihrem Tod vor drei Jahren im elterlichen Holzhaus gewohnt. Schon zu DDR-Zeiten besucht Ulich sie regelmäßig in der alten Heimat. "Ich kann mich noch erinnern, dass wir seinerzeit eine Badewanne auf dem Autodach transportiert haben, Maschendraht für den Zaun und sogar einen Rasenmäher", sagt er schmunzelnd. Und es müsse Mitte der 1980er Jahre gewesen sein, da habe seine Schwester ein Telegramm geschickt, er solle doch bitte unbedingt noch Bier und Klopapier aus Westberlin mitbringen. Beides sei gerade Mangelware.

Wenn Ulich sagen soll, woran er glaubt, wird er sehr ernst: "Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, der Mensch ist eher die Missgeburt der Schöpfung, das ist meine feste Überzeugung", sagt er. Irgendwann werde die Menschheit an ihrer Verschwendungssucht zugrunde gehen. "Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner von der CSU, die wir sonst nicht lieben, hat vor einem halben Jahr verkündet, ein Drittel aller Lebensmittel, die wir hier in Deutschland haben, würde weggeschmissen. Obst und Gemüse im Supermarkt, die Speisen im Restaurant... Eine Milliarde Menschen hungert und eine weitere Milliarde Menschen ist übergewichtig, das müssen Sie sich mal vorstellen."

Ulichs Hang zur Sparsamkeit rührt im Übrigen noch aus Hellerauer Kindertagen: "Wissen Sie, was Turmkochen ist?", fragt er und beantwortet die Frage gleich selbst: "Unsere Mutter kochte die Kartoffeln und auf den Topf kam noch ein weiterer mit Wasser drauf - zum Geschirrabwaschen."

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstraße 21, 01097 Dresden, z.Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.01.2013

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