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Dresdner Lebensläufe: "Da gab mir mein Schutzengel einen Stoß"

Dresdner Lebensläufe: "Da gab mir mein Schutzengel einen Stoß"

Stattliche 1,82 Meter war Franz Holzweißig früher. Mittlerweile sei er leider um einige Zentimeter geschrumpft, sagt der fast 84-Jährige mit einem Augenzwinkern.

Von Katrin Richter

Und die Hände, sie zittern ein wenig, als er im Familienalbum blättert. Doch wenn er scharfsinnig und mit viel Witz aus seiner Zeit als Kruzianer und später als Hochschul-Professor erzählt, dann könnte man stundenlang zuhören...

Geboren wird Franz Holzweißig 1928 in Chemnitz. Vier Kinder sind sie zu Hause. Alle drei Mädchen werden später Musiker. Die älteste Schwester Gabriele bekommt ein Engagement als Sängerin in Schwerin, die beiden anderen - Erika und Christa sind jünger als Franz - werden Klavierdozenten an der Dresdner Musikhochschule. "Sie sind ziemlich bekannt geworden durch ihre Klavierschule", berichtet Franz Holzweißig. Er selbst hat mit Koautoren sechs Fachbücher geschrieben. Sein bekanntestes heißt "Maschinendynamik". Es ist jetzt in der 10. Auflage erschienen und auch ins Englische und sogar ins Chinesische übersetzt worden.

Franz' Vater war wie schon der Großvater Arzt in Hainichen - Chirurg, Frauenarzt und auch Radiologe. "Im dortigen Krankenhaus hat er als einziger Arzt mit vier Diakonissen große Operationen gemacht - im Bauchraum, auch Schädeloperationen", erzählt Holzweißig. "Er war eingezogen und den gesamten Krieg über nicht da, er hat in Belgrad und Sarajevo operiert", weiß der Sohn. In der Familie sind im Übrigen alle Ärzte: Nicht nur Vater, Onkel und Großvater, sondern auch Franz' Sohn und die Enkelin werden Mediziner. "Bloß ich bin das schwarze Schaf", sagt der Professor und schmunzelt.

Zunächst aber ist Holzweißigs Vater noch der Meinung, dass der Sohn natürlich Arzt wird. Für ihn kommt nur ein humanistisches Gymnasium infrage. In Hainichen gibt es das nicht. Und weil eine Sprechstundenhilfe des Vaters einen Bruder im Kreuzchor hat, Franz außerdem "eine sehr hübsche Stimme" hat und schon zwei Jahre lang Klavier spielt, kommt er nach bestandener Aufnahmeprüfung in das Alumnat des Kreuzchors. Im April 1938 zieht der Zehnjährige nach Dresden, um Kruzianer zu werden.

Der Anfang sei hart gewesen, erinnert sich Franz Holzweißig. "Das war reine Selbsterziehung." Zwar habe es einen Alumneninspektor gegeben. "Doch der griff in keiner Weise ein." Im Alumnat, dem Internat des Kreuzchors, gibt es zu der Zeit die "Möpse", das sind die unteren drei Klassen, außerdem die mittleren und die beiden oberen Klassen. "Die Möpse hatten keine Rechte, sondern nur Pflichten, die mittleren Klassen weder Rechte noch Pflichten und die oberen Klassen nur Rechte und keine Pflichten", erklärt der Professor ganz ernst. Bei jedem "Vergehen" gibt es für die Kleinen einen Strich. Ein Vergehen ist, wenn ein "Mops" einem "Oberen" die Tür nicht aufhält. Oder wenn er sich ihm nicht abends vorm Zubettgehen mit der Zahnbürste im Mund vorstellt. Oder wenn er im großen Arbeitssaal redet. "In diesem Fall musste ich vorher zu einem ,Oberen' gehen und ihn fragen, ob ich meinen Nachbarn etwas fragen darf", beschreibt Holzweißig die Vorschriften im Alumnat. Wer am Sonnabend drei Striche auf seinem Konto hat, muss Gedichte aus dem "Echtermeyer" vortragen - der bedeutendsten deutschen Gedichtsammlung. Holzweißig ist fast jeden Sonnabend Mode, rezitiert aus Schillers Ballade "Der Taucher" oder "Das Lied von der Glocke". "So bin ich durch die gesamte deutsche Literatur gekommen", schmunzelt Holzweißig.

Das Abitur legt Franz nicht mehr in Dresden ab. Als Vater Holzweißig in Belgrad 1944 von einem verwundeten amerikanischen Kommandeur, den er zusammengeflickt hat, erfährt, dass auch Dresden angegriffen werden soll, nimmt er den Sohn heraus aus dem Kreuzchor. Fortan arbeitet Franz in der Rüstungsindustrie als Praktikant. Vom etwa 70 Kilometer von Dresden entfernt gelegenen Hainichen aus sieht er den Feuerschein von Dresden.

Nach dem Krieg besucht Holzweißig die Ingenieurschulen in Wismar und Mittweida. Macht 1949 seinen Abschluss als Ingenieur. Studiert an der TU Dresden Maschinenbau, schließt 1953 mit dem Diplom ab. Bei Prof. Heinz Neuber will er seine erste Dissertation abgeben. Als der nach München geht, muss Holzweißig noch mal von vorn anfangen mit der Doktorarbeit.

In dieser Zeit ist er in der Studentengemeinde aktiv und trifft dort auf die Kantorin Barbara Rau, seine spätere Frau. "Wir haben sonnabends oft vierstimmig im Krankenhaus gesungen", entsinnt er sich. "Planmäßig" heiraten die beiden 1955, ein Jahr darauf wird der erste Sohn geboren, dann der zweite. "Wir haben zehn Enkel und drei Urenkel", sagt das Familienoberhaupt nicht ohne Stolz. Der eine Sohn ist niedergelassener Radiologe im Diakonissenkrankenhaus, der andere arbeitet in Radebeul im Umweltamt.

Sein beruflicher Werdegang komme ihm manchmal vor "wie im Märchen", sagt Holzweißig. "Obwohl ich mich zu DDR-Zeiten zur Kirche bekannt habe, bin ich immer glatt durchgekommen." Mehrere Ereignisse in seinem Leben haben zweifellos dazu beigetragen: Ein Jahr vor Kriegsende beispielsweise wird er gemustert. Und weil er 1,82 Meter misst, wird er in ein SS-Wehrertüchtigungslager eingezogen. "Beim Appell vor etwa 200 Leuten hielt ein SS-Offizier eine flammende Rede und meinte, er sei überzeugt davon, dass alle zur Waffen-SS gehen", erinnert sich der alte Mann. "Oder etwa einer nicht?", habe der Nazi hinzugesetzt. Da hat ihm sein Schutzengel einen Stoß gegeben. "Hier", brüllt Holzweißig. Der Offizier kanzelt den jungen Rekruten ab und sagt schließlich: "So etwas kann der Führer nicht gebrauchen, also weg mit ihm!" So kommt es, dass Franz in ein Wehrertüchtigungslager der Armee wechseln kann. "Wäre ich in der Waffen-SS gewesen, hätte ich wahrscheinlich nie Professor werden können", vermutet Holzweißig.

Nächste gute Tat des Schutzengels: 1952 startet die SED eine Kampagne gegen die Junge Gemeinde, in der Holzweißig ist. "Es hieß, wir seien Agenten der Amerikaner", erinnert er sich. Anlass war eine Zeitschrift namens "Furche", eine kulturpolitische Wochenschrift. Studenten, die sie von drüben geschickt bekamen, bringen sie in Umlauf. Die Parteigruppe beschließt, den Antrag zu stellen, Holzweißig zu exmatrikulieren. "Doch bis das durchkam, hatte ich mein Diplom schon in der Tasche", berichtet er.

1953 wird Holzweißig Assistent, später Oberassistent am Institut für Technische Mechanik an der Technischen Hochschule Dresden. 1962 dann sollen zwei Assistenten eine Professur bekommen. Einer davon, so damals die Forderung der SED, muss Genosse sein. Holzweißig bekommt die andere Stelle, habilitiert ein Jahr später und wird 1964 ordentlicher Professor. Genau 30 Jahre lang lehrt er. Zum Schluss, von 1991 bis 94, ist er Dekan der Fakultät für Maschinenwesen der TU Dresden. "Ich habe begeistert Vorlesungen gehalten", erzählt Holzweißig. Mitunter seien es gleich drei hintereinander gewesen im "Bombentrichter", Zeunerbau, Raum 222. "Die Studenten durften nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig verstehen", sagt der Professor schmunzelnd. Er, Holzweißig, habe nie ein Mikrofon verwendet. Und mit Kreide arbeitet er, damit die Studenten mitrechnen können.

Sage und schreibe etwa 130 Doktorarbeiten betreut Franz Holzweißig im Laufe der Jahre. Eine ganze Reihe Industrieprobleme bearbeiten und lösen er und seine Mitarbeiter - die Motoraufhängung beim Wartburg zum Beispiel und die in Lauchhammer gebauten Tagebau-Absetzer. Auch Berechnungen für die Sicherheit des Kernkraftwerks in Lubmin und für Pumpspeicherwerke, die mehrfach in der DDR gebaut wurden, nennt Holzweißig.

Welche Erinnerungen hat er an die politische Wende in der DDR? "Die Studenten waren in keiner Weise federführend bei der Revolution", ist er überzeugt. Wohl gefühlt hätten sie sich damals, seien abgesichert gewesen, hätten bereits ein Jahr vorm Diplom gewusst, wo sie später arbeiten. "Und mit einem Mal hingen sie in der Luft. Die Freiheit, die auf einmal da war, waren die meisten nicht gewöhnt", resümiert Holzweißig. Vor der Wende hätten 133 Professoren und Dozenten an der Fakultät gelehrt. "Und ich musste reduzieren auf 65", erinnert er sich. Jeder Lehrstuhlinhaber musste sich neu bewerben. "Können Sie sich vorstellen, was das bedeutete? Die Vorlesungen waren damals die einzige Erholung für mich", sagt Holzweißig augenzwinkernd. Gleichwohl hätten es ihm einige Professoren leicht gemacht und sich von selber verdrückt. "Es gab Reisekader, die zu DDR-Zeiten drüben ein- und ausgingen. Das waren einerseits die schlimmsten Genossen, andererseits aber ausgezeichnete Fachleute, die haben im Westen dann sofort große Professuren bekommen", weiß Holzweißig.

Anders als einige seiner Kollegen, die sich nicht trennen konnten vom Institut und verschiedentlich dessen Entwicklung gebremst haben, macht Holzweißig mit 66 Jahren einen Schnitt und lehnt es auch ab, weiter Vorlesungen zu halten. Stattdessen wird er Mitglied im Freundeskreis für die Errichtung einer Gedenkstätte für die Sophienkirche. Und er übernimmt ehrenamtlich Führungen durch die Kreuzkirche. Zwischen Ostern und Advent gibt es jeden Dienstag und Donnerstag, 15 Uhr, zunächst eine Viertelstunde Orgelmusik und anschließend die Kirchenführung. Zu sechst teilen sie sich in diese Führungen. Ein Foto an der heimischen Wand, aufgenommen am 4. November 2009, zeigt Franz Holzweißig, wie er die gesamte Staatskanzlei mit Ministerpräsident Tillich an der Spitze durch die Kreuzkirche führt.

Hat Franz Holzweißig ein Vorbild? "An erster Stelle steht natürlich mein Vater mit seiner Liebe zur Familie und der aufopfernden Sorge um seine Patienten", sagt der alte Herr. Albert Schweitzer nennt er auch. Dessen theologischen Werke seien der heute noch praktizierten Theologie weit voraus gewesen. Schweitzers Bach-Interpretationen, sein Orgelspiel und sein Einsatz als Arzt in Lambarene im zentralafrikanischen Regenwald führt er an. Und natürlich Kreuzkantor Rudolf Mauersberger fällt ihm ein. "Ich habe an einer großen Pyramide für ihn mitgebaut", erzählt er und weist auf ein Foto mit einem wunderschönen mannshohen Exemplar. Der langjährige Kreuzkantor habe manchmal "ganz gefährliche Einzelproben" gemacht. "Um die Stimmen der anderen zu schonen, rief er plötzlich Namen auf und der Aufgerufene musste allein weiter singen", gibt er zum besten. Einmal, bei Bachs Motette "Jesu, meine Freude" habe ihn Mauersberger angefahren, weil er den Einsatz verpasst hatte.

Jeden Montag besucht Franz Holzweißig für anderthalb Stunden ein völlig erblindetes Mitglied seiner Kirchengemeinde im Pflegeheim. Dann erzählt er dem 87-jährigen ehemaligen Chemie-Ingenieur, der jetzt im Rollstuhl sitzt, was er über den großen Chemiker Wilhelm Ostwald weiß oder von der Predigt, die am vergangenen Sonntag war. Überhaupt die Bibel: Sie ist das Buch, das er niemals weggeben würde. Und Kirchenmusik berührt ihn am tiefsten. Kein Wunder: Immerhin hat er alle großen Werke im Kreuzchor mitgesungen - zunächst als zweiter Sopran, später dann als zweiter Bass. Doch damit wären wir wieder bei seiner Zeit als Kruzianer. Darüber hat Franz Holzweißig im Jahr 2000 ein Büchlein geschrieben. "Alumnatserinnerungen aus der Zeit von 1938 bis 1945" heißt es. Und auch darin ließe es sich stundenlang mit Vergnügen lesen...

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit. Heute geht es um den fast 84-jährigen Franz Holzweißig. Er erlebte vor dem Krieg eine aufregende Zeit im Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger, entging 1944 einem Dienst in der Waffen-SS, war dann lange Jahre Professor für Technische Mechanik an der TH Dresden und von 1991 bis '94 Dekan der Fakultät für Maschinenwesen der TU. Etwa 130 Doktorarbeiten hat er im Laufe der Jahre betreut. Heute führt Prof. Franz Holzweißig noch gelegentlich durch die Kreuzkirche und jeden Montag besucht er einen alten Freund im Pflegeheim.

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in Ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstraße 21, 01097 Dresden, z.Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.03.2012

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