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Dresdner Friseurmeisterin Petra Brockmann über Dresdner Hilfe für Bosnier

Dresdner Friseurmeisterin Petra Brockmann über Dresdner Hilfe für Bosnier

Ich bin durch die Berichte eines Bekannten auf die Arbeit des in Augsburg ansässigen "Unterstützung Osteuropa e. V." aufmerksam geworden, der in Bosnien schon während des Krieges mit Hilfsprojekten sehr aktiv war.

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Quelle: privat

Warum engagieren Sie sich so für Bosnien?

Dass die Menschen dort dringend Hilfe brauchen, davon habe ich mich erstmals Anfang 2003, wenig später bei einer erneuten Reise nach Sarajevo überzeugt. Zerbombte Häuser auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel auf der einen Seite, sorgfältig frisierte und geschminkte schöne Frauen auf der anderen Seite - dieser krasse Gegensatz war das erste, was mir auffiel. Es gibt viele Menschen, die zwar schick zurechtgemacht nach draußen gehen, die aber bitter arm sind, zu fünft in einem Zimmer leben, oft noch nicht mal ein eigenes Bett haben, nicht wissen, was sie am nächsten Tag essen sollen. Etwa 100 000 Menschen haben zum Teil Jahre in Konzentrationslagern verbracht, wurden vergewaltigt und/oder haben die Ermordung von nahestehenden Menschen miterlebt. Sie sind traumatisiert und nicht arbeitsfähig. Die minimale Rente, die sie bekommen, geht für Medikamente - meist starke Psychopharmaka - drauf. Die Menschen haben keine Perspektive.

Wie wollen Sie da mit einer Friseurschule helfen?

Das ist nur ein kleiner Baustein. Der Verein "Unterstützung Osteuropa" hat das Projekt "Zurück ins Leben" ins Leben gerufen, mit dem Schritt für Schritt den Menschen geholfen wird, denen es am schlechtesten geht. Das geht damit los, dass wir erst einmal Wünsche wie den nach einem Bett oder einem Ofen erfüllen. Ein positives Erlebnis, was das Gefühl gibt: Hier hat mir jemand versprochen zu helfen und er hilft mir auch. Wir wollen die Menschen unterstützen, eine Ausbildung oder Arbeit zu finden und in eine Traumatherapie zu gehen. Zirka 1200 Bosnier sind bisher in dem Hilfsprogramm. Wir haben speziell eine Patenschaft für das Gebiet Bratunac/Srebrenica übernommen.

Wer ist "wir"?

Die "Konvoi Dresden AG", eine Dresdner Arbeitsgruppe von "Unterstützung Osteuropa". Dazu gehören Friseure aus unseren Salons. Als ich von Bosnien berichtete, haben sie schon wenig später in privater Initiative und in ihrer Freizeit Hilfskonvois nach Bosnien begleitet. Mittlerweile gehören zu unserer Konvoi-AG viele Leute aus unterschiedlichen Branchen. Wir fahren pro Jahr vier Lkw mit Hilfsgütern nach Bosnien. Wir übernachten auf Isomatten in einer Lagerhalle, in der es weder Strom noch Wasser gibt. Auch unser Essen nehmen wir mit, um so autark wie möglich zu sein.

Wo nehmen sie die Hilfsgüter her?

Wir haben mit unserem Unternehmen ,BrockmannundKnoedler' im Dresdner Norden ein Lager angemietet und eine junge Frau eingestellt, die sich um die Akquise der Spenden, Lagerung und Organisation der Hilfstransporte kümmert. Das ist die Grund-Spende, die wir als Firma geben. So entstehen dem Verein keine Kosten. Da wir mit den Menschen in Bosnien, denen wir helfen, selber gesprochen haben, wissen wir genau, was sie brauchen. Nur das sammeln wir. Alle Helfer, die einen Konvoi begleiten, müssen zuvor zu ihrer eigenen Sicherheit eine Ausbildung durchlaufen. Denn in Bosnien gelten andere Gesetze. Man kann unterwegs nicht einfach aufs Feld gehen, um die Blase zu entleeren. Denn das Feld könnte vermint sein. Man muss bereit sein, eine schwere Waschmaschine auch ein paar Hundert Meter über Stock und Stein zu schleppen. "Ich kann nicht mehr", das gibt's einfach nicht. Man lernt auch, wie man richtig hilft. Denn jemandem 50 Euro in die Hand zu drücken, ist völlig sinnlos. Hilfe zur Selbsthilfe tut not. Eine ordentliche Ausbildung mit Perspektive auf einen Arbeitsplatz ist etwas, das zählt. Der Verein "Unterstützung Osteuropa" hat in Bosnien auch Nähschulen und Computerschulen aufgebaut.

Gibt es die Friseurschule in Bosnien schon?

Ja. Es geht jetzt los. Unser erster Versuch vor zwei Jahren ist allerdings kläglich gescheitert. Wir hatten privat eine Wohnung angemietet, Sanitäranlagen eingebaut und fünf Friseurarbeitsplätze geschaffen. Als wir fertig waren, setzte die Vermieterin uns und die Möbel vor die Tür, weil sie die Wohnung plötzlich selber brauchte. Jetzt haben wir uns ein Friseurunternehmen in Bosnien als Partner gesucht und versuchen ein Netzwerk aufzubauen, damit nach der Ausbildung auch Hoffnung auf einen Arbeitsplatz besteht. 50 Bosnier machen in unserer Friseurschule - einem Raum mit fünf Arbeitsplätzen - derzeit einen Kennenlern-Ausbildungskurs. Wir rechnen, dass die ersten ab 1. Januar 2012 in Dresden ihre Ausbildung beginnen.

Wann startet der nächste Konvoi?

Im Frühjahr 2012. Dann werden uns mehrere Skeptiker unseres Hilfsprojektes begleiten. Darunter sind auch Unternehmer. Vielleicht entstehen ja dadurch neue Geschäftskontakte für ein wirtschaftliches Geben und Nehmen.

Seit 2008 gibt es in Dresden zweimal pro Jahr die Benefizaktion "Helfen macht schön", bei der man sich für zehn Euro die Haare schneiden lassen kann und damit etwas Gutes tut. Der Erlös kommt einem Hilfsprojekt zugute, dem Aufbau einer Friseurschule in Sarajevo. Initiiert hat die Aktion die Dresdner Friseurmeisterin Petra Bockmann. Sie betreibt mit ihrem Mann Thomas Brockmann-Knödler mehrere Friseursalons in Dresden, Chemnitz und Zwickau. 77 514 Euro sind seit 2008 bei 36 Benefiz-Aktionen in Deutschland, Italien und auf Mallorca zusammengekommen. DNN-Redakteurin Catrin Steinbach fragte Petra Brockmann, wie es um das Projekt "Friseurschule" steht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.12.2011

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