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Dresdner Chor verpackt Beschwerden in Gesang und tritt am 22. und 23. November in Dresden auf

Dresdner Chor verpackt Beschwerden in Gesang und tritt am 22. und 23. November in Dresden auf

"Jetzt kommt die Bahn schon wieder zu spät", ärgert sich ein Rentner an der Straßenbahnhaltestelle - ein Bild, das in jeder Stadt zur alltäglichen Realität gehört.

Beschwerden über die Zustände gehören zum Leben wie Essen und Trinken. Zwei finnische Künstler erheben seit 2005 die Beschwerde an sich zur Kunstform und gründen weltweit Beschwerdechöre. Im Rahmen des Nordwind-Festivals kommt die skurrile Aktion am 22. und 23. November nun auch nach Dresden. Initiatoren sind der Kultur Aktiv e.V. und das Europäische Zentrum der Künste Dresden-Hellerau.

"Mein Nachbar raucht im Treppenhaus und der Qualm zieht in mein Schlafzimmer." Hunderte Sätze wie dieser sind in den vergangenen Wochen beim Beschwerdechor eingegangen. Dresdner waren aufgerufen, auf Papier zu bringen und einzuschicken, was sie am meisten ärgert. Aus den Beschwerden soll der argentinische Musiker Santiago Blaum (36) ein Lied komponieren, das am 22. November um 17.30 Uhr auf dem Nordwind-Kunstfestival im Festspielhaus Hellerau und am Folgetag ab 14 Uhr auf dem Albertplatz, vor Karstadt an der Prager Straße, vor der Dreikönigskirche und in mehreren Straßenbahnen von einem neu gegründeten Chor aufgeführt wird.

"Jede Sprache hat seine eigene Klangfarbe. Deutsch ist besonders stakkatohaft, was das Einbinden von langen Phrasen in ein Lied erleichtert", freut sich Blaum auf die kompositorische Herausforderung, die vor ihm liegt. Der Musiker unterstützt das finnische Künstlerpaar Tellervo Kalleinen (38) und Oliver Kochta-Kalleinen (42), die nach Dresden gereist sind, um ihren mittlerweile 30. Beschwerdechor zu gründen.

"Wir wollen negative Energie in et- was Großes, Kollektives, Lustiges und Kraftvolles umwandeln", erläutert Oliver Kochta-Kalleinen die Intention seines Projektes und fügt hinzu, "im Fin- nischen gibt es ein Wort für notori- sche Meckerer: 'Valituskuoro', was auf Deutsch soviel wie Beschwerdechor heißt, beziehungsweise auf Englisch 'complaints choir'. So war schnell ein Name für unser Projekt gefunden." Für Kochta-Kalleinen, der gebürtiger Dresdner ist, ist der Beschwerdechor nicht nur eine Kunstaktion, sondern auch persönliche Therapie. "Ich musste in der Schule Arbeiterkampflieder singen und habe so jegliche Lust am Gesang verloren. Ein Beschwerdechor macht das genaue Gegenteil von systemangepasster Musik. Hier singe ich wieder gerne mit", sagt der Künstler.

Alleine mit Beschwerden und einer Melodie ist ein Beschwerdechor noch nicht gemacht - es fehlen die Sänger. Rund 30 Dresdner sind dem Aufruf der Veranstalter gefolgt und proben in diesen Tagen unter der musikalischen Leitung von Blaum für ihren großen Auftritt. Mit dabei ist die Wirtschaftswissenschafts-Studentin Nina Dembski (23), die im Internet von der Aktion erfahren hat. "Ich bin seit über zehn Jahren eine passionierte Sängerin und habe einfach einen neuen Chor gesucht", sagt Dembski und fügt hinzu: "Ich hoffe, dass genug Beschwerden zusammengekommen sind, denn selber habe ich nichts zu meckern."

Hauke Heuer

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