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Dresdner Bildhauerin wurde erste Pilotin Deutschlands

Dresdner Bildhauerin wurde erste Pilotin Deutschlands

Erwünscht war Deutschlands erste Pilotin nicht. An offener, feindseliger Abneigung mangelte es ebenso wenig wie an Sabotage-Akten: „Bald waren ein paar Zündkerzen gegen verrußte ausgetauscht, bald das Benzin bis auf einen geringen Rest abgelassen worden, so dass ich natürlich mitten in der Prüfung aufhören und schleunigst notlanden musste“, notierte Melli Beese später.

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Undatierte Aufnahme der deutschen Pilotin Hedwig Amelie Beese vor einem Flugzeug.

Quelle: dpa

Die junge Bildhauerin aus Dresden blieb jedoch unbeirrt. Am 13. September 1911 macht sie sich an ihrem 25. Geburtstag in Berlin-Johannisthal selbst das schönste Geschenk: Als erste Frau überhaupt in Deutschland erhielt sie den Pilotenschein, die Lizenz Nummer 115.

„Nur nach Überwindung erheblicher Schwierigkeiten (...) gelang es mir endlich, die vorgeschriebenen Flüge und Landungen ohne Zwischenfall zu erledigen; und als meine Mitschüler und Lehrer an diesem Morgen auf dem Flugplatze eintrafen, war das Unglück geschehen, und - ich war Pilot“, schrieb sie in ihren Erinnerungen. Mutig und beharrlich hatte sie gegen Konventionen verstoßen, die damals die gesellschaftliche Stellung der Frau noch eindeutig am heimischen Herd sahen. Die begüterte Architektentochter hatte daher auch zunächst Bildhauerei in Stockholm studieren müssen - im Deutschland um die Jahrhundertwende war der Zugang zu Universitäten und Akademien Frauen noch weitgehend verschlossen.

Nach ihrer Rückkehr bereitete sie sich zunächst theoretisch auf ihre ersten praktischen Versuche als „Aviatiker“ vor, wie sich die tollkühnen Bruchpiloten in ihren fliegenden Kisten damals nannten. Im November 1910 schrieb sie sich für eine Pilotenausbildung in Johannisthal bei Berlin ein, dem ein Jahr zuvor eröffneten ersten deutschen Motorflugplatz. Nach mehreren Absagen kam von der „Ad astra Fluggesellschaft“ die Zusage - nach Zahlung einer Bruchkaution.

Bruchlandungen waren eher Regel denn Ausnahme. „Das Flugzeug muss nach der Landung flugfähig sein“, hieß es eigens in einer damaligen Prüfungsordnung. Auch Melli Beese blieb nicht verschont: Bei einer Bruchlandung während der Ausbildung zog sie sich einen fünffachen Beinbruch sowie Rippen- und Nasenbeinbrüche zu. Engagiert, kämpferisch und mutig baute sie nach beendeter Ausbildung ihre Stellung in der Männerwelt aus, indem sie eine Flugschule mit angeschlossener Luftfahrtwerft aufbaute. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in einer Zeit nationalistischer Hurra-Töne, heiratete sie den Franzosen Charles Boutard .

Zu anderen Zeiten hätten beide Piloten Europas Traum-Fliegerpaar werden können - doch nun schlug ihnen offene Ablehnung entgegen. Die unangepasste Beese und ihr ausländischer Ehemann wurden von den Behörden schikaniert, drangsaliert und in den Ruin getrieben. Denn sie galt nach ihrer Heirat als Französin.

„Am 1. August 1914 wurden mein Mann und ich bereits als feindliche Ausländer verhaftet“, schrieb sie, und notierte über Boutard: „Als er seine eigene Flugzeugtype bauen konnte, die technisch bis ins Kleinste durchgearbeitet und ein direkter Vorläufer des ersten 1915/1916 herausgebrachten Fokker-Jagflugzeuges war - da brach der Krieg aus und fegte sie, als das Werk eines Franzosen, erbarmungslos auf den großen Müllhaufen, den ,patriotische’ Fanatiker allem Nicht-Deutschen schichteten, wenn es auch noch so wertvoll war.“

Nach Kriegsende klagte Beese jahrelang auf Schadenersatz. Als dieser kam, entwertete die galoppierende Inflation das Geld. Den fliegerischen Neuanfang verpatzte Beese mit einer Bruchlandung. Sie hielt dem Druck nicht mehr stand: Am 22. Dezember 1925 erschoss sie sich. „Fliegen ist notwendig. Leben nicht“, schrieb sie zuvor auf einen Zettel. Deutschland tat sich auch später schwer mit seiner faszinierenden Pilotin. Erst Mitte der 1980er Jahre ließ ihre Heimatstadt Dresden eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus im Ortsteil Laubegast anbringen. 1992 widmete ihr das Museum in Treptow eine Ausstellung, wo einst Deutschlands fliegerisches Zentrum Johannisthal lag.

Ralf E. Krüger, dpa

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