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Die lange Reise des baltischen Barons

Die lange Reise des baltischen Barons

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit.

Heute geht es um Frank Baron von Hoyningen-Huene, Spross einer alten baltischen Adelsfamilie. Nach dem Krieg war er zunächst Hütejunge in Polen, fand später Unterschlupf bei den Großeltern in Dresden, floh 1953 in den Westen, arbeitete dort als Journalist, hatte eine PR-Agentur, kehrte schließlich 2007 in das Haus in Strehlen zurück. Der Baron, zum zweiten Mal verheiratet, ist nach eigenem Bekunden konservativ und seit 30 Jahren FDP-Mitglied. Zurückzukehren ins Baltikum kann er sich nicht vorstellen: "Das ist Geschichte", sagt er.

Von Katrin Richter

"Ich kann nichts dafür, mein Vater hieß auch schon so", wehrt Frank Baron von Hoyningen-Huene lächelnd ab. Und doch: Ein wenig Stolz schwingt mit, als er sagt: "Ich hab' gleich zwei Titel, den sächsischen Freiherrn und den zaristischen Baron." Die Tatsache, dass er als Adliger vor dem Zweiten Weltkrieg im Baltikum geboren wurde, beschert Frank Freiherr v. Hoyningen-Huene einen recht gezackten Lebenslauf. Wie kaum ein anderer hat er von heute auf morgen alles verloren und immer wieder neu anfangen müssen - nach der Vertreibung aus Lettland 1939 zunächst im sogenannten Warthe-Gau, nach Kriegsende in Polen, dann in Dresden, nach der Flucht aus der DDR 1953 in Hamburg und zuletzt 2007 wieder in Dresden...

Geboren wird Frank v. Hoyningen-Huene 1937 im Baltikum in siebenter Generation in Alt-Ottenhof nördlich von Riga in Lettland. Er ist das älteste von sechs Kindern. Vier Jungs und zwei Mädchen sind sie, und alle leben noch verstreut über ganz Deutschland, in Hamburg, Schleswig, Glücksburg, Lüneburg und auf Sylt. "Unsere Familie besaß damals in Lettland ein großes Gut mit rund 3000 Hektar Land", berichtet der Baron. Immerhin waren seine Vorfahren dereinst am Zarenhof beschäftigt - der Großvater als Jurist, die Großmutter als Hofdame. "Sie hat mir erzählt, dass sie sogar Zarentochter Anastasia gekannt hat." Nach dem Ersten Weltkrieg - Lettland ist für ein Jahr provisorische Sowjetrepublik - werden viele Deutsch-Balten erschossen. "Ein Großonkel von mir musste sein eigenes Grab schaufeln", weiß der Baron. Die Familie verliert auch einen Großteil des Gutes. 50 Hektar bleiben. Der Vater Georg übernimmt nach seinem Architekturstudium in Dresden den geschrumpften Hof.

1939 kommt das Ende im Baltikum. Frank ist noch keine drei Jahre alt, da muss die Familie in den Warthe-Gau in der Provinz Posen umziehen - einen sogenannten Reichsgau, den Hitler nach dem Überfall auf Polen 1939 errichten ließ. Dort bewirtschaftet der Vater erneut einen Landsitz. "Das Gut hieß Leinenfeld, ist heute eine Trinkerheilanstalt für Frauen", sagt Frank v. Hoyningen-Huene. Bald darauf wird der Vater Soldat und überlebt in einem Lager in Stalingrad. Als der Krieg 1945 aus ist, gerät er in Gefangenschaft.

Die Mutter bleibt allein mit den Kindern. "Wir sind erst sehr spät mit Pferd und Wagen im Treck aus dem Warthe-Gau geflohen", berichtet v. Hoyningen-Huene, Nachdem die Russen das Pferdefuhrwerk weggetrieben hätten, seien sie zu guter Letzt in eine leere Scheune geflohen. "Damals hätte ich um Haaresbreite dran glauben müssen. Gerade als ich das Scheunentor öffnen wollte, wurde es zerschossen", erinnert sich v. Hoyningen-Huene. Alle hatten Erfrierungen und vier Tage weder zu essen noch zu trinken. "Zuvor wollte eine junge Lehrerin, die mitgekommen war, uns Kindern und sich selbst die Pulsadern aufschneiden, weil sie so verzweifelt war", berichtet er. Schließlich können sie für einen polnischen Bauern arbeiten - die Mutter als Magd, der achtjährige Frank als Hütejunge. "Wenn die Kühe abhauten, bekam ich eins mit dem Knüppel übers Kreuz", weiß er noch. Schule hat er vorerst nicht.

1946 kommt die Familie bei den Großeltern in Dresden unter. Die beiden besitzen ein Haus in Strehlen, in dem die Großmutter noch bis in die 1950er Jahre hinein lebt. Franks Großvater ist Dolmetscher und Jurist bei Chlorodont, stirbt aber noch 1946. Seine Mutter wird Trümmerfrau. "Sie ist immer mein Vorbild geblieben, so wie sie alles gemanagt hat in den Kriegswirren", resümiert v. Hoyningen-Huene. Der Vater kehrt erst 1950 seelisch und psychisch zerrüttet aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Frank geht inzwischen an der Mockritzer Straße zur Schule. An eine Begebenheit erinnert er sich, die ihn noch heute schaudern lässt: "In den Sommerferien habe ich oft bei Bekannten in Thüringen Kornähren vom Feld gesammelt. Einmal wollte ich mich an einem Heuschober ausruhen, als jemand vermutlich zufällig von oben eine Mistgabel fallen ließ, die direkt an meinem Kopf vorbei in die Erde sauste", erzählt er.

Weil Frank weder bei den Pionieren noch in der FDJ ist, wird er auch nicht zur Oberschule zugelassen. 1953 flieht er in den Westen, kommt in ein Männerwohnheim. Die Flucht bereitet den Eltern so großen Ärger mit der Staatsmacht, dass sie ein Jahr später nachkommen. Sie lassen sich in Glücksburg in Schleswig-Holstein nieder. Der Vater übernimmt ein Erholungsheim der Hamburger Landeskirche. Frank geht in Flensburg zur Schule, absolviert anschließend eine Lehre in der Landwirtschaft. Dann studiert er an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, wird Volontär und anschließend Redakteur beim "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt", einer von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herausgegebenen deutschen Wochenzeitung, die es heute nicht mehr gibt. Er arbeitet bei den Bremer Nachrichten als Redakteur für Politik und Wirtschaft, macht sich schließlich selbstständig, als er 1972 eine PR-Agentur gründet. "Ich habe die Trikotwerbung mit Schriftzug in Deutschland eingeführt", sagt er. Heute beschäftigt v. Hoyningen-Huene zwölf Leute in seiner Agentur in Hamburg, betreut diverse Firmen, darunter das Deutsche Zentrum der Zahnimplantologen.

Wie er zurückgefunden hat nach Dresden? Der Baron erzählt, dass ihn in den 1980er Jahren eine Tante gefragt habe, was sie denn mit dem mittlerweile maroden Haus seiner Großeltern in Strehlen machen solle. Er übernimmt es nach reiflicher Überlegung und entscheidet sich schließlich 2007, gemeinsam mit seiner Frau Dagny nach Dresden zurückzukehren - für immer. Die beiden finden das Sechsfamilienhaus an der Caspar-David-Friedrich-Straße in beklagenswertem Zustand vor. Viel Geld stecken sie hinein, einzig der Außenanstrich fehlt heute noch.

Frank v. Hoyningen-Huene ist zum zweiten Mal verheiratet. Auch seine Frau Dagny hat alle Brücken in Hamburg hinter sich abgebrochen, ist ihm elbaufwärts nach Dresden gefolgt, arbeitet jetzt halbtags in einem Second-Hand-Laden und fühlt sich nach eigenem Bekunden wohl in Dresden. 30 Jahre kennen sich Frank und Dagny v. Hoyningen-Huene mittlerweile, waren sie doch beide im Vorstand der Deutsch-Balten in Hamburg. Geheiratet haben sie erst vor zwei Jahren. Drei Töchter hat Frank v. Hoyningen-Huene aus erster Ehe, drei weitere seine zweite Frau - aus ihrer ersten Ehe.

"Ich bin Christ, auch wenn ich hin und wieder meine Zweifel habe", gibt der Baron freimütig Auskunft. Korrekt sei er, "konservativ gespult" und trotzdem für Neues aufgeschlossen. Politisch aktiv ist er in der FDP. "Klein, aber fein und ein korrektives Element", nennt v. Hoyningen-Huene seine Partei. 30 Jahre mischt er dort mit - war Abgeordneter im schleswig-holsteinischen Kreis "Herzogtum Lauenburg", ist jetzt Mitglied im FDP-Ortsverband in der Südvorstadt.

Ein Morgenmuffel ist er, der Baron."Ich gehe erst gegen ein, zwei Uhr in der Nacht schlafen und komme dann in der neunten Stunde aus den Federn." Das kann er sich jetzt auch leisten. Obwohl er noch für seine Agentur tätig ist, hat Frank v. Hoyningen-Huene mehr Zeit als noch vor ein paar Jahren.

Früher in Hamburg hat er Tischtennis gespielt beim Hamburger SV, zweite Mannschaft. Heute bevorzugt das Ehepaar die größeren Tennisbälle. "Außerdem bin ich leidenschaftlicher Schachspieler, nur habe ich hier leider noch keinen Partner gefunden", bedauert v. Hoyningen-Huene. Auch kochen kann er gut: "Bei mir gibt es Tafelspitz, Fisch und Schweinebraten." Und um die 1200 Quadratmeter Garten am Haus kümmert er sich. Salat hat er schon gepflanzt, Frühkartoffeln, Porree und Fleischtomaten kommen noch an die Reihe. Seine Frau ist für die Blumen zuständig.

Frank v. Hoyningen-Huene ist Vizechef der Baltischen Ritterschaft für Sachsen, Thüringen und das südliche Sachsen-Anhalt. Und er überweist seit Jahren Spenden nach Ambla in Estland. "Die Kirchgemeinde braucht nötig Geld, das Altenheim dort verfügt nicht einmal über eine Heizung", berichtet er. Und auf dem dortigen Friedhof liegen allein sechs v. Hoyningen-Huenes. Dahin zurückzukehren, kann er sich aber nicht vorstellen: "Das ist Geschichte."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.03.2012

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