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Der ganz besondere U(h)rlaub: Drei Dresdner verbringen ihre Ferien auf einem rumänischen Turm

Der ganz besondere U(h)rlaub: Drei Dresdner verbringen ihre Ferien auf einem rumänischen Turm

Land, Leute, Kirchenuhren: Die Faszination, die der Dresdner Christian Otto für Rumänien hegt, ist vielfältig. Kirchenuhren? Sie haben richtig gehört.

Genauer gesagt, ist es nur eine Uhr, für die das Herz des 65-Jährigen schlägt. Seit 2010 fährt Christian Otto, der bis zum 1. März dieses Jahres als Professor für Fertigungsmittel an der HTW Dresden tätig war, nach Großalisch, einem Dorf in Siebenbürgen. Dort schraubt, schleift und hämmert er an dem rund 250 Jahre alten Zeitmesser. Seit drei Jahren unterstützen ihn der DNN-Fotograf Dietrich Flechtner und der Dresdner Norbert Zepperitz, beide ehemalige Kommilitonen von Otto.

Entstanden ist dieses Engagement aus einem Projekt der HTW. 2010 und 2011 fuhr Christian Otto mit Studierenden der Fakultät Maschinenbau und Verfahrenstechnik nach Großalisch, um die Kirchenuhr wieder in Gang zu bringen. Das Projekt ging zu Ende, die Faszination blieb. "Die gesamte Uhr entstand aus reiner Handarbeit, die Zahnräder sind handgefeilt, und deswegen auch nicht ganz rund. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Ganggenauigkeit, der Verschleiß schreitet schneller voran", erklärt er.

Im eigenen Pkw geht es für die Gruppe aus Ex-Kommilitonen deshalb seit 2012 jedes Jahr auf die 1300 Kilometer lange Reise nach Rumänien. Schwer bepackt. Denn die Werkzeugauswahl vor Ort lässt zu wünschen übrig. "In Großalisch gibt es keinen richtigen Handwerker, die Einheimischen sind auf Landarbeit getrimmt. Deshalb müssen wir alles dabei haben", erklärt der 61 Jahre alte Dietrich Flechtner. "Improvisieren ist alles", fügt Christian Otto hinzu.

Mit Erfolg: Die Glocken der Kirchenuhr, die seit etwa 1862/1865 keinen Piep mehr von sich gegeben hatten, läuten wieder. Zu jeder vollen Stunde gibt die Uhr 20 Vorschläge, was eine Figur am Ziffernblatt mit ihren Bewegungen untermalt. Erst danach folgt der Stundenschlag. Drei Uhrwerke mussten die Dresdner dafür wieder zum Laufen bringen: Das Hauptwerk, das die Zeiger antreibt, das Nebenwerk, welches für die Vorschläge verantwortlich zeichnet, und das Stundenwerk, das den Stundenschlag angibt.

Das Problem: Jedes dieser drei Werke müsste alle 24 Stunden aufgezogen werden, was einen Aufstieg auf den Turm bedeutet. In Großalisch leben aber nur noch 65 von ehemals rund 1200 Deutschen, die meisten sind Rentner. So auch der Mann, der sich um das Aufziehen kümmern soll, er ist 75 Jahre alt. "Er geht natürlich nicht jeden Tag rauf, sondern zieht die Uhr nur zu Festlichkeiten auf", sagt Christian Otto. Und das wiederum hat zur Folge, dass die Uhr zu lange steht und die Dresdner wieder beinahe von vorne beginnen müssen, wenn sie dem Dorf ihren jährlichen Besuch abstatten.

Der Wunsch der Bevölkerung und auch des Restaurierungstrupps wäre deshalb eine Elektrifizierung des Uhrwerks, die ein manuelles Aufziehen überflüssig machen würde. Etwa 10 000 Euro würde diese Maßnahme kosten. Geld, das Christian Otto und seine Mitstreiter nicht haben. Ohnehin haben sie die bisher getätigten Baumaßnahmen, unterstützt von der HTW, aus eigener Kasse bezahlt. 1500 Euro seien bisher in die Materialkosten geflossen, schätzt der Professor.

1971 reiste er das erste Mal nach Siebenbürgen, fünf Jahre später lernte auch Dietrich Flechtner das Land kennen. Weitere, zahlreiche Aufenthalte folgten. "Ich habe das Land einfach lieben gelernt", sagt Christian Otto. "Deswegen hocken wir auch nicht die ganze Zeit auf dem Turm", pflichtet ihm der DNN-Fotograf bei. Vielmehr unternimmt der Trupp Ausflüge, sieht sich Städte, Burgen und Kirchen an. Die nächste Reise im kommenden Jahr ist bereits fest im Kalender vermerkt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.08.2014

Christin Grödel

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