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Der ehemalige Dresdner Flugkapitän Rainer Plesse treibt Menschen die Furcht vorm Fliegen aus

Der ehemalige Dresdner Flugkapitän Rainer Plesse treibt Menschen die Furcht vorm Fliegen aus

"Das Fliegen sollte man schon mit Respekt betrachten", sagt Rainer Plesse. 45 Jahre ist der Dresdner Transportflugzeuge, Hubschrauber und Passagiermaschinen geflogen.

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Früher war er von einem Triebwerkausfall kaum aus der Ruhe zu bringen, heute beruhigt Rainer Plesse ängstliche Flugpassagiere.

Quelle: Andor Schlegel

Heute kuriert er Menschen von ihrer Flugangst. Die Phobie komme durchaus häufiger vor als gedacht, meint der 70-Jährige. Laut Studien litten zehn bis 15 Prozent der Menschen an Flugangst. "Fünf Prozent fliegen gar nicht, die übrigen von ihnen äußerst ungern", sagt Plesse. Viele seiner Schützlinge plagen sich jahrelang, mitunter jahrzehntelang, ehe sie sich Hilfe suchen. "Die meisten verzichten einfach auf das Fliegen, es gibt aber welche, die das aus beruflichen Gründen nicht können", sagt Plesse. Die sitzen dann in seinen Wochenendkurse und erhoffen sich rasche Heilung. "Das geht natürlich so schnell nicht." Die Angstbekämpfung sei ein Prozess, den er anschieben helfe. Immerhin bekommt jeder der Kursteilnehmer seine Telefonnummer und kann anrufen, wenn es Probleme gibt. Manchmal begleitet er auch Menschen zum Flughafen. Besonders schwere Fällen bietet er begleitete Flüge an, wenn es sein muss, würde er auch in den Urlaub mitfliegen, sagt er.

Plesse kennt das Phänomen Flugangst noch aus seiner Zeit als Flugkapitän bei Interflug und Lufthansa. Zwei bis drei Mal im Monat hätte das Bordpersonal ihn damals auf einen Passagier aufmerksam gemacht, dem in seinem Sitz sichtlich unwohl geworden war. "Schwitzen, hohe Herzfrequenz, Zittern, Völlegefühl - alles, was der Körper hergibt", beschreibt Plesse die Symptome. Seine Kur sei damals simpel gewesen. "Ich habe diese Menschen immer mit ins Cockpit genommen, das hat bis auf einmal immer geholfen", sagt er. Wer einmal zu verstehen beginnt, was beim Fliegen alles passiert, welche Hebel und Schalter die Crew aus welchen Gründen betätigt, der lege seine Angst ab, weil er sich nicht mehr so ausgeliefert fühle. Oder er ist von den neuen Eindrücken einfach zu abgelenkt, um sich zu fürchten.

Seit seiner Pensionierung kümmert sich Plesse in zumeist über Volkshochschulen angebotenen Kursen um Menschen mit Flugangst. Dabei ähnelt sein Vorgehen der früher angewandten Cockpit-Kur. Es gehe darum, authentisch zu vermitteln, was alles mit der Fliegerei zu tun habe. Mit Wissen lasse sich jede Angst bekämpfen, beschreibt Plesse sein Prinzip. Jeder seiner Schützlinge soll Argumente vermittelt bekommen, wie er sich der eigenen Angst entgegenstellen kann.

Dabei dreht es sich oft um irrationale Befürchtungen, wie der Klotzscher sagt. "Häufig ist es die Grundangst, dass die Triebwerke ausfallen und das Flugzeug wie ein Stein vom Himmel fällt", sagt er. Dabei sei ein Komplettausfall der Triebwerke äußerst selten, Plesse selbst kennt dieses Szenario nur von Übungen im Flugsimulator. "Und selbst dann ist ein Flugzeug nichts anderes als ein Segelflugzeug", sagt er. Und das hat je nach Flughöhe und Geschwindigkeit mehrere 100 Kilometer Reichweite, ehe es landen muss.

Plesse selbst hat einiges erlebt, Angstgefühle im Cockpit gehören jedoch nicht dazu. Nicht, als ihm bei einer Passagiermaschine ein Triebwerk ausfiel, auch nicht, als er als junger Militärflieger einmal fast an einem "Berg hängen geblieben" wäre, wie er es sagt. Reine Routine sei auch seine Zeit als Testpilot der Dresdner Flugzeugwerft gewesen, als er jahrelang die frisch zusammengeschraubten Maschinen Probefliegen durfte. Da habe es zwar immer ein paar Mängel gegeben, aber nie etwas Ernstes, sagt er. Nur bei seinem ersten Flug in einem Segelflugzeug habe er sich "blümerant" gefühlt, wie der gebürtige Leipziger sagt. Damals war er 15 Jahre alt.

Eine Lehre sei es dagegen gewesen, als er in seiner Zeit als Militärflieger mangels Wetterradar ein paar Mal durch ein Gewitter hindurch geflogen war. "Da wird der Tag 20 Minuten lang zur Nacht, Blitze zucken und die Tragflächen schwingen wie die Flügel eines Kormorans", sagt er. "Dabei lernt man, dass man eben in ein Gewitter nicht fliegen sollte", lautet sein lapidares Fazit. Heute hat er es mitunter mit Vielfliegern zu tun, die nach heftigen Turbulenzen zum ersten Mal Flugangst empfinden. "Denen hat der Satz, dass ein Flugzeug statistisch zu den sichersten Transportmitteln gehört, noch nie geholfen", zeigt Plesse Verständnis. Eine genaue Beschreibung, was wann beim Start und Landung - und allem was dazwischen liegt - passiert, dagegen schon, ist er überzeugt.

www.flieg-entspannt.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.06.2012

uh

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