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Der Mann für die Flugzeuge

Der Mann für die Flugzeuge

Dresdner wird Hans Faust erst später. Zunächst einmal kommt er am 17. März 1925 in Gröningen zur Welt. Der Ort liegt in der Magdeburger Börde.

Es ist die frühere Kornkammer Deutschlands. Drei Geschwister hat der kleine Hans, zwei von ihnen sind noch am Leben. "Ich stamme aus einer ärmlichen Arbeiterfamilie", erzählt der heute 89-Jährige. Drei Grundsätze geben ihm die Eltern mit auf den Weg: Hör niemals auf mit Lernen. Sei hilfsbereit. Bleib bescheiden. Vom Vater hat Hans Faust viel gelernt: "Er hat Radios selbst gebastelt, die kamen ja damals gerade erst auf", erinnert er sich. Er, Faust, habe seinem Papa als Schuljunge zugucken dürfen und wusste beizeiten, wie so ein Radio funktioniert.

Die Bastlernatur muss der Vater wiederum von seinem Vater geerbt haben: "Mein Opa war ein richtiges Universalgenie, der hat Schuhe besohlt, Kartoffelkörbe geflochten", erzählt der rüstige Rentner, "der hatte nur einen vermeintlichen Nachteil, man durfte ihm nicht nur zugucken, sondern musste mitmachen". Am meisten aber verehrt Hans Faust seine Mutter. "Sie hat Tag und Nacht gearbeitet in der Landwirtschaft, hat die Schweine, Ziegen, Hühner und Gänse gefüttert", erzählt er. Im Winter ist sie in der Zuckerfabrik beschäftigt. Und damit der Bauer den Acker der Fausts pflügt und bestellt, geht die Mutter auch bei ihm noch arbeiten.

Nach der Volksschule beginnt der junge Hans eine Lehre als Metallflugzeugbauer. In Oschersleben ist gerade ein Flugzeugwerk eröffnet worden. Er hat die richtige Wahl getroffen: "Ich bin mit Leib und Seele Flugzeugbauer gewesen", sagt er heute rückblickend. Doch zunächst kommt ihm der Krieg in die Quere.

1942, er ist gerade mal 17, wird der junge Mann zur Luftwaffe eingezogen, kommt zunächst auf eine fliegertechnische Schule, dann zur Feldwerft. Soldat wird er nie, repariert stattdessen Flugzeuge, die Ein- und Durchschüsse abbekommen haben - die Me 109, die Focke-Wulf 190, die Ju 86, die Me 110, zuletzt das erste strahlgetriebene Flugzeug, die Me 262. Durch ganz Frankreich ziehen sie mit der Feldwerft. Es handelt sich dabei um Werkstattwagen mit Drehbank und Fräsmaschine, die auf Lkws aufgebaut worden sind. Manchmal muss der junge Faust den Flugzeugmotor wechseln, manchmal war ein Einschuss zu flicken. Ein Motorwechsel dauert einen halben Tag. Vier Mann sind dafür nötig. Kein ungefährliches Unterfangen: Flugzeuge sind groß, gut sichtbar und deshalb bevorzugtes Angriffsziel für Tiefflieger. Doch Hans Faust überlebt. "Wir haben oft Geburtstag gefeiert", meint er mit Blick auf die zahlreichen Momente, die ihn fast das Leben gekostet haben.

Mit Kriegsende gerät Hans Faust in amerikanische, später in französische Gefangenschaft. "Das Gefangenenlager Andernach in Rheinland-Pfalz war eines der furchtbarsten", sagt er. Vier Wochen ist er dort. "Wir haben im Regen auf freiem Feld gestanden, in einer großen Gärtnerei waren wir. Es gab pro Tag eine Dose Verpflegung, mit ein bisschen Glück war Fleisch drin, wenn man Pech hatte, waren es Bonbons." Doch es sollte noch schlimmer kommen. Denn dann geht's nach Frankreich, genauer gesagt nach Rennes in die Bretagne. "Ich habe erlebt, wie ältere Männer, die schon Frau und Kinder zu Hause hatten, einen sogenannten Stacheldrahtkoller bekamen", erzählt er. Sie versuchen, übern Zaun zu klettern und werden vom nächsten Wachturm aus erschossen.

Dann werden Arbeitskräfte für Paris gesucht. Hans Faust muss als Gefangener auf dem größten französischen Güterbahnhof Paris-Pajol arbeiten. Untergebracht wird er in Pantin, einem Pariser Vorort. Dort gibt es einen Abstellbahnhof für Güterzüge. Ein viertel Jahr lang bereitet er seine Flucht vor. Erzählt niemandem etwas davon. In der zweiten Schicht am 15. November 1946 versteckt sich Hans Faust im dreistöckigen Güterbahnhof Paris-Pajol auf einem Fahrstuhl. Guckt von oben zu, wie sie ihn mit Knüppeln suchen und nicht finden. Nachts um drei läuft er durch Paris, den Fluchtplan versteckt er im Schuh unter der Einlegesohle. Das Papier besitzt er heute noch. Die Flucht gelingt. Er wählt einen amerikanischen Urlauberzug, dessen Wagen seitlich so tief verkleidet waren, dass man nicht darunter sehen konnte. Setzt sich auf ein Bremsgestänge unter den Zug und fährt mit bis Karlsruhe. Als er nach 17 Stunden dort ankommt, ist nicht nur der Fuß, sondern der ganze Körper eingeschlafen. Der junge Mann kriecht auf allen Vieren, setzt sich auf einen Schutthaufen. Er hat noch seine Ami-Jacke an, ist schwarz und schmierig, besitzt weder Geld noch Papiere. Eine Schwester vom Roten Kreuz sorgt dafür, dass er nicht nur zu essen bekommt, sondern auch den nächsten Zug nach Hannover nehmen kann - zu einer Tante. Von dort aus geht es illegal über die Zonengrenze in die russische Zone nach Hause, nach Gröningen. "Können Sie sich vorstellen, wie meine Mutter geweint hat?" Ein Schulfreund, der inzwischen auf dem Meldeamt im Rathaus arbeitet, stellt ihm einen Ausweis aus. Über einige berufliche Umwege - unter anderem als Schichtmeister in einem Plattenwerk und Fertigungstechnologe in einem Elektromotorenwerk - gelangt Hans Faust 1956 schließlich nach Dresden. Das Flugzeugwerk in Klotzsche soll gerade aufgebaut werden. Und er - als Flugzeugbauer - bekommt das Angebot, dort als Konstruktionsberater zu arbeiten und sein Fernstudium abzuschließen. Also nichts wie hin. Seine Frau Marianne, die gebürtige Hamburgerin ist, geht mit. Seit 1947 sind die beiden verheiratet, haben inzwischen zwei Kinder - Christel und Jürgen. Steffi und Karina, die beiden anderen, kommen in Dresden zur Welt. Die Familie wohnt in Döltzschen, dort, wo die Begerburg ist.

Im Flugzeugwerk arbeitet Hans Faust, bis es 1963 wieder dicht macht und in drei Einzelbetriebe zerfällt. Wird bei Elektromat, einem der drei Betriebe, weiterbeschäftigt und baut dort u.a. das Schneidwerk fürs Mähdrescherwerk, und Ständerwickelmaschinen für Elektromotoren. Letzte Station ist das Kombinat Robotron. Dort arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für Forschung und Technik. Im Februar 1990 geht er in Rente.

Zehn Jahre später stirbt seine Frau. "Da bin ich in ein tiefes Loch gefallen, ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich machen sollte, das Alleinsein war mir eine Qual", sagt er. Seine Kinder haben schon Angst, dass er in seinem Zustand ein Säufer wird. Seine jetzige Lebensgefährtin Brunhilde König lernt Hans Faust im November 2002 über eine Annonce in der Zeitung kennen. Da ist er 77 und sie 80. "Ich wollte nie wie so viele andere Männer eine jüngere Frau", sagt er. Wenigstens gleichaltrig oder noch besser etwas älter sollte sie sein. "Worüber soll ich mich denn mit einer jungen Frau unterhalten, wenn sie die Zeit gar nicht erlebt hat?", fragt er.

Als Hans Faust bei Brunhilde König anruft, sagt sie gleich: "Was sollen wir uns lange in der Kneipe treffen, kommen se her zu mir", erinnert er sich und schmunzelt. Also macht er sich fein, besorgt einen schönen Strauß weißer Rosen und macht sich von der Rosenstraße auf den Weg in die August-Bebel-Straße. "Wir haben uns auf Anhieb gleich verstanden", erinnert sich der rüstige Senior. Drei Kinder hat Brunhilde König - Gernot, Ingolf und Hartmut. Sie ist immer im Handel beschäftigt gewesen, ihr Mann schon lange tot. 2007 ziehen Herr Faust und Frau König zusammen. "Brunhilde hat vieles, was meine Frau auch hatte, sie ist mütterlich, immer besorgt, und ich helfe ihr, wo ich kann." Das Staub saugen, das übernimmt er. Aber die Fenster putzen darf er nicht - nur sie auf der Leiter festhalten. Und er liebt ihre Kochkünste. Bei ihr schmecke einfach alles.

"Ich will geistig rege bleiben, damit ich nicht Alzheimer kriege", sagt er ernst. Alle seine 240 Schallplatten hat er inzwischen digitalisiert. Und sogar einen Drucker gekauft. "Ich bin Materialist", erzählt der alte Mann. An Gott glaubt er nicht. "Aber ich glaube daran, dass die Welt mal besser wird", fügt er hinzu. Am lebendigsten fühlt sich Hans Faust, wenn er erzählen kann. Von seinen Kriegserlebnissen zum Beispiel. Oder von seinen Reisen an die Wolga, nach Sibirien oder auch ans Nordkap. Aber das geht nun mal mit niemandem besser als mit Frau König.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.06.2014

Katrin Richter

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