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DNN-Serie Lebensläufe: Joachim Gruhler - der Mann ohne Jugend

DNN-Serie Lebensläufe: Joachim Gruhler - der Mann ohne Jugend

Für Joachim Gruhler war die Jugendzeit zu Ende, kaum dass sie begonnen hatte. Mit 17 ist er in den Krieg gezogen, mit 27 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.

Von Katrin Richter

Ein Mann ohne Jugend. "Jahrelang habe ich über den Krieg mit niemandem sprechen wollen", sagt der alte Mann. Stattdessen hat er versucht, vorwärts zu denken, Versäumtes aufzuholen, so gut er das vermochte. Im Juni wird Dr.-Ing. habil. Joachim Gruhler 90 Jahre.

Rückblick: Geboren wird er als ältester von drei Brüdern am 5. Juni 1922 in Heidelberg. Als der Vater in Mannheim die Arbeit verliert, zieht die Familie nach Dresden - in eben dieses Haus am Stadtrand auf der Leubnitzer Höhe, in dem er noch heute wohnt. Unten im Wiesental entspringt der Heilige Born, der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs den Zwingerteich speisen sollte. Das seinerzeit schlecht wärmegedämmte Holzhaus auf der Höhe ist 1927 für 10 500 Reichsmark von den Hellerauer Werkstätten erbaut worden, verfügt über 80 Quadratmeter anrechenbare Wohnfläche und kostet damals 73,75 Reichsmark Miete im Monat. Um einziehen zu können, muss der Vater dem Verein für Alkohol- und Tabakgegner beitreten, dem die Siedlungshäuser gehören, und sich verpflichten, weder zu rauchen noch zu trinken. Auf Tabak zu verzichten, fällt ihm als Nichtraucher leicht.

Der Vater Friedrich Gruhler arbeitet zu der Zeit in einem Drogerieunternehmen und gibt zugleich eine Kundenzeitschrift heraus. Er sorgt dafür, dass Joachim nach der Grundschule in Leubnitz auf die Kreuzschule kommt. "Ich war der Jüngste in der Klasse, ein schüchterner Junge, der gegen die Wildheit einiger Klassenkameraden nicht aufkam", gibt Gruhler zu. Sein Klassenlehrer Hönger ist ihm in Erinnerung geblieben. Der trägt den Spitznamen "Amo". Gleich in den ersten Lateinstunden lernen die Schüler, dass "amo" "ich liebe" heißt. Nach einem Weilchen begreift Joachim, dass der Spitzname Höngers mit seinem runden Kopf, den abstehenden Ohren, der Glatze und dem oberlehrerhaften Gebahren auch noch etwas anderes bedeutet: "A... mit Ohren". "Schon 1933 erschien Hönger in SA-Uniform", erinnert sich Gruhler. Abgesehen davon aber ist er heute froh über die gute Ausbildung vor allem in den altphilologischen Fächern Latein und Griechisch. "Mathe hingegen war zweitrangig, so dass ich zum Beispiel den Begriff ,Integral' später auf der Technischen Hochschule zum ersten Mal gehört habe."

1939 macht Joachim Gruhler das Abitur an der Kreuzschule. Mit 17 meldet er sich auf Anraten des Vaters und des Onkels freiwillig für die Infanterie, die "Königin der Waffen", in Burg bei Magdeburg, Infanterie-Regiment Nr. 66. "Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum sie das taten, wo sie doch beide den Ersten Weltkrieg als Infanteristen mitgemacht haben", meint Gruhler. Zunächst einmal ist er jedoch Funker und Fernsprecher, weigert sich aber, Reserveoffizier zu werden. "Ich war dann der mit Abstand älteste Obergefreite im Regiment", sagt er. Gruhler macht den kompletten "Feldzug" bei der so genannten kämpfenden Truppe, dem Panzergrenadier-Regiment, mit. In ganz kurzer Zeit verliert er den Glauben an Gott. "Ich habe so ungeheuer viele Tote gesehen", erklärt er.

Dass er überlebt hat, kommt ihm noch heute vor wie ein Wunder. Die Gefechte, in denen es für ihn um Leben und Tod ging, haben sich dem alten Mann für immer eingebrannt. Er erzählt: "Wir waren schon auf dem Rückzug in Rumänien, saßen auf einer Zugmaschine und fuhren einen Berg rauf, ganz langsam. Hinter uns war eine Höhe, und über die Höhe kamen russische Panzer angefahren, die haben auf uns geschossen, links und rechts hat es eingeschlagen, getroffen haben sie nicht." Für seine Kinder und Enkel hat der alte Mann einmal die wichtigsten Stationen der Kriegsjahre aufgelistet: Burg bei Magdeburg, Wien, Budapest, Focsani und Roman in Rumänien, Krakau, Rowno in der Ukraine, Rostow am Don, Krasnodar, Kischinew, Silistra in Bulgarien. In fünf langen Jahren bringt er Tausende Kilometer hinter sich. Schließlich gerät Gruhler im August 1944 an der Donau in Kriegsgefangenschaft. "Ich bin nachts durch den Fluss geschwommen, um mein Leben zu retten. Auf der bulgarischen Seite dachten wir, jetzt haben wir es geschafft." Doch dann kommen die "feldgrauen" Russen, nehmen ihn gefangen, er muss Richtung Osten marschieren.

Spätestens an dieser Stelle müssen wir auf den fast gleichaltrigen Rolf Münzenberg zu sprechen kommen, einen Abiturienten aus Nürnberg, mit dem sich Gruhler mitten im Krieg angefreundet hatte. Es sollte eine lebenslange Freundschaft werden, die bis heute währt. Sie marschieren zusammen, verlieren sich aus den Augen, treffen sich in der Kriegsgefangenschaft wieder, tauchen schließlich bei der nächsten Gelegenheit in den Wald ab. "Dort hatten wir nichts zu essen und vor allem nichts zu trinken", berichtet Gruhler. Ein ganzes Stück in Richtung Griechenland kommen sie, wagen sich hungernd an den Rand einer Ortschaft vor - und werden erneut geschnappt von bulgarischen Partisanen. Diesmal kommen sie nicht wieder frei.

Die fünfjährige Kriegsgefangenschaft verbringt Gruhler in Woronesh am Don. In einer als Massenlager hergerichteten ehemaligen Fabrikhalle gibt es dreimal täglich etwas zu essen - je 200 Gramm Brot, Suppe, mittags Hirsebrei, immer das Gleiche. "Wir wurden nie satt und das blieb in den nächsten Jahren so", sagt Gruhler. Er wird auf eine Sowchose zur Landarbeit geschickt, muss tagein tagaus Bohnenfelder vom Unkraut befreien. Eine Episode ist ihm in Erinnerung geblieben, als er eine Zeitlang als Handlanger für russische Maurer arbeitet: "Uns Gefangenen fiel auf, dass in das Zimmer, das wir mauern sollten, keine Tür führte", erinnert sich Gruhler mit einem Schmunzeln. "Wir meldeten das, wurden aber zurechtgewiesen, dass wir nicht so naseweis zu sein hätten. Also haben wir losgemauert." Am nächsten Morgen habe der Bauführer schließlich eingesehen, dass es ohne Tür nicht ging. "Und wir durften sie durchbrechen."

Die Eltern auf der Leubnitzer Höhe wissen von allen drei Söhnen kaum etwas. Weder von Richard, dem mittleren, der wenige Tage vor Kriegsende gefallen war, noch von Martin, der in einem französischen Bergwerk arbeitete. Und auch wenig von Joachim. Kurz vor Kriegsende hatte ein Hauptfeldwebel dem Vater gemeldet, dass sein Sohn vermisst sei.

Die Rückkehr nach Hause hat der alte Mann noch vor Augen, als sei es gestern gewesen: "Als ich nach zehn Jahren durchs Tal hinaufkam, hat mein Vater gerade ein Mittagsschläfchen im so genannten Sorgenstuhl gehalten", erinnert er sich. Das Wiedersehen lasse sich schwer in Worte fassen. Doch in die Freude über die glückliche späte Rückkehr mischt sich ein Wermutstropfen: Gruhlers Jugendfreundin, eine Schweizerin, von der er im Stillen dachte, die heiratest du einmal, wenn du erst wieder da bist, hatte inzwischen selbst geheiratet. "Sie hat mir Briefe geschrieben, Pakete geschickt, nichts davon ist angekommen", erzählt Gruhler.

Dafür nimmt eine neue Liebesgeschichte ihren Lauf: Im Nachbarhaus wohnte ein Mädchen. Regina, so hieß die Kleine, interessierte den Jugendlichen damals nicht weiter. Er war 17, sie erst 10. Anders liegen die Dinge, als er aus der Gefangenschaft kommt. Sie ist 20, groß und hübsch dazu, und er 27. "Später hat sie mir gestanden, dass sie damals im Stillen für mich geschwärmt hat", sagt der alte Mann mit einem Schmunzeln. Die beiden heiraten 1954 in der Leubnitzer Kirche. Ein Jahr nach der Hochzeit wird der erste Sohn Martin geboren, nach drei Jahren Richard und noch zwei Jahre später Eckart. Die beiden jüngeren Söhne werden einmal in des Vaters Fußstapfen treten. Die Eheleute werden 55 Jahre lang zusammenbleiben, bis Joachim seine Regina vor drei Jahren verliert.

Doch zurück in die Nachkriegszeit: Der junge Gruhler hat viel aufzuholen. Er studiert zunächst an der Technischen Hochschule in Dresden Bauwesen und hat mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Partei legt ihm Steine in den Weg. Grund ist Vater Friedrich, der als liberaldemokratischer Bürgermeister nach zweieinhalb Jahren im Amt 1948 von Dresdens berüchtigtem Oberbürgermeister Walter Weidauer wieder abgesetzt wird. Er hatte - aus der eigenen Erfahrung heraus - in einer Rede nicht nur an die russischen, sondern auch an die gefallenen deutschen Soldaten erinnern wollen. Doch der Sohn beißt sich durchs Studium, versucht, so schnell wie möglich fertig zu werden. "Mit meinen 27 Jahren war ich ja völlig überaltert", erklärt Gruhler. Nach dem Studium arbeitet er zunächst in verschiedenen Betrieben und promoviert schließlich an der TU Dresden, als er merkt, dass er fachlich besser ist als gedacht. Drei Jahre dauert das und drei weitere Jahre, dann habilitiert er. Dozent für Abwasserableitung und -behandlung wird er, Professor aber nicht. Dafür fehlt ihm vor allem das damals hilfreiche SED-Parteibuch. Eins steht jedenfalls fest: Es gibt keine größere Kläranlage auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, die er nicht begutachtet hat.

Aber natürlich hat Joachim Gruhler nicht nur Kläranlagen in seinem Leben kennengelernt. "Ich habe auch außerordentlich viele Kirchen gesehen", erzählt er. Die faszinierten ihn so sehr, dass er heute Gotteshäuser aus Pappe bastelt. Die Münchner Frauenkirche hat er im Obergeschoss seines Häuschens platziert. "Das letzte halbe Jahr hab' ich dafür gebraucht", berichtet er. Im Moment hat er die Kirche von Kaub am Rhein in Arbeit.

Auf dem Couchtisch liegt das Buch "Nein und Amen - mein Abschied vom traditionellen Christentum" von Uta Ranke-Heinemann, der ältesten Tochter des einstigen Bundespräsidenten Gustav Heinemann. "Ganz außerordentlich interessant", findet Gruhler die Lektüre. Wenn er ein Buch nennen soll, das er niemals weggeben würde, dann den "Faust", den er den gesamten Krieg durch mit sich herumgetragen hat. "Zum Schluss konnte ich ihn so gut wie auswendig." Die Bibel hätte er nicht bei sich behalten, fügt er leise hinzu.

Gruhler zeigt Fotoalben mit Aufnahmen seiner Kinder. Fünf Enkel hat er mittlerweile und ein Urenkelchen. Alle drei Söhne leben hier in der Gegend. Zu ihnen hat der Vater guten Kontakt. Aber: "Sie kommen, wir unterhalten uns nett, dann gehen sie und ich bin doch wieder allein." Umziehen will Gruhler nicht noch einmal. "Ich wohne hier so schön." Ein Herr von der Schwesternschaft bringt das Mittagessen und macht einmal pro Woche das Haus sauber. "Ich nehme mir vor, jeden Tag für eine halbe Stunde hinauszugehen, komme aber meist erst nach einer Stunde wieder, weil ich immer irgendjemanden auf ein Schwätzchen treffe." Auch hinters Steuer setzt er sich mit seinen 90 Jahren manchmal noch. "Dass ich die Fahrerlaubnis immer noch habe, hat nur mit meiner Hartnäckigkeit funktioniert. Als man sie mir vor drei Jahren mit der Begründung, ich hätte Diabetes, wegnehmen wollte, habe ich mir einen Rechtsanwalt genommen und sie behalten", erklärt Gruhler spitzbübisch. Mobil zu bleiben ist wichtig heutzutage.

"Der größte Fehler, den ich als Rentner gemacht habe, war, mir mit 75 Jahren meine Stasi-Akte anzusehen", fährt Gruhler fort. Was er dort gelesen habe, sei "furchtbar" gewesen.

Wovon träumt ein Mann, der zehn Jahre seines Lebens im Krieg und in der Gefangenschaft verbracht hat? "Im Traum bin ich meist auf Wanderschaft, gucke mir Städte an, Gebäude. Es sind keine Alpträume, ich schaue immer interessiert in der Gegend umher", sagt er.

Jetzt, wo die schöne Jahreszeit gekommen ist, sitzt Gruhler oft im Garten und schaut ins Grüne. "Das hat mein Vater auch schon getan", weiß er noch. Tauschen möchte er mit keinem mehr, nicht einmal für einen Monat: "Was ich erlebt habe, reicht mir."

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit. Heute geht es um den fast 90-jährigen Joachim Gruhler. Er verbrachte zehn Jahre im Krieg und in Gefangenschaft, begann mit 27, an der Technischen Hochschule Dresden zu studieren und war Dozent für Abwasserableitung und -behandlung an der TU Dresden. Es gibt keine größere Kläranlage in der ehemaligen DDR, die er nicht begutachtet hat. Heute baut er Kirchen aus Pappe nach, weil es ihm Spaß macht, und gelegentlich fährt er auch noch Auto.

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in Ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstraße 21, 01097 Dresden, z. Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.04.2012

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