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DNN-Mitarbeiterin probiert sich einen Tag lang im Synchronsprechen

DNN-Mitarbeiterin probiert sich einen Tag lang im Synchronsprechen

Stimmen, die im Gedächtnis bleiben. Stimmen, die Charaktere besonders werden lassen. Stimmen, die lachen, weinen, schreien und flüstern, obwohl sie nicht zur Person im Bild gehören und scheinbar doch passen.

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Einen Tag lang durfte DNN-Mitarbeiterin Juliane Just hinter die Kulissen eines professionellen Studios schauen und den Beruf des Synchronsprechers erleben.

Quelle: Anja Schneider

Dresden.

Synchronsprecher vertonen Schauspieler in Filmen, Serien oder Soaps aus anderssprachigen Ländern. Sie geben ihnen nicht nur ihre Stimme, sondern sie schauspielern. Um einmal zu erleben, wie es hinter den Kulissen beim Synchronsprechen abläuft, habe ich einen Tag lang den Job als Journalistin an den Nagel gehängt und bin stattdessen in ein Tonstudio gegangen.

Für mein Experiment treffe ich mich mit der Schauspielerin, Sängerin und Synchronsprecherin Josefin Hagen, deren ursprüngliche Familie aus Böhmen kam. Sie soll mir heute ihre Welt zeigen. Wir treffen uns im "C90 Studio" an der Könneritzstraße 25. Geschäftsführer Matthias Weigold empfängt uns im Aufnahmestudio. Ein bisschen erinnert mich der helle Raum an ein Flugzeug-Cockpit - unzählige Knöpfe und viele Bildschirme zieren die Schreibtische. Hier soll heute die britische Schauspielerin Keira Knightley, bekannt aus Filmen wie "Fluch der Karibik" oder "Kick it like Beckham", mit meiner Stimme vertont werden.

Nach einem Kaffee, der die Stimme ölen soll, beginnen wir mit Aufwärm-Übungen. "Die Übungen sollen helfen, Stimme und Atmung geschmeidiger und lockerer zu machen", erklärt mir Josefin Hagen. Etwa 200 Sprechrollen hat die Schauspielerin bereits übernommen. So hat sie im derzeit laufenden Kinofilm "Der Kleine Rabe Socke 2" und in der Serie "Grey's Anatomie" Sprechrollen ausgefüllt. Ich habe also einen Profi an meiner Seite. Richtiges Atmen will jedoch gelernt sein - Josefin zeigt mir, wie man mit verschiedenen Lauten das Zwerchfell an- und entspannt.

Wir gehen in das Aufnahmestudio nebenan. Ein kleiner Raum, der schalldicht ist. "Hier dürfen keine Geräusche von außerhalb reinkommen, das würde die Aufnahmen sonst erheblich stören", so Josefin Hagen. Direkt vor uns hängt das Mikrofon. Wir setzen Kopfhörer auf und sind so mit Tonmeister Matthias Weigold im Nebenzimmer akustisch verbunden. Außerdem haben wir einen Tablet-PC vor uns, durch das wir ihn sehen können. Bevor wir unsere Arbeit machen können, hat der Tonmeister bereits einzelne Sätze, sogenannte "Takes", aus dem Originalfilm des Dramas "Stolz und Vorurteil" aus dem Jahr 2005 mit Keira Knightley und Matthew Macfadyen in den Hauptrollen aufbereitet. Außerdem liegt vor mir ein Zettel mit den Sätzen, die ich ins Mikrofon sprechen darf. Ein wenig mulmig ist mir schon, denn zum Synchronsprechen gehört schauspielerisches Talent.

Über einen Bildschirm sehen wir eine Szene in Originalvertonung, in der Keira Knightley sagt: "Die Bibliothek in Netherfield soll zu einer der besten des Landes gehören." Ein leichter Satz zu Beginn ist gut, denke ich. Bis ich höre, wie schnell die Schauspielerin den Satz im Englischen sagt. Josefin Hagen macht es vor und nach nur zwei Anläufen passt der Satz auf die Lippen von Keira Knightley. Nun bin ich an der Reihe. Damit die Schauspielerin nicht meine tiefe Stimme bekommt, muss ich ein Stück höher sprechen als gewohnt. Der erste Anlauf gelingt nicht - ich habe zu spät eingesetzt. Tonmeister Matthias Weigold und die rotblonde Schauspielerin neben mir stimmen mir zu. Nach einigen Versprechern, der falschen Betonung oder dem falschen Tempo sehe ich die Szene zum ersten Mal neu vertont. Es ist ein seltsames Gefühl, meine Stimme und das Gesicht von Keira Knightley zusammen zu sehen. So eine tiefe Stimme hat sie sicher noch nie gehabt.

In der zweiten Szene sagt Keira Knightley, gerade vom Tanz zurück: "Oh ja! Ich vergöttere Sie!" Josefin Hagen erklärt mir, dass nun Begeisterung in der Stimme notwendig ist. Gar nicht so einfach, auf Kommando im Studio in Euphorie zu verfallen. "Denk an den schönsten Moment, den du je hattest. Dann atmest du durch und beginnst zu sprechen", so die Synchronsprecherin. Es fällt mir schwer, das alles zu vereinen. Vor allem, da die Lippensynchronität auch noch beachtet werden muss. Irgendwann jedoch nickt der Profi und sagt: "Jetzt hattest du es!" Nach immerhin zwölf Versuchen habe ich es geschafft, Josefin hat nur zwei Anläufe gebraucht. Sie erzählt mir, dass in der Produktionszeit von Filmen oder Serien nur etwa zwei Minuten für einen solchen "Take" einkalkuliert sind. Wir brauchen nun für zwei Szenen schon stattliche 20 Minuten.

Vier Personen arbeiten in einem solchen Studio gemeinsam. Im Aufnahmebereich stehen der Synchronschauspieler und der sogenannte "Cutter". Dieser achtet besonders auf das Timing und die Synchronität des Gesprochenen. Auf der anderen Seite sitzen der Tonmeister, in diesem Falle Matthias Weigold, und der Regisseur. Der Tonmeister ist für die Klangqualität, Sound und Lautstärke zuständig, der Regisseur achtet auf das Schauspiel und das Zusammenwirken der Szenen.

Die letzte Szene verlangt einiges von mir ab. Keira Knightley gibt ihrem männlichen Gegenüber eine schnippische Antwort und möchte mit den Worten "Tanzen! Auch wenn der Partner bloß recht passabel ist," auf etwas anspielen. "Ich habe noch eine schwierige Szene rausgesucht, damit du sehen kannst, was das Synchronsprechen alles ausmacht", so die Frau an meiner Seite. Was in der Originalszene leicht aussieht, gestaltet sich schwierig für mich. Josefin Hagen spricht die Szene ein. Ich versuche mich in die Situation einzufühlen: Ich spreche zu einem Mann, der schlecht über mich geredet hat und dem ich nun durch die Blume sagen will, dass ich dieses Gespräch gehört habe. Ein bisschen schnippisch soll es sein, mit einem kleinen Augenzwinkern und ein bisschen Boshaftigkeit. Gesagt, getan. Die erste Aufnahme ist zumindest synchron. "Ich habe dir das leider nicht abgenommen. Es klang zu sehr gespielt", so Josefin Hagen. Nach mehreren Versuchen fange ich wirklich an, diesen Mann zu hassen und endlich gelingt es mir, den Unterton halbwegs zu treffen.

Synchronsprecher haben einen harten Job. Nach einer Stunde im Studio habe ich meines Erachtens genug gesprochen für die nächsten drei Tage. Vor allem habe ich Durst. Die Profis stehen teilweise fünf Stunden und mehr im Studio und vertonen die erfolgreichsten Schauspieler der Welt. Und dafür bekommen sie, zugegeben, nicht viel Geld. "Der Beruf ist anstrengend, aber auch erfüllend", erzählt mir die Schauspielerin aus Elsterwerda.

Im Vorfeld dachte ich, die Lippensynchronität wird das schwierigste. Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass Untertöne, Euphorie oder Traurigkeit viel vom Schauspieler hinter dem Mikrofon abverlangen. Deswegen sind die Personen hinter dem Mikrofon eben nicht nur Sprecher, sondern vielmehr Synchronschauspieler. Eines steht fest - auch wenn meine Stimme laut Josefin gut passen würde, müsste ich dennoch erst eine Sprachschule absolvieren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.09.2015

Juliane Just

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