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DNN-Adventskalender: Ein Blick in die russische Seele

DNN-Adventskalender: Ein Blick in die russische Seele

"Hereinspaziert!" Martin Wadehn öffnet in seiner Tolkewitzer Wohnung eine Tür in eine andere Welt: Dokumente und Erinnerungsstücke auf Tischen und in Regalen verbreiten ein gemütliches Chaos; an den Wänden Bilder: schneebedeckte Berge, Dörfer, Menschen.

Von Jane Jannke

Hier in seinem Allerheiligsten sitzt der 72-Jährige täglich am Schreibtisch, um zu archivieren und zu digitalisieren. "Seine Macke", nennt es schmunzelnd Ehefrau Jutta - Leidenschaft nennt es Martin Wadehn.

Gewachsen ist die Leidenschaft über 20 Jahre. Wie ein Nomade zieht er durch das postsowjetische Territorium, baut Wohnsiedlungen für abziehende Sowjetoffiziere im Kaukasus sowie im Donbecken für vertriebene Wolgadeutsche. Akribisch hält er seine Erlebnisse in Tagebüchern und auf Bildern fest. So entsteht ein Archiv, das heute mehr als 230 Ordner und Schnellhefter umfasst, insgesamt sechs Meter Dokumentationsmaterial. Und stetig kommt etwas hinzu, denn Martin Wadehn kehrt immer wieder an seine früheren Wirkungsstätten zurück. Erst im August war er wieder im Kaukasus - "Meine erste Baustelle vor genau 20 Jahren."

Zwischen Einheit und Krieg

Anfang 1991 grübelt der damals 52-jährige promovierte Maschinenbauingenieur, wie es weitergehen soll. In der DDR eckte der überzeugte Christ oft an, konnte sich in der Mangelwirtschaft selten etwas leisten. Jetzt, nach der Wende, hat er nicht einmal mehr einen Job. Schließlich aber wird der Umbruch doch noch zum Segen. In den 2+4-Verträgen zur Wiedervereinigung hat sich Deutschland verpflichtet, den Eilabzug der sowjetischen Truppen mit dem Bau von 40 000 Wohnungen für die Heimkehrer zu unterstützen. Wadehn sieht seine Chance, unterschreibt zunächst für zwei Jahre beim Bauriesen Philipp Holzmann, der in der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas eine Wohnsiedlung für Offiziersfamilien bauen soll. "14 Jahre sind es am Ende geworden", sagt Wadehn und lacht.

Am 6. August 1991 platzt er mitten in die Wirren des untergehenden Sowjetreiches. In den kleinen Kaukasusrepubliken Nord- und Südossetien brodelt es. Wenige Wochen nach seiner Ankunft putschen Aufständische Michail Gorbatschow aus dem Amt. In den Geschäften gibt es kaum noch etwas zu kaufen, Benzin wird knapp. Vom heraufziehenden Bürgerkrieg bekommt Wadehn anfangs wenig mit. Die Baustelle wird streng vom sowjetischen Militär bewacht. Sechs Tage die Woche arbeitet er von morgens halb sechs bis abends halb elf als Einsatzleiter, drückt den Fahrern die Fahrzeugschlüssel in die Hand und kämpft gegen Vorurteile seiner westdeutschen Kollegen: "Für die war ich anfangs der dumme, faule Ossi." Doch die Unruhen spitzen sich zu, Ausgangssperren werden verhängt: "...Vor dem Hoteleingang steht heute ein Panzer. Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall. Aus dem Rohr der Panzerkanone raucht es. Die Inguschen ziehen sich zurück...", notiert er im Herbst 1991. Er wird nicht nur Zeuge des bewaffneten Konfliktes, er begegnet auch dem Tod. Und er sieht, wie die Menschen im so reichen und prunkvollen Moskau zu Weihnachten hungern. Da ist die Sowjetunion seit wenigen Tagen Geschichte.

Die russische Seele

Wadehn verbeißt sich in die Arbeit. Wegen seiner Akribie und Strenge hat er unter den Arbeitern bald den Namen "Martin der Schreckliche" weg. Dennoch schließt er Freundschaften, die bis heute Bestand haben: Zu Sergej, dem Fahrer, oder zu Zoltan, dem Beamten, um dessen Leben er in den letzten Jahren aufgrund der unsicheren Lage im Kaukasus mehrfach bangen musste. "Die russische Mentalität ist anders als unsere", sagt er. "Vieles nimmt man dort sehr viel lockerer, manchmal auch zu locker." Vor allem die Herzlichkeit der Menschen habe ihn beeindruckt: "Hat man einmal das Herz eines Russen erobert, dann ist das für immer."

Im Frühjahr 1992 verlässt Wadehn den Kaukasus, um kurz darauf nach Saratow an die Wolga aufzubrechen. Das Russland-Fieber hat ihn längst gepackt. Ehrenamtlich leitet er den Wiederaufbau einer Kirche in Wolgograd. Ehefrau Jutta ist für mehrere Wochen im Jahr bei ihm - auch wenn sie am gewöhnungsbedürftigen postsowjetischen Lebensstandard manchmal fast verzweifelt. Zu den schönen Momenten gehören für beide die Begegnungen mit Wolgadeutschen, denen ihre fast vergessenen deutschen Wurzeln wieder etwas näher zu bringen besonders Jutta Wadehn ein Anliegen ist. "Ich zitierte aus deutschen Klassikern wie dem Erlkönig und ließ mir Puppenspiele auf Deutsch für die Kinder einfallen", erzählt die 74-Jährige. "Ohne sie hätte ich die Einsamkeit wohl kaum ertragen", verrät ihr Mann.

Als Martin Wadehn im August in den Kaukasus zurückkehrt, ist er überrascht vom guten Zustand der Siedlung, die er damals mit erschuf. "Alles ist heute in privater Hand, erzählt er. Auf einem Zaun entdeckt er die Worte: "Spassiba Holzmann" (Danke Holzmann). Anderswo findet er wiederum verweiste Ortschaften vor. Etwas Besonderes sind die Reisen in die Vergangenheit jedoch immer für den 72-Jährigen: "Solange es geht, werde ich zurückkehren", versichert er. Seine Frau nimmt es mit Humor: "Ich werde ihn nicht mehr ändern", sagt sie nachsichtig lächelnd.

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen die DNN wie bei einem Adventskalender jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Türen. Dieses Mal sind wir zu Gast bei Martin Wadehn. Der Dresdner hat über zwei Jahrzehnte hinweg die Länder der ehemaligen Sowjetunion bereist und lange dort gelebt und gearbeitet. Für die Leser der DNN öffnet er exklusiv sein kleines Privatarchiv und teilt seine Erinnerungen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.12.2011

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