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Biomüllfahrer auf Tour: Wie aus Steaks Tomaten werden

Biomüllfahrer auf Tour: Wie aus Steaks Tomaten werden

Ohne sie würde die Suppenkasperei der Dresdner zum Himmel stinken: Die Fahrer der Stadtreinigung leeren jede Woche den Inhalt über 20 000 Biomülltonnen und schleppen sie zum Kompostieren - auf dass aus Brot, Steaks und Kartoffelresten fruchtbare Humus-Erde werde.

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Wolfgang und Sylvio (l.) bei ihrer Biomüll-Tour in Dobritz - 410 geleerte Biotonnen zeigt der allwissende Abfallcomputer im Cockpit nach acht Stunden Schicht schließlich an. Später, in der Humuswirtschaft Kaditz, bringt diese Fuhre knapp zwölf Tonnen auf die Waage.

Quelle: Dietrich Flechtner

DNN-Redakteur Heiko Weckbrodt hat die Biomüll-Fahrer begleitet.

Wer hat denn da wieder nicht aufgegessen? Im freien Fall auf die Kadenstraße hat die braune Tonne ihr Maul aufgerissen und offenbart, was Familie Schröder oder Meier gestern auf dem Abendbrottisch hatte. Ein Baguette ragt aus der Bioabfalltonne, auch Tomatensalat stand auf der Speisekarte - offensichtlich hat er nicht gemundet, sonst wär er wohl kaum im Müll gelandet.

Es ist 11.10 Uhr in Dobritz und Biomüllfahrer Wolfgang hat keine Zeit zum Lamentieren: Acht Stunden dauert seine Schicht und in der sind über 400 Biotonnen zu leeren, da ist der Profi gefragt. Schwupps, ist der Deckel zu, die Tonne zum Lader gerollt und der organische Inhalt landet im Schlund des röhrenden Ungetüms.

"Oft schmeißen die Leute zum Beispiel Obst schon weg, wenn es nur eine braune Stelle hat", sagt der 58-Jährige. Besonders lecker wird es, wenn sich die Anwohner auch noch im Behälter vertun: "Einmal haben wir ein komplettes Rehbein in einer Grünen-Punkt-Tonne gefischt", erinnert sich der Müllfahrer. Sein Kollege Sylvio ist schon 21 Jahre dabei und er hat schon alles gesehen, was Dresdens Reste so zu bieten haben. "Da werden noch eingeschweißte Wurstpackungen weggeworfen, komplette Brote, Steaks, Fisch..."

Um mir selbst ein Bild zu machen, krabbele ich aus dem Cockpit des orangen Mercedes-Laders - noch allzu gut habe ich die stinkenden "Specki"-Stahltonnen aus DDR-Zeiten in Erinnerung und in der Nase, die wie die Pest stanken und in die man im anonymen Plattenbauviertel gern auch mal Dinge warf, die "Specki", das LPG-Schwein, ganz bestimmt nicht mochte. Dagegen wirken die Tonnen und die Lader der Dresdner Biomüllflotte heutzutage regelrecht wie abgeleckt.

Vorsichtig schnüffele ich an der nächsten Biotonne: Geht eigentlich, denke ich und packe zu. Einmal, zweimal - der dritten Tonne merke ich schon langsam ihr Gewicht an. Mit Wolfgang und Sylvio tauschen möchte ich nicht - so eine Buckelei fünf Tage die Woche und das über Jahre und Jahrzehnte hinweg geht garantiert auf die Knochen.

Während der Stahlarm die 80 Bio-Liter in den Orkus rüttelt, halte ich meinen Rüssel auch dorthin, einen Pesthauch von Verwesung erwartend. Fehlanzeige. "Kommen Sie mal im Sommer wieder, bei 30 Grad", grinst mich Sylvio an, als ich ein paar Stationen weiter nicht mehr den Müllmann spielen will und zurück in den Fahrerstand klettere. "Da laufen einem die Tonnen fast hinterher, so wie die dann leben, voller Maden - da würgt es mich manchmal richtig."

Regen zieht auf und auch Wolfgang hält es nicht mehr auf dem Standgitter hinten am Heck. Inzwischen ist es kurz vor 2 Uhr und wir tuckern über die Breitscheidstraße wieder gen Tatzberg, zum Hauptquartier der Laderflotte. Sylvio hangelt sich beim vorletzten Halt am Fahrerdisplay durch allerlei Menüs - wieder mal hat ein Hausmeister die Biotonne nicht rausgestellt, die wird aus dem Tourenplan rausgerechnet.

"Die wildeste Story war mal an der Maxim-Gorki-Straße", fällt ihm plötzlich ein, während Wolfgang die letzte Tonne einsammelt. "Das stand ,Vorsicht Ratten!' drauf." Dennoch sackten die Müllmänner die Tonne ein - Plan ist Plan - und fuhren sie zur Verwertungsanlage. "Als wir dort den Lader aufgemacht haben, sind uns riesige Zuchtratten entgegen gesprungen", erinnert er sich. "Die sind dort eine Weile rumgetanzt und haben sich dann verkrümelt."

Für Sylvio ist die Schicht zu Ende, als er seinen 200-PS-Boliden auf den Betriebshof in der Johannstadt abgestellt hat. Ich aber fahre mit Wolfgang zur Humuswirtschaft Kaditz, um noch die ganze Fuhre abzuladen, die dort in einem maschinellen Großkompost in Humus verwandelt wird. 11,98 metrische Tonnen netto zeigt die Fahrzeugwaage an, als wir gegen halb 4 dort eintrudeln.

Obwohl Wolfgang mich gewarnt hat, steige ich aus, während der Lader seine Dobritzer Tagesration in einer düsteren Hallenecke ausspuckt. In einer masochistischen Anwandlung atme ich tief durch. Schwer, süß und verfault schlägt mir eine Atmosphäre entgegen, wie sie wohl die urzeitliche Erde hatte, als gerade das erste Leben entstand. Nach drei Atemzügen reizt der Husten, nach zehn bin ich sicher: Das halte ich keine Minute länger aus - und eile zurück zu Wolfgang in die vorsorglich fest verschlossene Kanzel.

Erst, als wir die düstere Abladehalle verlassen, hole ich wieder Luft und habe auch einen Blick für die Berge "frischer" Erde, die sich dahinter auftürmen. Das waren mal Steaks, Fische und Baguettes, denke ich, auf denen in ein paar Monaten oder Jahren Tomaten, Äpfelbäume und Gurken wachsen - und der Kreislauf beginnt vor vorn...

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.04.2012

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