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August Loden und der Lodenmantel – eine angebliche Erfindung aus Dresden

August Loden und der Lodenmantel – eine angebliche Erfindung aus Dresden

so sieht sich Dresden gern. Die sächsische Landeshauptstadt darf sich unter anderem damit schmücken, dass hier 1708 Johann Friedrich Böttger den entscheidenden Schritt bei der Entwicklung des europäischen Hartporzellans machte.

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Der Lodenmantel entspringt einer im Raum Dresden verbreiteten Legende zufolge dem Genie des Löbtauer Händlers August Loden.

Quelle: Stefan Schramm

Stadt der Erfindungen. Friedrich Adolph August Struve stellte 1820 in Dresden das erste künstliche Mineralwasser her. Die Hausfrau Christine Hardt ließ 1899 den ersten verstellbaren Büstenhalter patentieren, den sie in ihrer Dresdner Wohnung aus zusammengeknüpften Taschentüchern und Männerhosenträgern gebastelt hatte. Und Physiker Manfred von Ardenne entwickelte ab 1970 in seinem Forschungsinstitut in Oberloschwitz die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, ein alternativmedizinisches Verfahren zur Krankheitsbehandlung.

Diese und andere Pioniertaten finden sich in diversen Auflistungen in der Literatur und im Internet. Doch auf diesen Listen geistert oftmals auch ein seltsamer Name herum: August Loden. Der soll im 19. Jahrhundert in seinem Geschäft an der Kesselsdorfer Straße/Ecke Kronprinzenstraße in Löbtau den nach ihm benannten Lodenmantel erfunden haben.

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Das Geschäft im gegenüberliegenden Eckhaus steht derzeit leer. Man könnte glatt meinen, dass im Schaufenster steht: „Loden zu vermieten“. Tatsächlich ist aber nur ein „Laden“ gemeint.

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Doch, die Geschichte klingt zu schön, um wahr zu sein. Und es gibt gewichtige Indizien, die dagegen sprechen. Der triftigste Grund: Lodenmäntel gab es schon lange vor dem 19. Jahrhundert. Aus Loden, wie man bestimmte derbe Wollstoffe nennt, bestand traditionell die Kleidung der bäuerlichen Bevölkerung Europas, die dieses gewebte und später zudem gewalkte Material als Schutz vor Wind und Nässe besonders schätzte. Auch das Wort Loden selbst ist sehr alt – das bereits im 10. Jahrhundert belegte althochdeutsche „Lodo“ bedeutete „grobes Wollzeug“.

Doch wenn er den Mantel schon nicht erfunden haben kann, war der Löbtauer August Loden ja aber vielleicht ein findiger Geschäftsmann, der nur seinen Namen zum Programm gemacht hat und deshalb begann, Lodenmäntel zu verkaufen – oder er hieß in Wirklichkeit ganz anders und August Loden ist nur ein an die Textilie angelehnter Künstlername? Infolge derartiger Spekulationen ist jetzt das Dresdner Stadtarchiv der Sache auf den Grund gegangen, wenn auch mit einigen Hindernissen: „Leider ergeben sich aus den Veröffentlichungen im Internet keine genauen Informationen, wie Zeitpunkt und Adresse mit Hausnummer“, bedauert die für die Auswertung zuständige Sachgebietsleiterin Gisela Hoppe gegenüber DNN-Online. Und weil die Meldeunterlagen von Dresden bis 1945 im Zweiten Weltkrieg verloren gingen, könne man auch über diesen Weg August Loden nicht finden.

Allerdings ergaben die Nachforschungen der Archivmitarbeiter, dass in den Löbtauer Adressbüchern von 1883 bis 1902 weder der ungewöhnliche Name Loden noch die Nachnamen Lode oder Lohde verzeichnet sind. Die beiden Letzteren gebe es zwar in den Dresdner Adressbüchern ab 1903, aber dort existiere der Name Loden ebenfalls nicht. „Auch in unserem Bestand Gewerbeamt A und in den Geschäftsempfehlungen (Werbung) haben wir keinen Hinweis auf das Geschäft eines August Loden“, informiert Gisela Hoppe weiter. Der Familienname sei schlicht und einfach nirgendwo verzeichnet.

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Kesselsdorfer Straße/Ecke Rudolf-Renner-Straße in Löbtau: Wo heute die 1911 als Kronprinzen-Apotheke eröffnete Robert-Koch-Apotheke ihren Sitz hat, soll ein gewisser August Loden im 19. Jahrhundert den nach ihm benannten Lodenmantel erfunden haben.

Quelle: Stefan Schramm

Nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Geschichte trägt auch bei, dass die Adresse Kesselsdorfer Straße/Ecke Kronprinzenstraße, heute als Rudolf-Renner-Straße bekannt, nicht zum 19. Jahrhundert passt, weil es sie erst nach der Eingemeindung von Löbtau nach Dresden mit Jahresbeginn 1903 gab. „Die Kesselsdorfer Straße war bis dahin die Wilsdruffer Straße und die Kronprinzenstraße war die Friedrich-August-Straße“, berichtet Hoppe. Auch die Zeitangabe mit dem 19. Jahrhundert ist fast auszuschließen, denn die Häuser in diesem Teil Löbtaus entstanden erst ab den 1890er Jahren. In besagtem Eckhaus, laut einer Inschrift 1893 fertiggestellt, befindet sich übrigens seit dem 15. Mai 1911 eine Apotheke, ein Textilgeschäft ist dort nicht nachweisbar.

Fazit: Der Name August Loden ist wohl ins Reich der Legenden zu verweisen. Die Quelle dieser Geschichte lässt sich nicht mehr zurückverfolgen. Möglicherweise handelt es sich um einen Scherz, der auf der regionalen Bekanntheit des Wortes Loden beruht, das in der derben Umgangssprache die Haare bezeichnet. In der wissenschaftlichen Forschung spielt die im Raum Dresden verbreitete Anekdote jedenfalls keine Rolle. Ihrem unbekannten Urheber kann man dagegen gratulieren. Er hat eine moderne Großstadtsage geschaffen – eine sogenannte Urban Legend, die sich hartnäckig hält und immer weiter verbreitet wird.

Unter anderem schaffte es August Loden in eine 2010 veröffentlichte Präsentation einer Ingenieurin der TU Dresden zum Thema Innovation. Dort taucht er wie selbstverständlich zwischen anerkannten und berühmten Dresdner Erfindern Melitta Bentz (Kaffeefiltertüte) und Karl August Lingner (Odol-Mundwasser) auf. Erst vor wenigen Wochen erhielt August Loden sogar in der Online-Enzyklopädie Wikipedia einen eigenen Eintrag, doch dort kam man der Legende schnell auf die Schliche und löschte die fragwürdige Kurzbiographie. Aber der ruhmreiche Dresdner Erfinder zeigt andernorts weiterhin Präsenz und dürfte noch längst nicht dem Untergang geweiht sein. An dieser Geschichte ist wohl nicht der Lodenmantel, sondern August Loden selbst die gelungenste Erfindung.

Stefan Schramm

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