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Auf jedem Parkett in Dresden zu Hause: Heidrun Müller feiert 70. Geburtstag

Auf jedem Parkett in Dresden zu Hause: Heidrun Müller feiert 70. Geburtstag

Das Mädchen Heidrun wollte am liebsten Sängerin oder Schauspielerin werden. Auch Malerin und Ärztin kamen in Frage. Oder Balletttänzerin. Typische Träume für ein Kind mit kreativer Energie, Bewegungsdrang und einer gesunden Portion Ehrgeiz.

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Heidrun Müller

Quelle: privat

Zunächst kam die 13-Jährige, sie war schon als Ansagerin und in anderen Schulprojekten aufgetreten, zum Ballett der Wismut. Dort, wie auch im Konsum-Ballett, fiel sie als begabt auf. So begann sie noch im gleichen Jahr ihre Ausbildung (1958 bis 1963) an der Palucca Schule. Der Traum von der Tänzerin konnte Wirklichkeit werden.

Damals war die Palucca Schule Dresden nach dem Willen des SED-Staates gerade im Begriff, sich dem "Vorbild" sowjetischer Ballettschulen anzunähern. Palucca sah ihren Einfluss schwinden und drohte mit Ausreise. Von diesen Krisen ahnte die neue Elevin nichts. Eifrig stand sie an der Ballettstange in einer Klasse mit Hannelore Bey, der späteren Primaballerina. Zu Paluccas 60. Geburtstag 1962 gehörte auch Heidrun zu den Gratulanten. Ein Foto zeigt sie mit Kopfverband; die künftige Tänzerin hatte sich gerade die Ohren anlegen lassen.

Palucca ist für Heidrun Müller immer die große Lehrmeisterin geblieben. Eine, die Lehren fürs Leben erteilt hat. So erwähnte diese oft die Tugenden des Tänzers "Disziplin, Konzentration, Präzision, Intensität und Phantasie". Genau diese Eigenschaften erwählte sich die Geschäftsfrau Müller als Credo einer Agentur für Protokoll, PR und Veranstaltungsorganisation, die sie 2010 gemeinsam mit ihrer jüngeren Tochter gegründet hat. Da war sie bereits im Rentenalter, aber voller Elan, sich zum wiederholten Mal ein neues Terrain zu erschließen. Getreu ihres zweiten Leitspruchs: "Höre nie auf anzufangen. Fange nie an aufzuhören." Ihn hat sie einer Schwester des Klosters Marienstern zu verdanken und beherzigt ihn bis heute.

Am 25. Januar des Kriegsjahres 1944 in Dresden geboren, erklomm Heidrun Müller mit Intensität die Bühnenbretter. Auch Disziplin, Konzentration und Präzision gehörten dazu, einen der vier kleinen Schwäne aus "Schwanensee" zu tanzen. Während der Engagements an den Staatsopern Berlin und Dresden im Corps de ballet mit Soloaufgaben war sie u. a. in "Giselle", im "Narren" von Prokofjew oder bei Aufführungen im Dresdner Zwinger zu sehen. Mit 27 - inzwischen verheiratet und Mutter ihrer ersten Tochter - verabschiedet sie sich von der Bühne. Nicht aber vom Theater.

Die nächste Phase sollte dem Regiebetrieb der Dresdner Oper gelten. Doch nach dem Volontariat wurde Müller nicht übernommen. Der Grund: 18 Monate Freiheitsentzug auf Bewährung wegen "Nichtanzeige staatsfeindlichen Menschenhandels". So hieß das Nichtmelden von Freunden, die in den Westen wollten. Die "Bewährung" fand im Klubhaus "August Bebel" am Wasaplatz statt als "Fachmethodikerin für Volkskunst". Wieder waren Disziplin und wohl auch Phantasie gefragt, das Beste daraus zu machen. Heidrun Müller nutzte den Spielraum, den ihr der Kulturbereich bot. So zeichnete sie für Veranstaltungen des Studentenclubs der TU Dresden verantwortlich, war von 1976 bis 1988 Programmgestalterin und Regisseurin für Unterhaltungskunst am Kulturpalast und folgte anschließend einem Ruf Fiete Junges als Mitbegründerin und Vizechefin des "Dresdner Brettls".

Die Zufälle des Lebens ergreift sie couragiert und was sie macht, tut sie mit Herz, überzeugt durch Intensität und Phantasie und nicht zu vergessen mit ihrem Charme. Als Kurt Biedenkopf die inzwischen alleinerziehende Mutter als stellvertretende Regierungssprecherin in die Staatskanzlei holte, stieg ihre Popularität. Weitere sechs Jahre, bis 2006, setzte sie ihr Organisationstalent als Protokollchefin des Freistaates ein. Man erinnert sich gern an die Frau mit dem dunklen Haarknoten, ihren straffen Schritt in hohen Pumps und ihr gewinnendes Lächeln. Danach wechselte sie noch einmal, an die Sächsische Akademie der Künste.

1995 gründete Müller einen Ost-West-Club zum besseren Verständnis untereinander, war an der Geburt des Neuen Sächsischen Kunstvereins beteiligt und der des Fördervereins der Palucca Schule. Sie ist Stiftungsmitglied der Bürgerstiftung und in weiteren Gremien aktiv. Der Tanz, später auf dem gesellschaftlichen Parkett, hat ihr die Spannkraft verliehen. Nicht ausgeschlossen, dass weiter Ideen sprießen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.01.2014

Genia Bleier

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